Nie mehr billiger Tavernenwein

Mehr Süden wagen Der griechische Winzer Stamatis Mylonas gehört heute weltweit zu den besten seiner Zunft – weil er der Krise gerade noch zuvorgekommen war
Nie mehr billiger Tavernenwein
Der Kredit zur rechten Zeit schafft eine gute Süffigkeit

Foto: Westend61/Imago

Stamatis Mylonas hatte sich nicht verlesen. So oft er die Nachricht auch wegklickte und wieder aufrief, da stand es, schwarz auf weiß: Sein Wein hatte die Goldmedaille erhalten. Nicht irgendeine Goldmedaille, sondern die der Decanter World Wine Awards, der wichtigsten Auszeichnung, die die Weinwelt zu vergeben hat, und mit einer aberwitzig guten Bewertung noch dazu: 95 von 100 Punkten. Der junge Winzer hätte seine Frau anrufen können, hätte seine Angestellten zusammenrufen können. Stattdessen ging er in den Weinberg. Allein.

2014 war das. Seither hat die Weinkellerei noch viele weitere Auszeichnungen erhalten. Rund 70.000 Flaschen produzieren die Brüder Mylonas pro Jahr. Fast die Hälfte davon geht in den Export. Es ist ja nicht so, als ob es in der Krise keine Erfolgsgeschichten gäbe. Aber es war ein harter Weg, erzählt Stamatis Mylonas. Acht Jahre Austerität haben wüstes Land hinterlassen. Oft genug hat sich der Winzer gefragt, warum er sich das antut. Und ob es gut gehen würde.

Kurz vor Ausbruch der Krise hatten die Brüder einen Kredit aufgenommen, um das Familienunternehmen von Grund auf zu erneuern. 2009 brach dann alles ein: Aufträge, Liquidität, Preise, nur die Kreditraten blieben gleich. Dabei hatten die Winzer Glück im Unglück. Inzwischen sitzen die griechischen Banken auf so vielen notleidenden und faulen Krediten, dass sie kaum mehr neue vergeben.

Heute könnten sie ihre Idee vom modernen Weingut nicht mehr realisieren, sagt Stamatis Mylonas. Sie würden sonst weiter billigen Tavernenwein produzieren wie ihr Vater. Der wusste, dass sein Wein nicht gut war, doch es fehlten ihm die Kenntnisse, um ihn zu verfeinern. Er war sich jedoch sicher, dass die Savatiano-Rebe, welche auf den mineralstoffreichen Böden in der Nähe von Kap Sounion, an der Südspitze der Halbinsel Attika, gedeiht, großes Potenzial hat. Also ließ er seine drei Söhne studieren. Mit der Krise hatte er freilich nicht gerechnet. Heute gehen fast 52 Prozent vom Umsatz griechischer Firmen für Steuern und Sozialleistungen weg. Die durchschnittliche Belastung in Industrieländern liegt bei 40 Prozent. Und so ist Griechenland im letzten Doing Business Report der Weltbank im Vergleich zum Vorjahr um sechs Stellen abgerutscht. Doch anders als durch immer neue Steuern wäre der Primärüberschuss, den Griechenlands Kreditgeber fordern, nicht zu erzielen.

Stamatis Mylonas steht in der Produktionshalle und zeigt auf spiegelnde Inox-Tanks. Sie haben es geschafft, ihren Kredit zu bedienen, aber es gäbe noch einiges zu tun. Doch sie zahlen nicht nur höhere Steuern als die Konkurrenz im Ausland, sie müssen sie sogar im Voraus entrichten, zu 100 Prozent. Die Energiekosten liegen um etwa 30 Prozent höher als der europäische Durchschnitt. Ein level playing field würden sich griechische Produzenten deshalb wünschen. Gleiche Startbedingungen für alle.

Wenigstens haben sich die Mühen der Brüder Mylonas gelohnt. Gerade hat sich ein Händler aus Kolumbien bei ihnen gemeldet – er möchte unbedingt ihre Weine kennenlernen.

Alkyone Karamanolis berichtet seit 2002 aus Griechenland. Sie ist Teil des Netzwerks weltreporter.net

06:00 29.04.2018

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