„Nie deutsch genug“

Interview Mithu Sanyals Buch „Identitti“ handelt von mixed-race und Aneignung – ein Heimatroman

Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu Sanyal ist bekannt für Sachbücher zu politisch aufgeladenen Themen. Ihr erster Roman befasst sich nun mit der Frage, was es heißt, mixed-race zu sein. Im Mittelpunkt steht eine polnisch-indische Studentin, deren Mentorin sich eine falsche Identität gibt. Identitti diskutiert Fragen von Herkunft und Identität, gibt BIPoCs in der deutschen Literatur eine Stimme. BIPoC steht für Black, Indigenous and People of Color oder – mit Sanyals Heldin gesagt – für „Menschen, die gefragt werden: Wo kommst du her?“

der Freitag: Antwortet man auf die Frage nach der Herkunft überhaupt noch, Frau Sanyal?

Mithu Sanyal: Ich bin über die Jahre relativ milde oder mürbe geworden. Aber manchmal frage ich erst einmal zurück. Wirklich schwierig ist tatsächlich, dass die Leute in meinen netten, woken, linken Kreisen ganz lange gelernt haben, dass man so etwas um keinen Preis fragt. Während die dann lustig darüber reden, wo ihre Eltern herkommen und was es für sie bedeutet, wird das bei mir vorsichtig ausgespart. Ich könnte dann mit meiner polnischen Mutter anfangen. Aber das will keiner wissen.

Als Autorin greifen Sie zu aufgeladenen Themen: weibliche Sexualität, Vergewaltigung und nun ein Roman über Rassismus.

In meinem Roman geht es gar nicht so sehr um Rassismus, sondern um being mixed-race. Das war tatsächlich ein Thema, zu dem ich als Kind wenig lesen konnte. Als ich in den 90er Jahren endlich etwas dazu fand, waren es Bücher aus England oder Amerika. Mir fehlte einfach deutsche Literatur, die von Menschen wie mir handelt. Das war bei dem Vulva-Buch genauso. Als Schülerin bin ich in die Stadtbücherei gegangen und fragte nach so einem Buch. Was ich bekam, war ein Sachbuch über „die Vagina und ihre zahlreichen Erkrankungen“. Deshalb ist auch Vulva – die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts ein Buch geworden, das ich selbst lesen wollte.

Im Vorwort Ihres Buches „Vergewaltigung“ sagen Sie, weil „die Schere im Kopf so scharf und die Knoten im Gehirn so festgezurrt“ waren, sei es besonders schwergefallen.

Mir ging es um zwei Aspekte: Ich wollte zum einen nicht über Opfer schreiben, als wären sie für immer zerbrochen, sondern auch über Heilung reden können, und zum anderen wollte ich hinterfragen, warum wir immer nur von weiblichen Opfern und männlichen Tätern reden. Das hat damals viele wunde Punkte berührt. Ich hatte wirklich Angst, nach dem Buch aus dem feministischen Kreis exkommuniziert zu werden. Das ist natürlich nicht passiert. Feminismus ist ja kein Kult, sondern es geht ja darum, dass wir unser Wissen hinterfragen und wachsen können.

Zur Person

Mithu Sanyal, Jahrgang 1971, wurde als Tochter einer Polin und eines indischen Vaters in Düsseldorf geboren. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin hat Sachbücher zum weiblichen Geschlecht und zum Thema Vergewaltigung geschrieben. Sie ist u.a. auch für den WDR und den Guardian als Autorin tätig

Wie kam es zum ersten Roman?

Ich wollte immer Romane schreiben. Vor mehr als 20 Jahren habe ich eine schöne Kurzgeschichte in einem Sammelband veröffentlicht. Es ging damals schon um eine Freundschaft zwischen zwei mixed-race Frauen. Die Handlung war natürlich anders, aber das Kernthema war schon da. Ich schrieb um die 100 Seiten, mit denen meine Agentin zu den Verlagen ging. Die haben nach dem Motto reagiert: Wir haben doch schon eine Inderin in unserem Programm. Oder: Wir haben schon eine Türkin, noch eine Migrationsgeschichte brauchen wir nicht.

