Niemand steht für Nichts

Wahl der Nichtwähler Aus dem Kosmos der Wahlboykotteure

Der Wahltag rückt näher. Die Wahlforscher widmen ihre Aufmerksamkeit wieder dem unübersichtlichen Reich der Nichtwähler. In diesem Jahr taucht in diesem Kosmos eine neue Art auf, der Rache-Nichtwähler. Die Rache gilt den Grünen. Bei anderen Parteien bleiben die enttäuschten Anhänger zuhause. Bei den Grünen gründen sie Wahlboykott-Initiativen. Die Niederlage des eigenen einstigen Hoffnungsträgers muss aktiv organisiert werden. Das sind sie ihrem Selbstverständnis als politische Menschen schuldig.
Wie gelingt es aber, den Akt der Wahlabstinenz zu einer politischen Aktion zu erklären? Eine Möglichkeit wäre, Wahlen schlicht für unwichtig zu erklären. Das beißt sich zwar mit der Enttäuschung. Denn die kommt von der großen Erwartung an das eigene Wahlverhalten vor vier Jahren. Weil es damit nichts wurde, fallen sie wieder zurück in frühere Prägungen aus ihrer ersten politischen Sozialisation. Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie längst verboten. Mit dieser Einsicht aus den Spätsechzigern erklären sie alle Unterschiede, die bei der Wahl zur Wahl stehen, für unerheblich. Kein Wähler nimmt sein Kreuz so wichtig wie die Nichtwahlstrategen. Die kuriosesten Exemplare stammen aus dem Biotop der Anti-Atom-Gruppen. Dort gründeten sie die "Liste Niemand". Denn einfach nicht wählen zu gehen, könnte den Vorwurf einbringen, zu einem neuen Pro-Atom-Kurs beigetragen zuhaben. Stattdessen ruft die "Liste Niemand" auf, zur Wahl zu gehen. Doch gewählt wird "Niemand". Das ist eine reale Person, die allerdings schon vorher erklärt, mit ihrer Wahl nichts anfangen zu wollen.
Kaum etwas, was im Spektrum der linken Wahlboykotteure heute diskutiert wird, ist neu. Im Gegenteil, die Wahlbeteiligung war im linksradikalen Lager immer ein Problem. Nach 68 machten die diversen K-Gruppen daraus eine Frage der Konkurrenz untereinander. Wer den originellsten Einfall zu Stimmabgabe oder Wahlboykott hatte, manifestierte damit einen Anspruch als Avantgarde, von was auch immer. Den Vogel schoss 1973 die KPD/AO ab. Ihre Strategie: Das revolutionäre Potenzial des Landes sollte wählen gehen - aber den Stimmzettel ungültig machen mit der Parole "Weg mit dem KPD-Verbot". Da war die weitestgehende Festlegung für den Umgang mit dem Wahlkreuz. Leider gab es in der Wahlstatistik keine Rubrik für diesen speziellen Anteil der ungültigen Stimmen. So blieb das Ausmaß dieses Kampferfolgs geschichtlich ungeklärt.
Es gibt einen Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Bedeutung von sozialen Protestgruppen und der Diskussion um die Wahlbeteiligung. Je unbedeutender eine soziale Bewegung war, desto erbitterter wurde in ihren Reihen um den richtigen Umgang mit dem Kreuz gerungen. Auch die "Liste Niemand" wendet sich vor allem an ihresgleichen. Im Unterschied zu politischen Parteien wäre ihre Glaubwürdigkeit unantastbar: Sie würde nach der Wahl niemanden enttäuschen, denn Niemand steht für Nichts.

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00:00 19.07.2002

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