Nichts zu verschenken

Treibgut Eine Fotoausstellung zeigt den Alltag hinter den Glanzbildern von der EU-Erweiterung

Am westlichen Rand Europas, im Hafen von Lissabon, steht mit ausgebreiteten Armen ein Jesus. Am östlichen Rand Europas, in Seda in Lettland, steht Swetlana Akuschina. Kaspars Goba hat die 37jährige beim Fensterputzen fotografiert. Sie gehört zu dem russisch sprechenden Bevölkerungsdrittel Lettlands, von denen viele als "Nichtbürger" gelten, weil sie ihre Sprachtests noch nicht absolviert haben. Seit dem 1. Mai sind sie die größte russisch sprechende Minderheit innerhalb der EU. "Nichtbürger" werden sie bleiben. In dem kurzen Text, der Swetlana Akuschinas Foto in der Berliner Galerie Giedre Bartelt begleitet, heißt es: "Ab und zu fährt sie nach Deutschland, um dort zu arbeiten." Ob die Dinge für sie nun einfacher werden, wird sich erst zeigen müssen. Mit dem Fensterleder in der ausgestreckten Hand und ihrem entwaffnenden Lächeln erinnert sie an die Freiheitsstatue im Hafen von New York. Das Fensterleder wäre dann die Fackel der Freiheit und am Fenstersims müsste die Inschrift lauten: "Come to me, you poor huddled masses", oder etwas ähnliches, das die Mühseligen und Beladenen meint.

Gewollt oder ungewollt, Swetlana Akuschina ist die Galleonsfigur der Gruppenausstellung Welcome (to) Europe. Sie steht für das Anliegen, den Blick herumzudrehen und sich die Menschen im Baltikum nicht als Bittsteller im Wartezimmer des Westens vorzustellen, sondern als Einheimische mit eigenen Biographien, denen die EU-Erweiterung genauso lieb, unlieb oder einerlei sein mag wie unsereins. Welcome (to) Europe präsentiert vier fotografische Projekte aus Litauen, Estland und Lettland, die sich mit Lebenswelten auseinandersetzen, von denen in den positive thinking Kampaganen zur EU-Erweiterung für gewöhnlich nicht die Rede ist.

Eine direkte Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Politik und Marketing ist die Serie "Welcome to Estonia", für die Herkki-Erich Merila eine nationale Goodwill-Kampagne mit dem feindseligen Machismo von Heavy Metal und Nazischick, nebst dazu gehörender Accessoires, konterkariert. In Estland wurde eine Werbeagentur damit beauftragt, dem Land ein Logo zu verpassen, das Offenheit, Selbstbewusstsein und Modernität suggerieren soll. Herausgekommen ist ein Schriftzug, der an eine Sportartikelwerbung denken lässt, und der in den Händen von Merilas Metals zum höhnischen Blabla zerbröselt. "Welcome to Estonia(tm)" steht da, aber die zupackende Bulligkeit der Männer macht wenig Lust, ihnen die Ware abzukaufen.

Die Ausstellung diffamiert nicht die föderale Vision eines erweiterten Europa. Ihre Macher wollen aber den Blick von der offiziellen Lobhudelei befreien und auf diejenigen lenken, die mit Fug und Recht, und nicht etwa aus Begriffsstutzigkeit, wenig Grund zum Jubeln sehen - ob mit oder ohne EU. Gerade an der Offenheit für das Sperrige zeigt sich ja der entscheidende Unterschied zwischen schlechter Werbung und guter Politik. In den drei baltischen Staaten haben sich durchschnittlich ein Drittel der Wahlberechtigten nicht an der Abstimmung über das EU-Referendum beteiligt, ein weiteres Drittel hat gegen den Beitritt ihrer Länder gestimmt. Alle der hier Porträtierten sind dennoch seit kurzem EU-Bürger: die Rentner von Riga, die Obdachlosen von Vilnius, die russische Enklave in Seda und die stämmigen Burschen, für die sich "Welcome to Estonia" in "Fuck off" übersetzt.

Der Blick in die Gesichter konfrontiert das tagespolitische Thema mit konkreten Lebenswelten, mit Gesten und Haltungen, Werkzeugen und Kleidung. Man kann sich in die wunderbare Gelassenheit vertiefen, mit der die Rentnerinnen und Rentner von Riga in ihrer Alltagskleidung posieren. Simona Veilande und Emils Rode haben sich unter dem Label "pureculture" bislang vor allem mit zeitgenössischem Design auseinandergesetzt. Auch die hier präsentierte Arbeit Rigaer Moden war zunächst von einem ästhetischen Interesse geleitet, hat dann jedoch unweigerlich eine politische Bedeutung bekommen. Nach den drastischen Einschnitten in die staatliche Altersversorgung ist die Altersarmut in Lettland wie in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken sprunghaft angestiegen. Das Festhalten an alten Kleidungsstücken ist also kaum nostalgisch motiviert, sondern geschieht aus schierer Bedürftigkeit. Dies wiederum hindert die Modelle nicht, ihre Garderobe mit Würde zu präsentieren. Von der Stilfrage und der Vermutung, dass die Rigaer Rentner-Mode sich in Berlin und Hamburg wahrscheinlich bald als Retro verkaufen wird, kommt man unweigerlich auf den Gedanken, dass diese Menschen den Großteil ihres Lebens nicht nur in den hier präsentierten Stoffen, sondern auch in der Welt der Blöcke und Grenzen verbracht haben. Diese Menschen haben nichts zu verschenken, aber auch nichts mehr zu verlieren. Die EU-Erweiterung wird ihre Identitäten kaum stärker prägen als ein Stilbruch.

Rastloser erscheinen dagegen die Obdachlosen, für die Egle Rakauskaite auf den Straßen von Vilnius ein improvisiertes Fotostudio eingerichtet hat. Durch die Graustufen in diesen schwarz-weiß Fotografien kommt die Kleidung dem Dunkel des Hintergrundes bisweilen so nahe, dass sich die Portraitierten in diesem aufzulösen oder hervor zu treten scheinen. Die Kleidung wird zur Tarnung, zum Panzer. Gleichzeitig ist sie in diesen Bildern die Bedingung der Sichtbarkeit, denn auf ihrem Hintergrund werden die wenigen unverhüllten Stellen des Körpers zu hellen Partien, die die Menschen abstrahieren und ihre Kontur schärfen. Von einer älteren Frau in einem dunklen Mantel, deren Kopf auch noch durch ein dunkles Tuch gerahmt ist, sieht man lediglich das Gesicht und die Hände. In dem Gesicht aber sieht man überdeutlich die Falten, und man kann nicht anders, als auf diese Hände starren, die zu Fäusten geballt, in einer Geste kulminierten Protests aus den Ärmeln ragen wie herausgestoßen. Der kleine Finger der rechten Hand ist dabei merkwürdig über den Ringfinger gekrümmt, als versuche die Frau, die schwarze Magie der Kamera mit einem Zauber zu neutralisieren. Auf der Fliegerjacke eines anderen Portraitierten steht: "Louisville". Das amerikanische Trailerpark-Outfit sieht an ihm aus wie eine weitgereiste Flaschenpost. Was für die Mittellosen abfällt, ist bereits da: Treibgut, Resteverwertung. Im Kontext der Ausstellung erinnern diese Portraits daran, dass auch wenn die Grenzen zwischen den Ländern scheinbar annulliert sind, sie weiterhin zwischen oben und unten verlaufen.

Galerie Giedre Bartelt, Linienstraße, Berlin, noch bis zum 22. Mai


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00:00 07.05.2004

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