Nie mehr Bond-Girl!

Rollenwechsel Gemma Arterton war im letzten James-Bond-Film das hübsche Accessoire. Nun sieht sie sich als "stille Feministin". Was bedeutet das?

Ihre erste Filmrolle war Mickey Mouse. Gemma Arterton war damals fünf, ihre Schwester mimte Donald Duck. „Es gibt ein Video, auf dem wir erst ‚Mickey Mouse‘ schauen und ich dann meine Schwester zwinge, es mit mir nachzuspielen. So was habe ich ständig gemacht – einfach imitiert.“

Disney-Filme seien so ziemlich die einzige Kunstform gewesen, mit der sie in ihrer Kindheit in Berührung gekommen sei, sagt Arterton: „Meine Familie war nie kulturell interessiert in dem Sinne, dass wir ins Theater gegangen wären. Und mit Filmen konnte meine Mutter nicht viel anfangen.“ Erst mit 16 Jahren erfuhr sie, dass die Schauspielerei ein richtiger Beruf sein kann. Von dieser Erkenntnis bis heute hat sie einen schwindelerregend steilen Weg zurückgelegt – über einen Schauspielkurs zu einem Platz an der elitären Royal Academy of Dramatic Art. Seit sie dort vor vier Jahren ihren Abschluss gemacht hat, war die 25-jährige Britin auf der Bühne in Stücken von Shakespeare und Ibsen zu sehen. Außerdem drehte sie Independentfilme und Big-Budget-Produktionen.

Und dennoch: Seit ihrem Auftritt im letzten James-Bond-Film Ein Quantum Trost an der Seite von Daniel Craig wird sie in der Öffentlichkeit vor allem als eines wahrgenommen: als Sexobjekt. Auch drei Jahre nach dem tragischen Ende ihrer Filmfigur Strawberry Fields, die als in Öl getränkte Leiche auf dem Bett von Bond endete, heißt sie in Zeitungsartikeln meist nur „Bondgirl Gemma Arterton“. Dabei hat sie sich seitdem mit kritischen Aussagen auch den Ruf erarbeitet, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn es um den Druck geht, dem junge Frauen in der Filmbranche ausgesetzt sind: dünn zu sein etwa oder den Mund halten zu müssen. In einer Welt, in der junge Stars auf Medientauglichkeit gebürstet werden, indem man ihnen Persönlichkeit und Haltung abtrainiert, hat jemand wie Arterton schon Seltenheitswert.

Chauvinistische Branche

In einem Interview sagte sie einmal, dass man es in der Filmbranche als Feministin schwer habe. Was meinte sie damit? „Die Industrie ist einfach dermaßen männerdominiert“, erklärt sie und verdreht die Augen. „Man kann schon Feministin sein. Es ist nur schwierig, weil es irgendwann auf einen zurückfällt. Im vergangenen Jahr ist es aber besser geworden, weil die Leute inzwischen wissen, dass ich Feministin bin.“ Trägt sie einen Button, auf dem das steht – oder woher wissen die Leute es? „Ich selbst merke es daran, wie ich angesprochen oder betrachtet werde. Im vergangenen Jahr wurde mir als Schauspielerin mehr Respekt entgegengebracht.“ Das liege auch daran, dass sie sich inzwischen genau aussuche, mit wem sie arbeite. „Inzwischen ist die Rollenwahl eine beidseitige Entscheidung – nicht eine, bei der ich bloß darum bitte, mitmachen zu dürfen.“

Als sie angefangen habe, „war es, als habe die Welt mir einen Gefallen getan“, sagt sie. „Besonders bei den größeren Filmen war es frustrierend vermittelt zu bekommen, was für ein Glück ich hätte, und dass ich deshalb lieber die Klappe halten solle.“ Wurde ihren Vorschlägen keine Beachtung geschenkt? Gab es Dinge, die sie nicht machen wollte? „Ja. Oder es galten Dinge als wichtig, an die ich nicht glaubte. Ich sollte eigentlich keine großen kommerziellen Filme machen, weil ich nicht daran glaube, dass …“ Sie beendet den Satz nicht. „Die Branche ist insgesamt chauvinistisch. Es gibt bestimmte Erwartungen, wie Frauen aussehen sollten, was sie sagen und tragen, wie ihre Haare sein und welche Hautfarbe sie haben sollten. So wird es immer sein. Am Theater oder bei Independentfilmen ist es anders. Deshalb tendiere ich momentan auch eher in diese Richtung, weil ich sonst einen Kampf führen würde, der nicht zu gewinnen ist. Man handelt sich nur den Ruf des Großmauls ein, das Ärger hat, weil es sagt, was es denkt. Ich habe mir schließlich die Frage gestellt, ob ich lieber etwas sage – oder stille Feministin werde.“