Das ändert sich gerade. BIPoC-Autor:innen wie Olivia Wenzel oder Hengameh Yaghoobifarah schreiben über ihre Wirklichkeit. Hat Sie das bestärkt?

Absolut. Mir hat auch geholfen, dass es so etwas wie eine Familie, eine Community aus Büchern gibt. Mein Roman erscheint gewissermaßen in einem Gespräch, das über verschiedene Bücher hinweg geführt wird.

Ihre Hauptfigur teilt einige biografische Merkmale mit Ihnen. Befürchten Sie, dass „Identitti“ als Ihre Geschichte gelesen wird?

Mir war es wichtig, dass es Menschen wie mich in der Literatur gibt. Deshalb habe ich Nivedita mit dieser Familiengeschichte angelegt. Nivedita und ich teilen die Herkunftsländer unserer Eltern, dadurch ist der Roman aber noch lange nicht autobiografisch. Sie ist viel jünger als ich, ihre Form der Auseinandersetzung mit Race ist ganz anders. Das Wissen um Rassismus in Deutschland ist in den vergangenen Jahren ja exponentiell gewachsen.

Im Roman nimmt Niveditas Mentorin Saraswati eine PoC-Identität an und baut darauf ihre akademische Karriere auf. Der Philosoph Kwame Anthony Appiah sagt, seine Identität kann man sich nicht aussuchen. Wie sehen Sie das?

Ich habe Saraswati als Figur ausgewählt, weil sie eine durchaus schwierige Position vertritt. Ich hatte mich am US-amerikanischen Rachel-Dolezal-Fall sehr abgearbeitet. Da ging es auch darum, dass eine Weiße sagt, sie identifiziert sich als Schwarze. Ich denke, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse anders wären, hätten wir alle deutlich mehr Spielraum. Da Macht so funktioniert, wie sie nun einmal funktioniert, ist es viel schwieriger. Aber eigentlich ist Race viel konstruierter als Gender. Womit ich nicht sagen will, Gender sei natürlich. Aber Race ist eben ein komplettes Konstrukt.

Also doch freie Wahl?

Sobald die möglich wäre, würde sich die Bedeutung von Race auflösen. Da sind wir aber noch lange nicht. Ich persönlich war immer im Dilemma, ein Identitätsvakuum zu empfinden. Ich war nie indisch genug, um Inderin zu sein. Ich war nie polnisch genug, um Polin zu sein. Und deutsch genug war ich auch nie.

Wie würden Sie denn dann Ihre Identität beschrieben?

Tatsächlich irgendwie transkulturell, auch wenn man das wegen trans nur schwer sagen kann und kulturell ist auch Quatsch. Ich habe vor Kurzem einen Essay von Virginia Woolf wieder gelesen. Vor Jahren habe ich dazu eine Notiz geschrieben. Und da steht, wir Ausländer. Das ist verrückt, denn ich bin in Deutschland geboren. Aber Ausländer war Anfang der Neunziger das einzige Wort für Menschen wie mich. Dann gab es kurz das Wort bikulturell, was ein bisschen geholfen hat, dann kam multikulturell, was sofort nach Straßenfest und buntem Essen klang. Deshalb bin ich bei einem Wort wie transkulturell geendet.

Ihr Roman spielt mit der Idee, trans auch auf Race oder Hautfarbe anzuwenden. Waren Sie beim Schreiben selbst erstaunt von den Debatten Ihrer Figuren?

