Niemand will sich erinnern

Allein mit dem Krieg Die libanesische Filmemacherin Danielle Arbid fragt nach verdrängten Konflikten - und erhält manch versöhnliche Anwort

An einem Herbsttag im Jahr 1990 endete der Bürgerkrieg im Libanon. In den 15 Jahren zuvor hatten 150.000 Menschen ihr Leben verloren, 200.000 ihre körperliche Unversehrtheit eingebüßt. Beirut war total zerstört. Das Kriegsende kam plötzlich; nach jahrelangen grausamen Kampf gaben die Milizionäre ohne größeren Widerstand ihre Waffen ab. Als Gegenleistung erhielten sie Posten in der neu zu bildenden Regierung. Der Rest war Schweigen.

Wer gegen solches Schweigen angeht, macht sich kaum Freunde. Es hat ewig gedauert, bis man in Deutschland ernsthaft über den Holocaust sprechen konnte; Vietnam ist für manchen Veteranen bis heute ein Trauma, an das keiner rühren darf. Zehn Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs im Libanon kehrte die 1970 geborene Filmemacherin Danielle Arbid in ihre Heimat zurück, die sie im Alter von 17 Jahren verlassen hatte - und begann, Fragen zu stellen.

Todesmutig stellt sich diese Person, deren zierliche, ja geradezu zerbrechliche Erscheinung ein unschlagbares Argument gegen jede direkte Konfrontation zu sein scheint, den neuen Herren des Landes in den Weg: Warum gibt es kein Denkmal an den Krieg, warum will sich niemand erinnern? Arbid blitzt ab, aber das mörderische Funkeln in den Augen ihrer Gegenüber ist auch eine Antwort. Man versteht sehr gut, warum sie ihren Film Seule avec la guerre (Allein mit dem Krieg) genannt hat. Kaum jemand ist bereit, auch nur zuzugeben, dass der Krieg überhaupt stattgefunden hat. Geschweige denn, nach den Gründen und Ursachen zu forschen.

Dass Arbid schließlich dennoch Antworten bekommt, verdankt sie ihrer bemerkenswerten Hartnäckigkeit. Misstrauen und die Feindseeligkeiten hält sie aus; die Fragen, die man an sie selber richtet, beantwortet sie aufrichtig. Allmählichen öffnen sich ihr die Protagonisten der Kämpfe von einst, christliche und muslimische Milizionäre. Stockend berichten sie von ihren Taten und Traumata, von erbitterten Kampf gegen jene, mit denen sie lange Jahre zuvor ihre Nachbarn waren. Manche fragen sich nun auch erstaunt, warum sie überhaupt den Einflüsterungen über unüberbrückbare ethnische und religiöse Differenzen zwischen den Gruppieren erlegen sind. Mit solchen Äußerungen ist Arbids Film ein weiterer Beleg für die Theweleit-These, dass das "Entmischen" von Gesellschaften notwendige Vorraussetzung für Krieg und Massaker und einstigen Nachbarn ist.

Eine Stunde lang ist dieser Dokumentarfilm. Die Regisseurin bedient sich einfachster Mittel; auch ihre Fragen klingen manchmal beinahe naiv, weil sie auf die Beschreibung des Geschehenen abzielen, nicht auf Analyse oder Urteil. Doch gerade die Schlichtheit dieses Ansatzes birgt ein bemerkenswertes Erkenntnispotenzial. Das gilt auch für ihren sehr klugen und schönen Film Aux Frontières (2002), in dem sie ein Bild von Israel entwirft, in dem sie an der Grenze des Landes entlang reist und die syrischen, jordanischen und ägyptischen Anrainer über den Nachbarstaat befragt.

Diese Menschen sprechen keineswegs mit einer Stimme. Es ist durchaus Spannung zu spüren, aber auch eine nicht-explosive Normalität. Der Film bietet damit ein Gegenbild zu unserer Vorstellung, allein unversöhnliche Konfrontation bestimme dort das Geschehen. Der Film lebt zudem von den intensiven Kenntnissen, die Danielle Arbid über den Nahen Osten hat. Bevor sie sich entschloss, Filmemacherin zu werden, hat sie mehrere Jahre für französische Zeitungen als politische Korrespondentin für diese Region gearbeitet.

Das wichtigste Thema ihrer Filme bleibt jedoch der Bürgerkrieg. 1998 drehte Arbid den 17-minütigen Spielfilm Raddem (Zerstörung), in dem eine Frau nach Photographien des Hauses forscht, in dem sie einst lebte. 2002 entstand die zehnminütige Conversation des Salon, in dem vier adrett gekleidete Damen in einem großbürgerlichen Wohnzimmer sitzen und sich über den Krieg unterhalten: Wie nahe sie dem Tode mehrmals waren; wie sehr sie noch heute unter den Nachwirkungen leiden. Es ist ein höchst seltsames Kaffeekränzchen; weil das Gespräch eine Beiläufigkeit hat, mit der man auch über das Wetter oder die neusten Schnittmusterbögen sprechen könnte. Zum Schluss kommt der (selbst-) ironische Hinweis, dass die obskure Unterhaltung im Salon der eigenen Mutter stattgefunden hat: Auch in ihrer eigenen Familie bleibt Danielle Arbid bei dem Versuch, den Krieg wirklich zu verstehen, allein.

Vom 10. bis zum 15.10. sind die Filme von Danielle Arbid im Filmkunsthaus Babylon zu sehen. An den ersten drei Tagen ist die Regisseurin persönlich anwesend. Die Werkschau wurde von dem Verein Die Blickpilotin organisiert.

00:00 10.10.2003

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