Ist es überhaupt möglich, eine stille Feministin zu sein und seine Ansichten für sich zu behalten? „Das fällt mir manchmal nicht leicht. Aber ich bin keine Kämpferin. Manchmal sage ich etwas und bin dann verletzt, weil die Sachen falsch gedeutet oder falsch dargestellt werden. Manchmal ist es aber auch schwierig, etwas zu sagen, weil man Gefahr läuft, eher als Sprecherin für irgendetwas wahrgenommen zu werden denn als Schauspielerin. Das will ich nicht.“ Sie überlegt einen Moment: „Dann wiederum sieht man jemanden wie Vanessa Redgrave, die auf so was einen Scheiß gibt. Ich glaube, ich mache mir noch zu viel daraus, was die Leute denken. Redgrave kann sagen, was sie will. Ich kriege oft zu hören: ‚Du bist nicht mal besonders talentiert, was machst du hier?‘ Dann denke ich, dass ich besser nichts sagen sollte.“

Auf jeden Fall, versichere ich ihr, ist es erfrischend, wenn eine junge Frau sich selbst öffentlich als Feministin beschreibt (auch eine, die sich schon bis auf Slip und Strapse für Männermagazine ausgezogen hat – aber vielleicht gehört das ja wie ihre Nebenrollen als Sexobjekt nun der Vergangenheit an). Arterton wünscht sich, mehr Frauen würden zu ihrer feministischen Haltung stehen, immerhin hätten die meisten diese doch. „Es ist hart zu sehen, wenn Frauen sich nicht gegenseitig unterstützen. Ich weiß nicht, warum es immer noch oft als Tabu gilt, sich als Feministin zu bezeichnen. Die Leute glauben wohl, Feministinnen spuckten Männer an.“

Mädchen aus der Unterschicht

Artertons Vater, ein Schweißer, und ihre Mutter, eine Putzfrau, trennten sich, als sie fünf war. Ihre Familie beschreibt sie als „groß und dysfunktional“, aber glücklich. Nach der Trennung ihrer Eltern lebte sie mit Mutter und Schwester in einer Sozialsiedlung im südenglischen Gravesend. Auf der Schauspielschule war sie das Unterschicht-Mädchen zwischen lauter Oxbridge-Absolventen.

Ihr Akzent verrät heute nichts mehr über ihre Herkunft, das war aber nicht immer so. Regisseur Stephen Frears schickte sie für den Film Immer Drama um Tamara zu einem Sprechtrainer, damit sie ihr Näseln loswurde, das typisch ist für Leute aus der Grafschaft Kent. „An der Schauspielschule wurde mir gesagt, ich solle es ändern, es würde mich behindern. Das habe ich gemacht. Inzwischen hat es sich aber mit einem ganz eigenen Klang seinen Weg zurückgebahnt. Ich falle auch sofort in meine alte Sprechweise zurück, wenn ich zu Hause bin oder zehn Minuten mit meinem Vater verbringe.“

Ihre feministischen Ansichten verdanke sie vor allem ihrer Mutter und ihrer Tante, die beide entscheidenden Einfluss auf ihre Erziehung gehabt hätten, sagt sie. „Meine Tante ist lesbisch und sehr feministisch eingestellt. Ich wurde von diesen zwei Frauen großgezogen, was mich sehr ...“ Sie bricht ab und setzt noch mal an: „Wir waren nie Männerhasserinnen oder so. Wir schätzen es einfach, Frauen zu sein.“

Emine Saner schreibt für den Guardian vor allem über Popkultur und Gesellschaftsthemen.

Übersetzung: Zilla Hofman
11:59 13.12.2011

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