Harald Neuber, Havanna
13.02.2004 | 00:00

Niemand hat die Absicht, einen Boykott zu verhängen

Buchmesse Havanna I Eine bunte Truppe deutscher Verlage ist trotz des Boykotts der Bundesregierung nach Kuba gereist

"Zu Ehren der deutschen Kultur", ist über dem Eingang zur Halle zu lesen, in der 35 deutsche und zwei schweizer Verlage auf der diesjährigen 13. Internationalen Buchmesse von Havanna ihre Sortimente ausstellen. An sich ist das kein ungewöhnlicher Vorgang. Immerhin handelt es sich bei der Veranstaltung um die zweitgrößte Messe dieser Art, nach der im mexikanischen Guadalajara. Doch bei dieser Messe, auf der in diesem Jahr die deutsche Kultur im Mittelpunkt des Programms steht, ist alles anders. Nur auf den ersten Blick ist das Bild wie immer. Jeden Morgen sammeln sich schon um neun Uhr morgens Menschentrauben an den Ampeln vor der Ausfallstraße, die zur alten spanischen Festungsanlage "Fortalezza San Carlos de la Cabaña" am Eingang des Hafenbeckens von Havanna führt. Der eigens eingerichtete Bustransport ist völlig überlastet. Die Menschen weichen hier auf alles aus, was Räder hat. Ein besonders hartes Los haben die Deutschstudenten von der Fremdsprachenfakutät. Weil ihr Wohnheim außerhalb der Hauptstadt im Vorort Bahía liegt, müssen sie jeden morgen um sechs Uhr aufstehen, um gegen zehn auf der Festungsanlage zu sein. Etwa ein Dutzend der Jugendlichen hat sich zur Hilfe bei den deutschen Ständen bereit erklärt. Yadira, eine Studentin aus der Provinz Matanzas, betreut den Stand des Klett-Pons-Verlages. "Wörterbücher", sagt die, "sind hier auf Kuba Mangelware". Die freien Zeiten auf der Messe nutzt sie, um sich Begriffe aus einem "Wörterbuch der Jugendsprache" herauszuschreiben. "Abrocken?" Die Studentin schaut zweifelnd. "Sagt man das noch?"

Rolf Dieter Hasse, Sprecher der "Arbeitsgemeinschaft der Bibliotheken Niedersachsen, hat den Stand organisiert. "Wir hoffen darauf, für die kommende Messe die Wörterbücher mit der alten Rechtschreibung verkaufen zu können", sagt er. In Deutschland könnten die kaum mehr verkauft werden. Auf Kuba würden sie zum Selbstkostenpreis eine drängende Bedarfslücke decken. Hasse gehört neben Reinhard Thiele ("Cuba si") und Dietmar Koschmieder (Verlag 8. Mai) zum Sprecherkreis des "Büro Havanna Buchmesse", das die deutsche Präsenz von 35 Verlagen in Havanna organisiert hat. Die Initiative dafür ging im vergangenen Herbst von der "Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba" aus. Reaktionen kamen durchaus auch von solchen Verlagen, die über jeden Verdacht der politischen Nähe zur Castro-Regierung erhaben sind. Hinter dem Engagement von Klett-Pons etwa steckt durchaus ein ökonomisches Interesse: Die kubanischen Kulturbehörden haben Großeinkäufe von Lernmitteln angekündigt. Immerhin beherrschen einige zehntausend Kubanerinnen und Kubaner die deutsche Sprache wegen der einstigen Kontakte zur DDR zumindest noch passiv.

Eigentlich hätte die Beteiligung über das Auswärtige Amt und die Frankfurter Buchmesse laufen sollen. Die Bundesregierung aber sagte ab, nach dem der Ministerrat der Europäischen Union im Sommer vergangenen Jahres die Beziehungen zur sozialistischen Regierung in Havanna (wieder einmal) eingeschränkt hat. "Rückblickend denke ich", sagte Kubas Kultusminister Abel Prieto im Gespräch mit dem Freitag, "dass es unser größter Fehler gewesen wäre, das Thema der Buchmesse daraufhin zu ändern." Kultur gehöre keiner Regierung, so Prieto. Kultur sei auch nicht von politischen Stimmungslagen abhängig. Und die Stimmung hatte sich massiv verschlechtert, nachdem auf Kuba vor fast genau einem Jahr, Ende März 2003, über 70 Regierungsgegner festgenommen und zum Teil zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden waren. In der einzigen vorliegenden Erklärung verwies daher auch das Auswärtige Amt auf "die mangelhafte Menschenrechtslage in Kuba", um die Absage zu begründen. Doch nicht die ganze Branche konnte den Zusammenhang zwischen einer Buchmesse und politischen Differenzen nachvollziehen. Dabei sind die 35 Verlage, die doch nach Havanna gefahren sind, keineswegs kritiklose Befürworter der kubanischen Politik. Zumal die Festnahmen vor einem Jahr bis in die linke Solidaritätsbewegung hinein für Diskussionen gesorgt hatten.

