Nie mehr Wadde-hadde-dude-da

Sängerwettstreit Beim Eurovision Song Contest soll Lena Meyer-Landrut diesmal für deutsche Qualitätsarbeit stehen. Der Camp-Charakter der Veranstaltung ist aber stärker

Was ist anders als im vergangenen Jahr? Zunächst einmal fällt auf: Lena ist nicht mehr Lena. Dass sich ihre protosexuelle Lolita-Unschuld nicht einfach neu auflegen lässt, war sowohl der ARD als auch Lena-Macher Stefan Raab nach dem Erfolg in Oslo schnell klar. Für den 56. Eurovision Song Contest, der an diesem Samstag in Düsseldorf stattfindet, musste die Bühnenfigur weiterentwickelt werden.

Aber das birgt Risiken. Sehr vorsehbar wurde Lena schnell vorgeworfen, nicht mehr die „lovely Lena“ zu sein, ihre „Natürlichkeit“ verloren zu haben. Für den deutschen Beitrag könnte das insofern zum Problem werden, weil es gerade Lenas kaum geschulte Bühnenpräsenz und ihre unberechenbare tänzerische Ungeschicklichkeit waren, denen in ihrer Pop-Person bisher erfolgreich Platz gegeben wurde – und die Europa begeistert hatten.

Ohne den charmanten Dilettantismus bleibt nur ein hübsches Mädchen mit einer dünnen Stimme. Auch wenn das im Pop noch lange keine Disqualifikation ist, musste daher ein neues Image her. Die Vorentscheide, bei denen Lena mit den zwölf Titeln ihres zweiten Albums Good News gegen sich selbst antrat, machten vor einem nicht besonders zahlreich versammelten Fernsehpublikum dieses Dilemma nur allzu deutlich.

Die Zuschauer lagen zwar richtig, mit „Taken by a stranger“ den Song zu wählen, der noch einen Hauch von Lena-Magie rüberbrachte. Doch der Siegertitel des nationalen Vorentscheids schaffte es trotz massiver Promotion bisher nicht auf Platz 1 der deutschen Single-Charts. Und auch international wird der Nummer weniger zugetraut als „Satellite“, dem Sieger-Titel vom letzten Jahr. So urteilte der Ire Johnny Logan knapp: „Lenas Lied kommt in meinem Herzen nicht an.“

Ob der bisher einzige zweifache Grand-Prix-Gewinner Logan hier richtig liegt, ist aber noch nicht entschieden. Bei den britischen Wettbüros und den Online-Umfragen der Grand-Prix-Fans auf diversen Webseiten rangiert Lena zwar nur zwischen Platz 6 und Platz 13. Doch Google, in den vergangenen Jahren mit Vorhersagen des Siegertitels zweimal erfolgreich, sah Lena lange auf Platz 1. Im Moment liegt da das irische Zwillingsduo Jedward vorne.

Den Vorwurf der Wiederholung kontert die laszive Elektropopnummer „Taken by a stranger“ mit einer für ein Fernsehevent wie den Grand-Prix gewagten Dramaturgie: Der Song hat keinen Höhepunkt. Das zwar stilvolle, doch bizarre Lied funktioniert vor allem über Lenas Popularität und die Frage: Was macht die Süße denn dieses Jahr? Statt als flatterhaftes Mädel mit verschmiertem roten Lippenstift tritt sie jetzt als kühler Vamp auf – aus Lena wurde Lulu. Beim Echo-Auftritt im Februar zeigte sie sich im Minikleid schon so anzüglich, wie die Mehrheit der männlichen Fernsehzuschauer sie wohl gern wiedersehen will.

Wenn Raab dabei noch immer von Lenas „Authentizität“ spricht, ist das Quatsch. Sein Team benutzt längst die Stilmerkmale, die er bisher für Lena gerade abgelehnt hatte. Die beim Grand Prix herrschende Inszenierungswut – in drei Minuten alles geben – hat nun auch den deutschen Beitrag eingeholt: Nicht nur setzt Lenas Outfit kalkuliert auf Sex, sie kriegt auch noch ein paar Tänzerinnen in hautengen, silbern glänzenden Ganzkörperoveralls an die Seite gestellt. Der Future-Kitsch soll der Show das nötige Drama geben. Und damit ist Lena wirklich im Spektakel des Pop-Universums angekommen, das jederzeit in Camp umkippen kann, für den der Grand Prix zu Recht geliebt wird.

Prinzipiell gaga

Seit den 1960er Jahren gilt Camp als eine Rezeptionshaltung, bei der Zuschauer gerade das Übertriebene, also den Kitsch, am Pop genießen können – und somit eine Strategie entwickeln, einen Song auch entgegen seiner Absicht wahrzunehmen. Dafür gibt es keinen reicheren Fundus: die wahnsinnigen Kleider, die aufgetürmten Frisuren oder die absolute Hingabe, mit der die banalste Ballade vorgetragen wird. Keine andere Show präsentiert im Drei-Minuten-Takt eine solche Stilvielfalt – ausrangierte Boygroups beim Comebackversuch, vergessener Ethnofolk, Hits der US-Dancecharts in osteuropäischer Adaption, wütender Pornopop oder Balkanballaden. In der hybriden Mischung bleibt der Grand Prix, der ja schon im Ansatz, eine Nation durch einen Popsang zu vertreten, prinzipiell gaga ist, stets camp.

