Nistplatz für Störche und Gefühle

Österreich/Slowakei Die inneren Kämpfe und Krämpfe der Grenzstadt Marchegg

Es fiele leicht, den Marchegger als Idealtyp verbiesterter Provinzialität zu karikieren. Verfolgte man diese Absicht, böte sich die Geschichte der jungen Klosterschwester an, die von der Straße weg zur Polizei geschleppt wurde. Die in Marchegg lebende Rumänin hatte einen Marchegger nach dem Weg gefragt und wurde in voller Ordenstracht zum Opfer ihres Akzents. Man weiß ja nie, mag der eifrige Mann gedacht haben, auf welche Tricks die Illegalen kommen.

Es fiele denn aber gar zu leicht, den trüben Eindruck, den die österreichische Kleinstadt an der slowakischen Grenze hinterlässt, einer Charakterschwäche des Marcheggers zuzuschreiben. Denn der Marchegger wurde auf eine Weise in den Windschatten der Geschichte geworfen, dass es ihm unverhältnismäßig schwer fallen muss, ein guter Multikulturalist in einer EU der 25 zu sein. Immerhin lernen nun einige Dutzend Marchegger die slowakische Sprache, welche neuerdings als Freifach in den Schulen und als Abendkurs angeboten wird. Den Anstoß dazu hat das "Grenzüberschreitende Impulszentrum" gegeben, das mit Mitteln der Europäischen Kommission dem Auftrag folgt, "am Abbau der hartnäckigen Barrieren der Wahrnehmung unserer slowakischen Nachbarn zu arbeiten." Denn keine zwei Hauptstädte Europas liegen so nah aneinander wie Wien und Bratislava. Und Marchegg liegt dazwischen.

Aber so sehr ein einzelner sich dagegen stemmen mag, formt doch das bittere Regime der Schengengrenze Tag für Tag das Bewusstsein. Die Bedürftigen und Entrechteten, die aus den Weiten Eurasiens nach Westen strömen, sofern es ihnen gelingt, die neue "Ostgrenze" Europas zwischen der Slowakei und der Ukraine zu passieren oder sich von Ungarn her durchzuschlagen - sie beunruhigen nicht den Schlaf des Kitzbühlers. Es ist der Marchegger, den nachts die Angst beschleicht, die March könnte das ganze Elend dieser Welt vor die Tür seines Einfamilienhauses spülen.

Zum leisen Horror kommt der Umstand hinzu, dass auf dem Gebiet der 3.500 Einwohner zählenden Gemeinde drei Stämme ansässig sind, die nicht in bestem Einvernehmen stehen: Die Gemeinde zerfällt in Marchegg-Stadt und Marchegg-Bahnhof, zwei gesonderte Ortsteile, die drei Kilometer auseinander liegen, und in den abgestorbenen Eichen der Auenlandschaft siedelt die größte baumbrütende Weißstorchkolonie Europas.

Sorgsam gepflegte Zwietracht

Die Marchegger Störche sind Ostflieger, wählen für ihren Flug nach Südafrika die Route über den Bosporus statt jener über Gibraltar. Sie bleiben ihrem Partner nicht treu, ihrem Nest hingegen schon, kehren immer wieder nach Marchegg zurück. Das "Storchendorf Europas" ist eine touristisch erschlossene Attraktion: An sonnigen Wochenenden wandern heitere junge Familien die Naturlehrpfade wissbegierig entlang, besteigen die hölzerne Aussichtsplattform, und manches kindliche Auge sieht man vom Lebensgefühl der Störche träumen, das für Freiheit und Geborgenheit gleichermaßen steht. Hier ist Marchegg ein Ort der Weite.

Nichts Ermutigendes verheißt es hingegen für den Integrationsprozess innerhalb der EU-25, erfährt man das blanke Unverständnis, welches Marchegg-Stadt und Marchegg-Bahnhof voneinander trennt. "Wenn ich einen Bahnhöfler nur seh´, muss ich schon ausspeien", entfährt es einer älteren Einwohnerin von Marchegg-Stadt. In der jungen Generation wird die tradierte Hassbeziehung zwischen der bäuerlich-kleinbürgerlichen Stadt und dem proletarischen Ortsteil Bahnhof weiter gepflegt und verfeinert.

Es gibt eine Marchegger Gewissheit, die der mürrischen Mentalität des Orts zugrunde liegt: Für uns interessiert sich niemand!

Dies nur auf die Grenzziehung von 1918 und den Eisernen Vorhang nach 1945 zurückzuführen, hieße allerdings um sechs Jahrhunderte zu kurz greifen. In Wirklichkeit kam Marchegg nie über den Umstand hinweg, dass die österreichischen Erblande 1278 an Habsburg fielen. Die herausragende Stellung, die der hoffnungsvollen Neugründung von Böhmenkönig Ottokar versprochen war, sollte Marchegg im weiteren Verlauf seiner Geschichte niemals einnehmen dürfen. An die weit ausgreifenden Pläne des untergegangenen Premysliden erinnern heute noch die Reste der acht Meter hohen Stadtmauer.

