Niedlicher Beat

Musik Ein Tribute-Sampler zum 25-jährigen Bestehen der Hamburger Band Die Sterne beweist: Diese Songs sind gestern wie heute unkaputtbar

Anfang der 1990er Jahre gab es ein Wort im Sprechen und Schreiben über Popmusik, das mochte keiner hören. Man benutzte es am besten gar nicht, denn es war ganz und gar aus der Mode. Zu fordern, Popmusik solle „authentisch“ sein, das war nicht nur uncool, sondern nachgerade verboten. Die Hamburger Band Die Sterne sah das damals ein bisschen anders und verband den rumpelnden Funk von Sly Stone und Parliament mit dem agitatorischen Pop-Prinzip von Ton Steine Scherben. Sie beseelte dieses Gebräu durch eigenes Erleben, denn das wollte sie schon: etwas Echtes schaffen.

Und Frank Spilker, Thomas Wenzel und Christoph Leich gelang das: Sie entfernten sich von der stimmigen Sprache gängiger Popmusik, unterbrachen den Erzählfluss, nahmen – an der New School des Hip-Hop und an Funk geschult – verschiedene Erzählperspektiven ein, verweigerten gern das Ende der Geschichte. Man konnte Mitte der 1990er kaum eine Band aus Deutschland hören, die dermaßen groovte, die so viel Flow hatte.

Heute, 25 Jahre nach Gründung der Band, zählen ihre Klassiker wie Big in Berlin, Universal Tellerwäscher, Was hat dich bloß so ruiniert oder Fickt das System zum Kanon alternativer Popmusik in Deutschland – auch wenn das Kanonisiertsein, die eigene Historisierung sicher nicht so das Ding der Sterne ist. Doch sie haben es sich selbst zuzuschreiben, mit zündenden Textpointen, mit ihrer eigensinnigen Betrachtung der Welt, die sich nicht im Blick auf das kleine Glück erschöpft. Mit ihren interessanten Gedanken, zu denen man tanzen kann, die bis heute angenehm anders sind, in Zeiten sentimentaler Privatisierung.

Zum 25-jährigen Jubiläum erscheint jetzt ein Tribute-Album, das den denkwürdigen Titel Mach’s Besser: 25 Jahre Die Sterne trägt. Kein Best-of, sondern eine Sammlung von Musikperlen von Freundinnen und Freunden, Bekannten, Vor- und Nachfahren – Musik aus dem Universum, dem Die Sterne entstammen und immer noch zugehörig sind. Zu hören sind Coverversionen von Nicolas Sturm, Björn Beton, Kreisky, Family 5, Stereo Total, Peter Licht, Max Müller, Egotronic, Isolation Berlin, Mint Mind, Die Aeronauten, Der Mann, Locas In Love, The Blood Arm, Naked Lunch, Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, Der Bürgermeister der Nacht, Lambert, Kiesgroup, Boy Division, Lafote, Fehlfarben und Die Zimmermänner.

Hyperdringlich

Da gibt es zum Beispiel Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt von Stereo Total, das genau so klingt, wie man es sich denkt: Im scheppernden Downtempo nuschelt sich Françoise Cactus zwischen Rock-’n’-Roll-Trash und Chanson durch die Deprihymne von 2001. (Das 25. Jubiläum von Stereo Total wird im kommenden Jahr gefeiert.)Oder In diesem Sinn aus dem Jahr 2003, hier betörend furios vorgetragen von den 1981 gegründeten Family 5, die vergangenen Sommer nach zwölf Jahren wieder ein Studioalbum veröffentlicht haben (siehe der Freitag 30/2016). Xaõ Seffcheques und Peter Heins rheinischer Soul-Punk ist der Musik der Sterne grundsätzlich nah. Nah in der Liebe zum Funk und zum Soul, zum Beat. Und wenn Hein singt, in dieser Mischung aus Coolness, Hysterie und Altväterlichkeit, dann steht der Rhein bis heute in Flammen, da fallen die Kinder noch haufenweise in die Ruhr. Da wird aus tiefstem Pessimismus, aus Angst und Arroganz pures Gold gemacht. Musikalisch mit einer unschlagbaren Mischung aus beseelten Soulbläsern und Seffcheques raunzenden Punkgitarren.

So wie die Family-5-Version von In diesem Sinn das Beste aus dem Song herauskitzelt und mit den ganz eigenen musikalischen Mitteln verknüpft, so ist es auch bei Isolation Berlin, die Irrlicht covern – ebenfalls aus dem Jahr 2001. Alles klingt hier grau, alles kalt, viel kälter als das surreal-spleenige, dagegen fast niedliche Sixties-Beat-Original der Sterne. „Ein irres Licht, es möchte, dass ich folge. Für den Moment weiß ich nicht, ob ich soll. Ein irres Licht, doch ich folge nicht, nein, so irre bin ich nicht“, singt Frank Spilker im Original. Die neue Version von Isolation Berlin ist völlig ohne Hoffnung. Hier schreit Sänger Tobias Bamborschke, der 1988, also vier Jahre vor Gründung der Sterne, geboren wurde, die Angst heraus, die ein solches Licht wahrscheinlich machen kann. Das ist Musik für ganz und gar Verlassene – vollkommen verlangsamt und hyperdringlich.

Wenn Frank Spilker sagt: „Bei allen Stücken hatte ich das Gefühl, sie seien gleichsam nah und fern der Vorlage“, dann stimmt das auf faszinierende Art und Weise. Mach’s Besser: 25 Jahre Die Sterne ist ein Album, mit dem man sich ganze Nächte – unter Sternen womöglich – beschäftigen kann. Man kann darüber nachdenken, warum sich wer welches Sterne-Stück ausgewählt hat. Man kann darüber staunen, dass Naked Lunch zum ersten Mal auf Deutsch singen, nämlich das Stück Bis 9 bist du O. K. Und man kann Frank Spilker nur zustimmen, wenn er sagt: „Durch den im Zuge der Zusammenstellung unternommenen Rückblick haben wir auch bemerkt, dass uns alle Sterne-Stücke noch immer gleich nah sind.“

Info

Mach’s Besser: 25 Jahre Die Sterne Diverse Materie Records/Rough Trade

06:00 10.02.2017

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