Nichts vorhaben, schlendern

Lebenskunst Wer Franz Hessels neu aufgelegtes Buch „Spazieren in Berlin“ liest, macht nicht nur eine Zeitreise ins Berlin der 1920er. Er bekommt auch Lust, selbst Flaneur zu werden
Nichts vorhaben, schlendern
Mit skeptischem Blick, eigentlich gar nicht nach Art des Flanuers: Franz Hessel 1930

Foto: Ullstein Bild

Auf der einen Seite gibt es so eklige Begriffe wie die Flaniermeile. Da heißt Flanieren Schaulaufen – auf der Kö in Düsseldorf oder auf dem Ku’damm. Das Schaulaufen funktioniert natürlich über das Gesehenwerden, während beim Flanieren doch das eigene Sehen entscheidend ist. Auf der anderen Seite wurde der „Flaneur“ von der Theorie in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts totgeschrieben. Studien zum Flaneur als dem Inbegriff der sensitiven Großstadt­existenz füllen Germanistikbibliotheken. Keine Frage: Der Begriff hat seine Aura, seine Coolness verloren.

Lohnt dennoch ein Blick zurück, in die Weimarer Republik? Dort findet man die, die sich den Flaneur mit Stolz auf die Brust geschrieben haben: Joseph Roth, Walter Benjamin und eben Franz Hessel, dessen Textsammlung Spazieren in Berlin in jüngster Zeit gleich mehrfach neu aufgelegt wurde, zuletzt als Taschenbuch im Bloomsbury Verlag. Dies hat zum einen mit dem ausgelaufenen Urheberrecht zu tun, zum anderen damit, dass Franz Hessels Sohn, Stéphane Hessel, mit seiner Flugschrift Empört Euch! in aller Munde war und nun ein Geleitwort zur Neuauflage des Vaters beisteuerte. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass Spazieren in Berlin sehr gut in die heutige, von der Beschleunigung ermattete Zeit zu passen scheint.

Leise und bescheiden

Franz Hessel wuchs im Berlin des Fin-de-siècle auf, an das er sich in dem 1929 veröffentlichten Spazieren in Berlin gerne melancholisch erinnert. In jenen Jahren arbeitete er als Lektor im Ernst Rowohlt Verlag, daneben übersetzte er Werke der Weltliteratur, unter anderem zusammen mit Walter Benjamin einen Teil von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Berlin war Franz Hessel nicht immer treu: Zum Studium war er nach München gezogen, freundete sich mit Stefan George an, ging dann aber bald, finanziell unabhängig, nach Paris, wo er von dem Kunsthändler Henri-Pierre Roché in die Pariser Boheme eingeführt wurde. Rochés ménage-à-trois-Roman Jules et Jim schildert die poetische Freundschaft der beiden und die schwierige Beziehung Hessels (der Vorlage für den Roman-Jules war) zu seiner späteren Frau Helen Grund.

Der Roman diente wiederum, man ahnt es schon, als Vorlage für Truffauts berühmten Film. Hessel jedoch bekam von diesem späten Ruhm nichts ab. Ebenso wenig konnte sich sein Name bei einem breiteren Publikum verfestigen, noch nicht einmal, als sich die Germanistik in den achtziger Jahren auf den Flaneur stürzte. Hessels Buch bekam damals zwar eine Neuauflage unter dem Titel Ein Flaneur in Berlin, geriet aber bald wieder in Vergessenheit.

Spazieren in Berlin ist also die Wieder-Wiederentdeckung des Flaneurs Hessel. Und glücklicherweise hat man sich auf Hessels ursprünglichen Titel besonnen. Sehr leise und bescheiden klingen die ersten Kapitel des Buchs. Hessel stellt von vorneherein klar: Man hat es nicht leicht als Flaneur. Einem, der nur rumsteht, guckt und keine andere Aufgabe hat, als eben genau zu gucken, zu denken, zu notieren, dem begegnet der Berliner mit Misstrauen, der macht sich verdächtig. „Hier geht man nicht wo, sondern wohin.“ Hessel inszeniert sich als schüchterner Spaziergänger (man möchte sagen: als Verlierer), der gerne auch in die Hinterhöfe gehen und die Frau auf der Straße zu ihrem Leben befragen würde. In diesem Punkt ist ihm etwa der heutige Reporter Moritz von Uslar nicht unähnlich. Der flaniert in Deutschboden durch die Kleinstadt und hat die ganze Zeit „solch eine irre Angst“ vor jedem Blick, den er zu viel werfen könnte.