Von niedrigen eingeschossigen Häusern umrahmt, liegt der Marchegger Hauptplatz in der unbelebten Starre seiner Nutzlosigkeit. In der Mitte des Platzes steht das Gebäude der Grenzwacht, wo auf mehreren Etagen jene Flüchtlinge inhaftiert werden, die es heil über die March ins Gelobte Land geschafft haben. Seit der österreichische Innenminister 2001 die hier untergebrachten "Anhalteräume" eröffnet hat, werden mehr als 7.000 Immigranten pro Jahr durchgeschleust, während sich auf den nachsichtig gepflegten Wiesen rundherum wilde Bienenschwärme gegenseitig aufmuntern.

Längst ist in Österreich allgemein akzeptiert, dass der Staat milchgesichtige Präsenzdiener an die Grenze stellt, um sie zur Asylantenabwehr heranzuziehen. "Die Illegalen haben nicht pariert", fasst ein neunzehnjähriger Soldat seine Nachtwacht zusammen. Die Grenzgendarmerie habe ihn zur Verstärkung gerufen, da sich einige Georgier der Verhaftung widersetzt hätten. Der Junge erzählt die Geschichte so beiläufig, wie er nur kann. Seinen Stolz vermag er nicht zu verbergen.

Mit dem Rücken zur Grenze

Fast 15 Jahre nach dem Fall des Kommunismus gibt es für die Region Marchfeld immer noch keine Autobrücke ans andere Ufer der March - will man von Marchegg in den slowakischen Nachbarort fahren, besteht die einzige zuverlässige Verbindung in einer über 40 Kilometer langen Route, die weit nach Süden, zweimal über die Donau und durch das Stadtgebiet von Bratislava führt. Dabei ist der geschäftige Nachbarort Devínska Nová Ves, ein entlegener Stadtteil Bratislavas, keine fünf Kilometer entfernt.

In der Endphase des Habsburgerreiches führten noch zwölf Übergänge, darunter vier Straßenbrücken, über die March. Jetzt aber, zum Zeitpunkt der EU-Erweiterung, kann der 60 Kilometer lange Lauf der March zwischen Donaumündung und tschechischer Grenze nur an zwei Stellen überquert werden: Die provisorische Pontonbrücke bei Hohenau tut ihren Dienst nur dann, wenn die March weder zuwenig noch zuviel Wasser führt. Ähnliches gilt für die bei Nacht nicht operierende Fährverbindung in Angern.

Schuldige ließen sich benennen, doch gibt es ihrer zu viele. Abgesehen von der politischen Ignoranz jeglicher Couleur leistet auch die Marchfelder Bevölkerung hinhaltenden Widerstand, der sich in Bürgerinitiativen und einem negativen Volksentscheid manifestiert hat. Ökologische Argumente sind in der sensiblen Auenlandschaft Marchfeld/Zahorie schnell zur Hand, als Kronzeugen werden die Marchegger Störche benannt.

Auf der Homepage der Stadt ist eine Landkarte dargestellt, die Marchegg und Umgebung zeigt. Während auf der österreichischen Seite jeder Spargel namentlich vermerkt ist, erstreckt sich links der March eine abweisende dunkelgrüne Landmasse, die lapidar als "Slowakei" ausgewiesen ist. Besseres Kartenmaterial würde dem Marchegger sagen, dass er einen Vorort von Bratislava bewohnt.

Und sollte er eines Tages nicht mehr mit dem Rücken zur Grenze leben, würde der Marchegger vielleicht sogar feststellen, dass er seiner Nachbarschaft froh sein kann. Am anderen Ufer kämpft sich eine fragile junge Nation zu einem pulsierenden Markt empor. Zehn Kilometer von Marchegg hat VW Slovakia Tausende Arbeitsplätze geschaffen - am anderen Ufer herrscht Vollbeschäftigung.

Ungeachtet aller Verzögerungen naht unbarmherzig die Stunde, in der Marchegg aus dem Isolator gerissen wird. Zwar verfügt man bislang nur über eine Eisenbahnbrücke, doch verlaufen parallel zu dieser einige Brückenpfeiler, die 1917 von italienischen Kriegsgefangenen errichtet wurden. Nun soll das Bundesheer eine Pionierbrücke auf die alten Pfeiler setzen. Auch sie wird nur provisorisch sein - man spricht vage von 2006.

Auf absehbare Zeit bleibt Stand der Dinge, dass Marchegg sich als militarisierte Trutzburg eingerichtet hat, und darin eingenistet das Marchegger Gefühl leben kann. Grenzgendarmerie und Bundesheer drücken dem Gemeindeleben ihre visuelle Präsenz auf. Wer noch hinhört, vernimmt die immer gleichen Nachrichten ertrunkener, von Schleppern ausgesetzter Flüchtlinge.

Erst wenn der Marchegger Arbeiter überlegt, nebenan für VW zu arbeiten, anstatt 50 Kilometer nach Wien zu pendeln, wird Marchegg in seiner Normalität angekommen sein. Noch verfiele der gestandene Bahnhöfler in wildes Hohngelächter, konfrontierte man ihn mit einem solchen Vorschlag. Es wäre aber einfach nur normal.


00:00 28.05.2004

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