Barbara Schweizerhof
05.03.2009 | 14:35 9

Niveauverlust im Dienste der Schönheit

Der postfeministische Alptraum "Germany's Next Topmodel" kann auf eine treue Fangemeinde zählen - allen Manipulationsspekulationen zum Trotz.

Wer sagt, dass erfolgreiches Fernsehen schön anzuschauen sein muss? Spätestens mit der Einführung des Reality-TV und seiner lärmigsten Unterart, der Castingshow zeigt sich, dass der modern denkende Fernsehproduzent auf ein Mittel setzt, das größere Bindekraft zwischen Sendung und Publikum erzeugt, als die bloße Attraktivität es je könnte: die Abstoßung. Wenn der Zuschauer schon am Anfang das Ende einer Staffel herbeisehnt und „Das schau ich jetzt bestimmt nicht mehr!“ stöhnt, dann hat er in der Regel bereits den Festplattenrekorder programmiert und die Folgen zur Sicherheit gleichzeitig über i-Tunes abonniert.

Wer nun denkt, das seien Scherze aus dem Feuilleton, schaue sich bitte im Forum der Internetseiten zu ProSiebens Germany’s Next Topmodel um. Dort handeln die meisten Beiträge schon jetzt, zu Beginn der vierten Staffel, vom Genervt sein über diversen Kandidatinnen. In großer Ausführlichkeit werden hier außerdem die Manipulationsmanöver der Macher besprochen, denen man schlichtweg alles zutraut, von der simplen Schiebung – „die wurde eingeschleust, um Quote zu machen!“ – bis hin zum großen Betrug – „die Siegerin steht schon lange fest!“. Die Erfahrung lehrt, dass es sich bei so viel Kritik nur um die treuesten Fans handeln kann.

In bestem Einklang mit dieser Widersprüchlichkeit befindet sich die Tatsache, dass es sich bei Germany’s Next Topmodel um eine Art postfeministischen Alptraum handelt, der seine Erfolgsquoten aber intelligenten jungen und nicht mehr ganz so jungen Frauen verdankt. Dementsprechend ungern bezeichnet man die Methoden dieser Castingshow als „raffiniert“ und muss doch vermuten, dass hier offenbar wohlüberlegte Strategien zur Anwendung kommen: Während es in der Sendung einerseits um die Schönheiten des weiblichen Körpers und seine überzeugende Darbietung geht, zieht die Sendung andererseits ihre eigentliche Dramatik aus den niedrigsten, man kann sogar sagen: den hässlichsten Eigenschaften des weiblichen Charakters. Eine geradezu dekonstruktivistische Doppelbödigkeit: Einerseits neue Frisuren, Schmink- und Stylingtipps, andererseits Intrigen, Stutenbeißerei und jede Menge Tränen. Zusammengesetzt wirkt das Ganze dabei tatsächlich wie ein polyphoner Roman: Ohne Unterlass geben die Beteiligten einem stets unsichtbar bleibenden Frager darüber Auskunft, wie sie sich gerade fühlen oder gefühlt haben: „Ich freu’ mich voll!“

Was soll man sagen? Es hilft kein Kritisieren, sondern nur die Einsicht, dass das Nervtötende die Attraktion ist.

Kommentare (9)

Joachim Losehand 05.03.2009 | 21:59

Zwei Punkt sind in jedem Fall zu korrigieren: 1) daß Judenverfolgung eine spezifisch christliche Angelegenheit war/ist und 2) daß die [christliche] Verfolgung der Juden außerhalb des Heiligen Landes der „entscheidende Grund“ war, „daß die Juden wieder in das Land ihrer Väter wollten“.