Der heimliche, stille Franz Hessel zeichnet ein Gegenbild zum hektischen, fragmentierten Berlin der zwanziger Jahre, von dem man in den avantgardistischen Romanen liest und in dem die Straßenbahn- und Baugeräusche zur Kakophonie einer unfassbaren Großstadterfahrung anheben. Hessels Sound ist anders. Es ist nicht das Berlin aus Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz, das Hessel aufschreibt. Sein Ziel ist es, Dinge sichtbar zu machen. Das geht nur, wenn man Zeit hat. „Langsam durch belebte Straßen zu gehen,“ so beginnt Hessel, „ist ein besonderes Vergnügen.“ Flanieren ist ihm ein Lesen der Straße. Um zu flanieren, darf man eigentlich gar nichts vorhaben. Man schweift ziellos und vor allem zeitlos umher, gibt sich ganz dem Zufall hin.

Die ständig kurz angebundenen Berliner ermuntert Hessel zum bewussteren Bewohnen der Stadt, man solle sich ruhig mal in der Vergangenheit ausruhen. „Der Zukunft zittert die Stadt entgegen“, schreibt er in seinem „Nachwort an die Berliner“. Das klingt doch sehr zeitgemäß. Man stellt sich vor, dass Hessel sein Wort auch an den heutigen Großstadtmenschen richtet: Trink deinen Caffè Latte hier, renne nicht zum nächsten Meeting, schau dir doch mal die Menschen am Nachbartisch an. Den Touristen spornt er an, indem er sich im Kapitel „Rundfahrt“ als Anti-Tourguide inszeniert, von der gewöhnlichen Route abzuschweifen, Seitenstraßen zu nehmen und die sogenannten Sehenswürdigkeiten nicht bloß anzuschauen, sondern sie in ihrer Geschichtlichkeit zu begreifen. Letzteres ist auch seine präferierte Methode, eine Art Geisterbeschwörung zu betreiben. So besteigt er beispielsweise den Kreuzberg und erzählt dabei, wie an gleichem Ort und gleicher Stelle einst der abergläubische Kurfürst stand, um sich vor einer drohenden Sintflut in Sicherheit zu wägen. Hessels Methode: Er lässt aus Gegenwart, eigener Vergangenheit und Stadtgeschichte eine größere Erzählung entstehen. Hessels Muse ist die Vergangenheit, schrieb einst Walter Benjamin.

Erstaunliche Parallelen

Lohnt es sich also, heute noch oder wieder Hessels Buch über das Spazieren zu lesen? Die Antwort lautet: aber ja. Allerdings: Man muss nicht das ganze Buch lesen. Das wäre sogar im Sinne Hessels gewesen. Es geht ihm nicht darum, ein Panorama der Stadt zu zeichnen (auch wenn das immer wieder so scheint), sondern darum, dem Leser das Gehen und das Sehen zu lehren. Die einzelnen Kapitel mit Titeln wie „Etwas von der Arbeit“, „Von der Lebenslust“, „Der Kreuzberg“ oder „Tiergarten“ sind Feuilletontexte, gut einzeln zu lesen.

Besonders viel Spaß macht das Abgleichen von damaligem und heutigem Berlin. Da, wo der Leser, ganz nach Hessel, seinen Assoziationen freien Lauf lassen kann. So entdeckt man erstaunliche Parallelen in der Mode, wenn Hessel den damaligen Berliner Stil als einen charmant Zufälligen beschreibt. In „unsere jungen Berlinerinnen“ ist Hessel so richtig verliebt. Beim Ausgehen trifft er sie und hält sie für ganz und gar erstaunlich: Es sind die Hipster-Mädchen von heute, schon gestern: „Was das Essen, Trinken und Rauchen angeht, da haben sie mancherlei neue Methoden, charmante Enthaltsamkeiten, hygienische Kasteiung, sportliche Grundsätze. Sicher wie durch das Gedränge der Straße steuern sie durch das der Vergnügungen, finden die paar Tanzpfade im Dickicht der Menschenhäufungen, wissen, in welchem Hotel oder Lokal man allenfalls noch nachmittags tanzen kann.“

Es ist schön, dass dieser bestvergessenste Flaneursprosa-Autor eine kleine Wiederbelebung erfährt. Das Einzige, was ein wenig annerven kann, ist der dann und wann allzu schwer werdende Sack voll Wissen, den Franz Hessel im vertraulichen Ton auf den Leser ablässt. Am leichtesten kommt Spazieren in Berlin dann daher, wenn er von den Menschen erzählt. Dass die Berliner nie Zeit haben, hat sich natürlich nicht geändert. Man selbst würde sie gerne zu einem ziellosen Spaziergang ermuntern. Man müsste es ja nicht gleich „Flanieren“ nennen.

Spazieren in BerlinFranz Hessel Bloomsbury Taschenbuch, 302 S., 9,95. Im vergangenen Jahr erschien eine Neuauflage im Verlag für Berlin-Brandenburg sowie eine im Arsenal Verlag

Maximilian Link (26) hörte den Namen Franz Hessel zum ersten Mal von Michael Wetzel, als der vor zwölf Jahren im Freitag über ihn schrieb

10:00 10.06.2012

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