Es ist ja nicht so, dass mir eine göttliche Stimme einflüstert, was ich schreibe, sondern in den Auseinandersetzungen steckt viel Recherche, insbesondere in Saraswati. An der Figur scheiden sich die Geister. Ich erkenne auch vieles aus meinem eigenen Leben wieder. Ich habe ja selbst oft das Gefühl, dass, egal, was ich sage, eine Lüge ist. Selbst wenn ich als die spreche, als die ich gelesen werde, empfinde ich das als Anmaßung. Darf ich PoC sein? Mit den Debatten um Cultural Appropriation geht es mir ähnlich. Ich finde sie sehr produktiv, weil sie viele Dinge sichtbar machen, aber wenn wir ehrlich sind, ist jedes Schreiben Cultural Appropriation. Oder ich kann nur noch mein Tagebuch veröffentlichen.

Saraswati wird Aneignung und Blackfacing vorgeworfen. Sie selbst findet diese Vorwürfe rassistisch. Hätten Juli Zeh oder Daniel Kehlmann einen Roman mit so einer anmaßenden weißen Figur schreiben können?

Im Moment wäre das tatsächlich schwierig. Natürlich! Der Gedanke, dass die Leute, die einen Roman schreiben, nicht mitgelesen werden als die Person, die sie sind, ist eine Lüge. Wir tun immer so, als stünde das Kunstwerk für sich. Das war noch nie so. Schon Emily Bronté hat mit gutem Grund unter männlichem Pseudonym geschrieben. Natürlich haben wir Fantasien über die Menschen, die diese Bücher schreiben. Und in dem Fall wird deutlich sichtbar, dass wir auch bei weißen Menschen Fantasien darüber haben. Das verblüfft uns nur so, weil die vorher unsichtbar, die Norm waren.

Der Roman wirft Fragen zur Diskussionskultur auf. Auch im akademischen Milieu ufert die Empörung zum Shitstorm aus.

Es wird von Saraswatis Student:innen ja als Politikum wahrgenommen, dass sie als Professorin für Postcolonial Studies mit Race spielt. Sie hat nicht über den Beruf ihrer Eltern gelogen, sondern über den Kern dessen, was sie unterrichtet. Aber es sind nicht nur die Studierenden. Die ganzen Rechten, die sowieso alles verbieten wollen, was auf Studies endet, springen auf die Empörung auf. Es gibt eine Kraft von außen, die skandalisiert, und einen inneren Kreis, der sich betrogen fühlt.

Im Roman verwenden Sie Tweets von Menschen aus Kultur und Medien. Wie kam es dazu?

Diese Beteiligung ist entstanden, weil ich ein paar Leute gefragt habe: „Sag mal, wie würdest du reagieren, wenn …?“ Beim Schreiben fragte ich mich, ob diese Geschichte in Deutschland überhaupt so funktionieren würde. Die Antworten durfte ich dann verwenden. Im Nachhinein bin ich total glücklich darüber, weil alle Tweets und Posts stilistisch und inhaltlich anders sind, als ich das geschrieben hätte.

Als Sie den Roman schrieben, gab es den rassistischen Mordanschlag in Hanau. Wie hat sich das auf den Roman ausgewirkt?

In meiner Auseinandersetzung mit dem Thema fand ich es immer unglaublich, dass Solingen und all die anderen Anschläge thematisch in der deutschen Literatur nie vorkamen. Ich habe sicherlich nicht alle Romane gelesen, aber ich habe es nicht gefunden. Das trifft auch für unsere Perspektiven auf die Geschichte zu. Das zu ändern, war immer eine große Motivation für mich. So etwas wie Hanau erdet eine solche Geschichte, denn plötzlich stellen sich Fragen ganz anders. Es gab bei mir auch die Angst, Hanau auf eine Hintergrundkulisse zu reduzieren. Ich habe mich schließlich dafür entschieden, dass Hanau in mein Buch hineinmuss, auch weil ich mich persönlich durch diesen Anschlag bedroht fühle.

In welchem Genre wollen sie „Identitti“ wiederfinden?

Ich denke, es ist ein Heimatroman.

Info

Identitti Mithu M. Sanyal Hanser 2021, 432 S., 22 €

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06:00 20.02.2021

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