In Havanna präsent ist auch die Edition Nautilus. Mitbegründerin Hanna Mittelstadt stellt in der kubanischen Hauptstadt vor allem politische Literatur aus. "Eine kritische Haltung zu Kuba hatte ich schon vorher", entgegnet Mittelstadt den Vorwürfen, die Teilnehmer würden mit ihrer Präsenz Menschenrechtsverletzungen beschönigen. Drei Tage vor ihrer Abreise aus Deutschland hatte sie ein Fax vom "P.E.N. Zentrum Deutschland" erreicht. Sie habe sich entschlossen, hieß es darin, "trotz der jüngsten Unterdrückungsmaßnahmen gegen Schriftsteller und Intellektuelle in Kuba" an der Messe teilzunehmen. "Wir nehmen an, dass Sie dies tun, weil Sie der Meinung sind, dass Sie durch Ihre Teilnahme an der Buchmesse mehr für die Freiheit des Wortes in Kuba bewirken können als durch den Boykott der Veranstaltung."

Die Annahme des P.E.N stimmt. "Schlecht wäre es aber nicht gewesen, wenn sich der Autor des Briefes, Johano Strasser, an uns gewendet hätte", sagt Mittelstadt. Viel mehr als seine Einschätzung und eine Liste mit spanisch klingenden Namen ging den Teilnehmern in Havanna nicht zu. Per Fax hatte Mittelstadt kurz vor Abflug eine weitere Namensliste erreicht. Darum hatte sie den P.E.N. gebeten. Diesmal war sie durch den Haftort und die Höhe der Haftstrafe ergänzt. Auf Diskussionsbedarf lasse das kaum schließen, sagt Mittelstadt. Der besteht aber auch bei den Teilnehmern nicht. "Wir sind hier, um Bücher auszustellen", sagt der Vertreter der Solidaritätsorgansation "Cuba si" knapp.

Schräg gegenüber dem Nautilus-Stand ist mit dem Frankfurter Zambon-Verlag einer der wenigen Teilnehmer vertreten, die schon in den vergangenen Jahren zur Buchmesse nach Havanna gereist waren. Auf die Menschenrechtslage angesprochen lehnt sich der Verlagschef Giuseppe Zambon gelassen zurück. "Die Messebesucher stürzen sich doch nur so auf politische Literatur", sagt er. Diskutieren könne man in Havanna "über alles". Die Haltung der Kritiker Kubas hält er im Fall der Festnahmen für "scheinheilig". Tatsächlich sei doch nur einer der Inhaftierten, Raúl Rivero Castañeda, ein Schriftsteller gewesen (Freitag, 4/04). Im übrigen habe sich die Staatsanwaltschaft bei den Urteilen nicht auf die Schriftstellertätigkeit berufen, sagt Zambon, "sondern auf die Tatsache, dass die Angeklagten von der US-Regierung für den Aufbau eines Nachrichtennetzwerkes bezahlt wurden". Ein solches Urteil teilen nicht alle Anwesenden. Der Sprecher der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Wolfram Adolphi, etwa kritisiert die Urteile als "übertrieben". Ihm gegenüber werben zwei Mädchen mit dem Parteiprogramm der "Marxistisch Leninistischen Partei Deutschlands". Offiziell nehmen sie als "Verlag Neuer Weg GmbH" teil. "Ein sozialistisches Land", sagen sie, "gibt es nicht mehr".

Nicht nur unter dieser bunten Truppe von Ausstellern sorgt die Haltung zum Kulturboykott in diesen Tagen für Gesprächsstoff. Als der Präsident des "Kubanischen Buchinstituts", Iroel Sánchez, bei der Eröffnung der Messe von einer "Kulturblockade Europas" sprach, kam umgehend das Dementi. Niemand habe die Absicht, eine Kulturblockade zu verhängen, hieß es am vergangenen Wochenende aus Brüssel. Nach Ende der italienischen Ratspräsidentschaft, so scheint es, versucht man sich in Schadensbegrenzung.

Zum Stimmungswechsel in Kuba mag beigetragen haben, dass die kubanische Seite auch ohne Hilfe Europas aus der schweren Krise der neunziger Jahre gefunden hat. Während das Verlagswesen Anfang des vergangenen Jahrzehnts beinahe vollständig zusammengebrochen war, hat sich die literarische Produktion in den vergangenen Jahren wieder erholt. Durch ein neu geschaffenes Netz von Provinzverlagen etwa wird der Bevölkerung Literatur preisgünstig zur Verfügung gestellt. Die vor Ort produzierten Werke können heute beinahe wieder zu den Preisen angeboten werden, wie sie vor Beginn der Krise 1990/ 1991 bestanden hatten. Ein großer Teil der kubanischen Buchproduktion wird zudem im lateinamerikanischen Ausland abgewickelt, vor allem in Mexiko. Von Europa war und ist das kubanische Verlagswesen aber weitgehend unabhängig. Insofern hätte es den Brüssler und Berliner Bürokraten von vornherein klar sein müssen, dass ein Boykott nach hinten loszugehen droht. Folgerichtig versucht sich auch der deutsche Botschafter vor Ort, Bernd Wulffen, in Schadensbegrenzung. Für Mitte der ersten Messewoche hat er die deutschen Teilnehmer nach einem vorherigen Besuch auf der Messe zu einem Gespräch eingeladen.