Nix gelernt seit BSE

Verfaultes Fleisch, belastetes Gemüse Lebensmittelkontrolle ist Ländersache. Und die haben dafür offenbar wenig Geld übrig

Gylkol im Wein, Dioxin in Eiern, BSE in Fleisch. Die Geschichte zeigt: Markt macht erfinderisch. Jetzt also Gammelfleisch und Pestizidgemüse. Lebensmittelkontrolleure und Staatsanwaltschaften finden - einmal alarmiert - dieser Tage tonnenweise illegale Fleischprodukte. Abgelaufen, stinkig und halb verwest wurden sie umdeklariert und über Großküchen oder Bratwurstbräter in den Handel gebracht. Die Öko-Organisation Greenpeace schockt zudem mit Obst- und Gemüsestichproben in Supermärkten. Giftige Pestizide liegen häufig über den Grenzwerten, sogar verbotene Substanzen finden sich auf Birnen, Pfirsichen oder Weintrauben. "Die Geiz-ist-geil-Mentalität der Verbraucher ist Schuld", heißt es unisono von Ex-Verbraucherministerin Renate Künast und ihrem Nachfolger im Amt des flugs umbenannten Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Horst Seehofer. Der Verweis auf den Geiz ist nicht falsch aber doch zu billig.

Zwar stimmt: Verbraucher von heute wollen immer weniger für Ernährung ausgeben. Zahlte man beispielsweise vor 55 Jahren noch rund 1,6 Prozent eines durchschnittlichen Monatslohns für ein Kilo Fleisch, so sind es heute nur noch allenfalls 0,2 Prozent. Sagt das Statistische Bundesamt. Fleisch ist im Verhältnis also immer billiger geworden. Das bekommen die Beschäftigen im Einzelhandel über Lohndumping zu spüren. Das lässt aber auch mindestens so manchen Filialleiter zum Betrüger werden, wenn er seine Mitarbeiter Fleisch als frisch umetikettieren lässt, obwohl es das ursprüngliche Haltbarkeitsdatum seit Monaten überschritten hat. Nicht erst jetzt ist das so. Bereits im Frühjahr flimmerten entsprechende Filmaufnahmen eines Real-Mitarbeiters zum Beweis durch die Abendsendungen. Da hieß es noch Einzelfall. Mittlerweile weiß man: Der Umgang mit abgelaufenen Fleischprodukten ist weder einer einzelnen Supermarktkette noch einem einzelnen Großhändler oder Hersteller zuzuordnen. Die Spuren führen quer durch die Republik. In mindestens 15 Betrieben in Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg wurden Kontrolleure bisher fündig. Die Fleisch-Mafia ist überall. Selbst Ökofleisch soll betroffen sein, hört man aus Nordrhein-Westfalen. Beim Obst ist das nicht anders. Billige Spritzmittel gegen Pilze oder Insekten, in Deutschland wegen ihrer Nerven und Hormon schädigenden Wirkung am Verbraucher längst verboten, werden immer noch in den Herkunftsländern eingesetzt. Mit Wissen der Ketten, wettert Greenpeace. Denn solches Obst oder Gemüse geht billiger über den Tisch. Die staatlichen Kontrollstellen hatten das bisher zumindest nicht öffentlich gemacht, obgleich sich hier ganz konkret eine Gesundheitsgefährdung jedenfalls von Kleinkindern anbahnt.

Kontrolliert wird selten in Deutschland. Nur in Großbritannien wird im europäischen Vergleich der Verbraucher von den Kontrollbehörden noch mehr im Stich gelassen als hierzulande. Lebensmittelkontrolle ist laut Grundgesetz Ländersache. Und diese haben dafür offenbar wenig Geld und noch weniger Wille zur Vernetzung übrig. Kein notorischer Nörgler sondern Bauernpräsident Gerd Sonnleitner bemängelte jüngst, dass in den Ländern immer wieder bei der Lebensmittelkontrolle gespart und teilweise abgebaut worden sei. Ein einzelner Kontrolleur müsse pro Jahr rund tausend Betriebe beobachten, heißt es seitens der Verbraucherzentralen. Da kann einiges durchrutschen. Wann wer wo was kontrolliert und ob die Befunde weiter gegeben werden, sei in Deutschland höchst ungewiss, monieren die Verbraucherschützer.

Dabei hatten doch alle Besserung gelobt, als vor fünf Jahren BSE-Fleisch aus mit Tiermehl gefütterten Tieren die Verbraucher gefährdete. Doch geschehen ist seitdem wenig. Wieder fordern Verbraucherverbände bessere Kontrollen, die Verlagerung der Überwachung auf den Bund, Bußgelder und - ein Verbraucherinformationsgesetz, das überführte Hersteller und Händler öffentlich machen soll. Das hätte es längst geben können. 2002 ließ die CDU das vom Künast-Ressort entwickelte Gesetz im Bundesrat scheitern, obwohl das Bundesverfassungsgericht den Kern des Gesetztes, das An-den-Pranger-Stellen des Herstellers noch im selben Jahr eben nicht als unzulässigen Eingriff in den freien Wettbewerb herausgestellt hatte, wie es Friedrich Merz seinerzeit behauptet hatte.

Das Versäumte will Seehofer jetzt nachholen. Das Gesetz soll kommen. Der konkrete Inhalt aber bleibt ungewiss. Denn gleichzeitig hört man vom neuen Ernährungsminster, er wolle die Lebensmittelkontrolle eher privatisieren denn verstaatlichen. Die Wirtschaft soll sich selbst überwachen. Die aber hätte ja schon längst Verdächtige aus eigenen Reihen melden können. Tat sie aber nicht. Und sie sagt zudem, man könne das Fleisch doch häufig gar nicht mehr bis zum Ursprung zurück verfolgen, den wahren Täter also häufig nicht benennen. Doch die Wissenschaft macht es zumindest beim Tier möglich.

Die bisher übliche Markierung eines Tieres mittels Ohrmarke oder Chip endet mit der Schlachtung. Das Impfen von Tieren mit für den Verbraucher ungefährlichen Eiweißbruchstücken, so genannten Peptiden, lässt aber bei dem Tier ganz spezielle Antikörper entstehen. Hundertausende Peptide lassen sich künstlich erzeugen, in der Natur ohne Vorbild also ohne Verwechslungsgefahr. In jedem Stück Fleisch ließe sich der spezielle Antikörper nachweisen. Die Spur ließe sich mittels eines Impfregisters bis zum dazugehörigen Züchter zurück verfolgen. Doch das in Deutschland erfundene System wird bisher nur in den USA angewendet. In Deutschland scheint die Zeit für innovativen Verbraucherschutz noch nicht reif genug zu sein.


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00:00 09.12.2005

Ausgabe 39/2020

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