Traditionell war es ein schwules Publikum, das in Massenprodukte, die irgendwie das rechte Maß verfehlten, Botschaften hineinlas, als wären diese nur für sie gemacht. Für ein straightes Publikum ist von diesem Insider-Blick die Formel übrig geblieben: „Etwas ist so schlecht, dass es schon wieder gut ist“ – also das Feiern von schlechtem Geschmack.

Die neue Ernsthaftigkeit von Stefan Raab steht dem Camp entgegen: Während er in seinen früheren Grand-Prix-Beiträgen – Guildo Horns „Guildo hat euch lieb“ von 1998 und sein eigenes „Wadde-hadde-dude-da“ von 2000 – auf der ironischen Retro-Schlager-Welle mitreiten wollte, setzte er seit Max Mutzkes Pseudo-Soulnummer „Can’t wait until tonight“ von 2004 auf Anti-Camp. Schon im vergangenen Jahr redete Raab, kaum ironisch abgeschwächt, im Ton neuer Ernsthaftigkeit von einer „nationalen Aufgabe“, und mit dem aus der Fußball-Welt geklauten Begriff der „Titelverteidigung“ sollte der Grand Prix endgültig vom schwulen zum straighten Ereignis umgepolt werden.

Die Eurovisons-Geschichtsvergessenheit in den deutschen Vorentscheidungssendungen von diesem und vergangenem Jahr war zumindest überraschend. Als hätte es die offen schwulen Moderationen Thomas Herrmans’ bei der ARD in den Jahren zuvor und Ralph-Siegel-Beiträge mit deutlichem Camp-Potenzial – etwa der Versuch aus der blinden Sängerin Corinna May eine Discoqueen zu machen – in den Jahrzehnten zuvor nicht gegeben. Als habe der Grand Prix in Deutschland erst mit dem ernsthaften Musiker Raab begonnen.

Raabs Eurovisions-Unternehmen ist in seiner heterosexistischen Verengung letztendlich nicht weniger uneuropäisch als zum Beispiel der Patriotismus Weißrusslands, deren Vertreterin Anastasiya Vinnikova dieses Jahr ganz unverblümt mit dem Song „I love Belarus“ antritt. Oder dem patriotischen Pathos der wiedervereinigten britischen Boyband Blue, die im Promovideo ihres Grand-Prix-Beitrags vor der Skyline Londons mit gestreckten Fäusten ihren Schlachtruf „I can“ abfeuern.

Und obwohl Lena mit „Taken by a stranger“ vor allem auf effektvolle Inszenierung setzt, versuchte Raab noch während des Vorentscheids Lenas „Authentizität“ gegen die Camp-Abenteuer der europäischen Nachbarn als Qualität zu retten. Hämisch machte er sich über den norwegischen Beitrag lustig, eine karibisch angehauchte und farbenfroh aufgeführte Ballermannnummer – und über das irische „Lipstick“, Elektropop von einem Zwillingsduo Jedward mit übertriebenen 80er-Jahre-Retrofrisuren. Demgegenüber soll „Made in Germany“ nun nicht nur in Wirtschaft und Sport, sondern auch beim Grand Prix als Gütesiegel taugen. Keine sympathische Geste, insbesondere, wenn man bedenkt, dass Raab einer der drei Moderatoren des Finales am 14. Mai sein wird und dann auch die Acts vorstellt, die er zuvor verspottet hat.

Eine europäische Utopie?

Entgegen der erklärten Absicht von Stefan Raab haben aber eben auch Lena und ihre silbernen Tänzer das Potenzial, jederzeit in Camp umkippen zu können. Das heißt, das Popformat selbst schafft es beim Eurovision Song Contest immer wieder, nationalistisch gemeinte Ansprüche zu unterhöhlen. Können wir den Grand Prix in diesem Sinne als europäische Utopie verstehen, bei der jedes separatistische Nationalbestreben im Pop verpufft und sich im Geschmackswirrwarr des Abends auflöst?

Die schwulen Fans, für die Sentimentalität im Zweifelsfall immer noch wichtiger als Nationalbewusstsein ist, empfehlen sich hier tatsächlich als Vorzeige-Europäer. Man muss nur einmal in der Grand-Prix-Woche dabei sein, um zu sehen, wie sehr die Homos bei den Proben vor Ort bei jedem Song, der ihnen ein bisschen gefällt, sofort bereit sind, die jeweils entsprechende Fahne ekstatisch zu zücken. Eigentlich findet in Düsseldorf gerade der Europride statt.

So sind wohl auch die martialischen Macho-Gebärden der Brit-Boys von Blue über den Dächern von London eher ironisch gemeint. Sich der Eurovisions-Tradition bewusst, präsentieren sich die Bandmitglieder zurzeit auf dem Cover des britischen Schwulenmagazins Attitude für ihre schwulen Fans mit nacktem Oberkörper: So sehen gute Europäer aus!

Peter Rehberg sah seinen ersten Grand Prix 1975 im Alter von acht Jahren, als die holländische Band Teach-In mit Ding-a-dong gewann

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