Nichts zu lachen

Käsetheke Martin Seels „Theorien“ lesen sich wie Reflexionen aus dem unbeschädigten Leben

Wer in der Philosophie Aphorismen schreibt, muss sich mit den großen Meistern messen lassen – Nietzsche, Wittgenstein, Adorno. Die Latte hängt also hoch. Doch solche Bedenken stören den Frankfurter Philosophen Martin Seel nicht, er nimmt es easy. Das letzte, was er im Moment seines Todes innerlich hören werde, würde wohl Bessie Smith’ Easy Come, Easy Go Blues sein, schreibt er, und wie Blues, oder besser wie Jazz, hat er auch seine kurzen Denkstücke angelegt.

Das Buch, um es gleich zu sagen, ist ärgerlich. Es ist ärgerlich, weil es eitel und zu harmlos ist, weil es über den selbstzufriedenen Horizont von Fußballbegeisterung und Käsetheke, Einfamilienhaus, Kindergarten und Altersheim nicht hinaus will, und außerdem ist das Buch ärgerlich, weil es passagenweise dann doch besser ist, als man es finden möchte.

„Theorien sind Anschauungen“, schreibt Seel, und weil der große Anspruch, „alles in einem zu sehen“, obsolet geworden ist, bricht er Theorien aufs Kleinste herunter. Er spielt mit Beliebigkeit, doch natürlich sind die 517 Stücke und Sätze wohl komponiert und greifen in fließender Abfolge alle wesentlichen Themen auf: gutes Leben und Moral, freien Willen und Bestimmtheit, Schlaf und Endlichkeit, Wahrheit und Täuschung, Wünschen und Wollen, was es heißt, Gründe oder Meinungen zu haben.

Seels Reflexionen gratwandern zwischen Problemstellungen akademischer Philosophie und platter Lebenshilfe, halten sich aber immer auf einem gewählt denkerischen Niveau. Gut und zuweilen tröstlich sind die Gedanken zur Lebenslenkung, und schön ist, wie manche theoretische Abhandlungen ins Leichte gebracht werden, etwa wenn das erzählende Ich einem Kind den Unterschied von Messen und Fühlen erklärt: Ja, ein Thermometer zeigt Temperaturen an, ohne dabei zu frieren oder zu schwitzen.

Gemäßigtes Loslassen

Doch was will das Buch? Es huldigt durchgängig einer Ethik des gemäßigten Loslassens. „Den Antrieben ihren Lauf lassen“, „gelingen kann nur, was sich auf die eine oder andere Weise fügt“ – das klingt nach östlicher Weisheit, oder so, als habe hier ein protestantisch Fleißiger entdeckt, dass man ein Zimmer nicht nur systematisch, sondern auch spielerisch aufräumen kann.

Solche Weisheit ist nicht falsch. Gepaart allerdings mit dem absoluten Willen zu geschliffenen Bonmots, von denen sich Seel wirklich keines verkneifen kann, mutiert dieser Gestus nicht selten zum Kitsch. Hinzu kommt, dass Aphorismen, als eine per se manierierte Form, leicht in mechanisches Klappern geraten. Seel liebt arrangierte Paradoxa und ergeht sich in ihnen bis zum Überdruss. Ja wirklich, „ohne Humor gäbe es nichts zu lachen“, „Allwissenheit wäre Unwissenheit“, „nur wer keine Wahl hat, hat die Wahl“, das haben wir begriffen.

Adorno hasste Jazz. Wenn dessen Minima Moralia „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ heißen, müsste man Seels Theorien, die auch ein Gegenentwurf zu Adorno sind, „Reflexionen aus dem unbeschädigten Leben“ nennen. Das ist der Fehler. Adornos nervtötend stilisierter Pessimismus, sein „Negativismus“, war zugleich eine gesellschaftskritische Methode. Sie in einen stilisierten Optimismus umzukehren, funktioniert nicht, wenn Theorie allzu easy spielt, betrügt sie sich um ihr Wesentlichstes. Für ein „Werk der Zerstörung“ jedenfalls, das Seel schreiben will, bedarf es mehr, als nur ein bürgerliches Leben in Fragmente zu zerlegen.

Theorien Martin Seel. Fischer, Frankfurt am Main 2009, 254 S., 19, 90

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16:30 31.01.2010

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