1) Judenfeindschaft, „Judeophobie“ bzw. Antijudaismus ist auch ein in der vorchristlichen Antike bekanntes Phänomen. Überall dort, wo Juden sich außerhalb ihres eigentlichen Siedlungs- und Herrschaftsgebietes niederließen – in der sog. Diaspora („Verstreutheit“), d. h. vornehmlich in griech.-hellenist. Städten wie Alexandria, aber auch in Rom und vereinzelt im westl. Mittelmeer, kam es zu Pogromen und auch Ausweisungen ganzer Gemeinden. Dies hatte nicht allein politische oder materielle, sondern auch religiöse Gründe. Die Andersartigkeit der jüd. Religion war besonders in ihren Sitten und Gebräuchen sichtbar, die sich mit den ebenfalls religiös begründeten Sitten und Gebräuche ihrer Umwelt nicht vertrugen. Wir finden sowohl anti-jüdische Propaganda in den Quellen, als auch einen Diskurs unter sog. hellenisierten Juden hinsichtlich der Anpassung an die nicht-jüdische Umwelt.

2) Das Judentum ist keine universale Religion, sondern wie auch der antike Polytheismus eine Stammes- bzw. Volksreligion. Zudem ist die besondere Bindung an das „Heilige“ Land selbst religionsgeschichtlich begründet. Das Judentum kennt nur einen Tempel – in Jerusalem. Die Diasporagemeinden sind nicht allein durch Vertreibung, sondern vor der Zerstörung des Tempels freiwillig durch Auswanderung entstanden. Nicht alle Juden identifizieren sich bzw. haben sich mit der zionistischen Bewegung seit 1880 identifiziert, „das Judentum“ gibt es in dieser – wie auch in eigentlich fast allen anderen Fragen nicht. Genausowenig wie „den Islam“ oder auch „das Christentum“.

Joachim Losehand 05.03.2009 | 21:59

Zwei Punkt sind in jedem Fall zu korrigieren: 1) daß Judenverfolgung eine spezifisch christliche Angelegenheit war/ist und 2) daß die [christliche] Verfolgung der Juden außerhalb des Heiligen Landes der „entscheidende Grund“ war, „daß die Juden wieder in das Land ihrer Väter wollten“.

1) Judenfeindschaft, „Judeophobie“ bzw. Antijudaismus ist auch ein in der vorchristlichen Antike bekanntes Phänomen. Überall dort, wo Juden sich außerhalb ihres eigentlichen Siedlungs- und Herrschaftsgebietes niederließen – in der sog. Diaspora („Verstreutheit“), d. h. vornehmlich in griech.-hellenist. Städten wie Alexandria, aber auch in Rom und vereinzelt im westl. Mittelmeer, kam es zu Pogromen und auch Ausweisungen ganzer Gemeinden. Dies hatte nicht allein politische oder materielle, sondern auch religiöse Gründe. Die Andersartigkeit der jüd. Religion war besonders in ihren Sitten und Gebräuchen sichtbar, die sich mit den ebenfalls religiös begründeten Sitten und Gebräuche ihrer Umwelt nicht vertrugen. Wir finden sowohl anti-jüdische Propaganda in den Quellen, als auch einen Diskurs unter sog. hellenisierten Juden hinsichtlich der Anpassung an die nicht-jüdische Umwelt.

2) Das Judentum ist keine universale Religion, sondern wie auch der antike Polytheismus eine Stammes- bzw. Volksreligion. Zudem ist die besondere Bindung an das „Heilige“ Land selbst religionsgeschichtlich begründet. Das Judentum kennt nur einen Tempel – in Jerusalem. Die Diasporagemeinden sind nicht allein durch Vertreibung, sondern vor der Zerstörung des Tempels freiwillig durch Auswanderung entstanden. Nicht alle Juden identifizieren sich bzw. haben sich mit der zionistischen Bewegung seit 1880 identifiziert, „das Judentum“ gibt es in dieser – wie auch in eigentlich fast allen anderen Fragen nicht. Genausowenig wie „den Islam“ oder auch „das Christentum“.

quu 05.03.2009 | 22:25

"Während es in der Sendung einerseits um die Schönheiten des weiblichen Körpers und seine überzeugende Darbietung geht, zieht die Sendung andererseits ihre eigentliche Dramatik aus den niedrigsten, man kann sogar sagen: den hässlichsten Eigenschaften des weiblichen Charakters."

Erbitte mir weitere Beispiele, "hässlicher, Eigenschaften" speziell des "weiblichen Charakters". Neben... ja, was eigentlich? Niedertracht? Stolz? Und wenn das die "hässlichsten" sind, dann interessiert mich auch, was die "weniger hässlichen" sind. Niedere Charaktereigenschaften sind: menschlich. Nicht weiblich.

"Eine geradezu dekonstruktivistische Doppelbödigkeit: Einerseits neue Frisuren, Schmink- und Stylingtipps, andererseits Intrigen, Stutenbeißerei und jede Menge Tränen."

Aha. Und in diesem Satz entblößt sich dann ein ganz anderer "postfeministischer Wahnsinn": Das weiblich Schlechte und Böse in Form von Tränen und Intrigen und das sweete Weiblich-Gute in Form von Lippenstift und Lockenwickler? War das jetzt Deine Interpretation oder Deine Berichterstattung?

marsborn 06.03.2009 | 15:35

Meine Güte, nun macht aber mal halblang... Bei dieser, wie wir der zitierten Webseite entnehmen können, auch für Mädels ohne Abitur leicht zu durchschauenden "...Castingshow zeigt sich, dass der modern denkende Fernsehproduzent auf ein Mittel setzt, das größere Bindekraft zwischen Sendung und Publikum erzeugt, als die bloße Attraktivität es je könnte: die Abstoßung..."? Ja klar, das war bei "Das Schweigen der Lämmer" auch nicht anders. Aber das ist bloß die Hälfte: Andere Charaktere in diesem amüsanten und, ja, mitunter auch erschreckenden, TV-Schaufenster der gesellschaftlichen Befindlichkeit junger deutscher Frauen laden ja auch zu Mitleid oder sogar zur Anziehung ein, oder? Das ist eine alte Nummer, an der es nix zu entlarven gibt. Man nennt sie: Identifikation. Seit Jahrtausenden Grundhandwerk eines jeden Literaten bzw. neuerdings eben auch Medienmachers. Also nix verucht vertracktes Neues! Was die deutschen Feministinnen und Feministen der Frau Klum wohl nicht verzeihen werden, ist, dass sie hier eine Realität ausleuchtet bzw. damit spielt, die eben über das pure Marketing hinaus real existierende Charaktere junger Frauen ausleuchtet. Die Frage wäre nun, wie typisch die sind. Der große Erfolg der (medientechnisch hervorragend gemachten) Show lässt vermuten: ziemlich. Nicht Frau Klums Show ist also das Problem.

ozzroach 06.03.2009 | 16:22

Die in der Serie benutzte Sprache ist sehr interessant. Ohne eine Strichliste geführt zu haben glaube ich, dass der Ausdruck "Gas geben" pro Sendung etwa 8 mal benutzt wird, zudem soll man immer "alles geben". Auch dass man während der Arbeit auf dem Laufsteg "Party machen" muss, gehört zu den Allgemeinplätzen der Sendung. Ich hätte gern eine umfassendere Untersuchung dieser Frage gelesen, weil ich glaube, dass die benutzten Sprachformeln sowohl recht aktuell sind als auch eine gewisse Strahlkraft besitzen ...

marsborn 06.03.2009 | 19:19

Ja, stimmt, ist mir auch aufgefallen! Frau Klum sprach neulich auch mal von "knallharter Selektion" der Mädchen... natürlich hat sie recht! Ich finde ihre Sprache prima, sie nimmt einfach kein Blatt vor den Mund - und zeigt des öfteren auch herrliche Wissenslücken in Sachen Grammatik. Aber sie ist ja unzweifelhaft Werbemodel, keine Linguistin... von political correctness keine Spur, wunderbar. Und die diversen neoliberalen "Ich werde siegen" Statements der Mädchen sind doch auch große Klasse - in welcher anderen deutschen TV-Sendung packen die Kanzlerkandidatinnen von morgen sonst derart aus? Ich finde, diese Show wirkt in diesem Sinne tatsächlich - aufklärend...