No-name heißt nicht no game

HighTech-zulieferer wittern Morgenluft Eine flaue Konjunktur lässt die Ritter des Outsourcing ihre Marktchance suchen, aber auch sie sind nicht unbedingt gewitterfest

Da der High-Tech-Höhenrausch erst einmal vorbei scheint, gilt für die Branche mehr denn je das Gebot: Kosten senken, Kapitalbindung reduzieren, Logistik optimieren. Eine Hochzeit für spezialisierte Unternehmen, sollte man meinen, die allein in den USA zur Zeit im Dienst der Marktführer ein Drittel der PC-Produktion übernommen haben. Outsourcing der High-Tech-Produktion ist ein Milliardengeschäft, solange die Auftragsbücher gefüllt sind und die Halden unverkäuflicher Ware nicht ´gen Himmel schreien.

In aller Stille ist während der vergangenen Jahre auf dem High-Tech-Markt diese Klientel entstanden: die contract manufacturer oder auch electronic manufacturing services (EMS). Was in der Textilbranche, von den Edelschneidern Armani Co. bis zu H, lange Tradition hat - Markenfirmen entwerfen und vermarkten, aber andere schneidern -, hat sich für die USA und Asien auch in der Elektronik-, Halbleiter-, IT- und Telekom-Industrie etabliert. Jetzt haben die Marktführer unter den Dienstleistern, die sich gemessen am Umsatz bald mit manchen ihrer Auftraggeber messen können, mit der Eroberung des europäischen Marktes begonnen. Glaubt man den Propheten der New Economy, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Auftragsfertiger auch andere Branchen erobern.

Die globalen Marktführer in Deutschland sind "no-names" wie Flextronics, Solectron, Celestica, Jabil oder SCI. Sie erzielten 2000 einen geschätzten Umsatz von 88 Milliarden Dollar - 2003 soll er bei knapp 150 Milliarden liegen. Allein im vergangenen Jahr übernahmen die Auftragsfertiger Fabrikationsanlagen im Wert von knapp zehn Milliarden Dollar von ihren Kunden gegenüber 2,6 Milliarden 1999. Ein Unternehmen wie Flextronics hat so seine Produktionsflächen binnen drei Jahren verzehnfacht.

Derartige Firmen sind profitabel, auch wenn sie bei der Fertigung von Druckern nicht dieselben Renditen erwirtschaften wie etwa Auftraggeber Hewlett Packard, der die Entwicklung, die Marke und den Vertrieb kontrolliert. Und sie gehörten bisher zu den Darlings der Wall Street, da zu ihren Kunden mehrheitlich High-Tech-Konzerne gehören, die in Boom- wie in Krisenzeiten auf Auftragsfertiger angewiesen sind. In Zeiten unbegrenzten Wachstums konnten die Hersteller von PCs, Druckern, Scannern, Handys oder Netzwerkprodukten nur mit flexiblen Fertigungskapazitäten im Rücken konkurrieren, auf die sie ohne langfristige Investments jederzeit zurückgreifen konnten. Cisco etwa avancierte zum Marktführer für Netzwerkprodukte und für Internet-Infrastruktur, ohne eine Eigenfertigung aufzubauen.

Nur das Kerngeschäft zählt

In den meisten US-Konzernen, die derzeit den High-Tech-Sektor dominieren, spielt die Beherrschung der Produktion - anders als in europäischen oder japanischen Firmen - traditionell eine untergeordnete Rolle. Cisco verfügt als Weltmarktführer zwar über Entwicklungs- und Marketingabteilungen, lässt aber ausgelagert produzieren - nämlich bei Flextronics oder Solectron. Bei US-Computerfirmen wie Dell oder Compaq mit eigener Produktion gilt ein Management-Job in der Produktion daher in der Regel nicht als Karriereposition. Das ist der Boden, auf dem die Auftragsfertiger gedeihen.

Die haben ihrerseits nicht nur die Produktionsprozesse optimiert, sondern fertigen auch deshalb billiger, weil sie in ihrem auf der ganzen Welt verteilten Fabriken gleichzeitig etwa für Ericsson und Siemens produzieren und durch ihre große Kundenbasis Handy- oder PC-Bauteile billiger bekommen. Weil sie außerdem weltweit in der Nähe der großen Absatzmärkte agieren, sinken die Distributionskosten - eine Garantie für die globale Markteinführung eines neuen Produkts ohne Verzug. Nur durch den flexiblen Zugriff auf solche externen Produktionskapazitäten kann jetzt beispielsweise Siemens - ohne eigene Handy-Fertigung in den USA - daran gehen, mit großen Stückzahlen den US-Markt zu überschwemmen und dort Nokia und Motorola anzugreifen. Das ansonsten durch Produktionsstätten gebundene Kapital kann in Entwicklung und Vermarktung fließen.

Der IT-Sektor mit immer kürzeren Entwicklungs- und Produktzyklen und saisonalen Nachfrageschwankungen ist insofern prädestiniert für die Auslagerung der Fertigung. Die Produktion besteht aus der Montage von standardisierten Bauteilen, die von Chip-Herstellern, Festplatten-Herstellern, Grafikkarten-Herstellern und Gehäuse-Spezialisten geliefert werden. Der Produktionsprozess besteht aus Assemblieren und Testen, die eigentliche intellektuelle Entwicklungs- und Prozessinnovation geschieht anderswo, dort, wo neue superschnelle Chips oder immer weiter miniaturisierte Festplatten entwickelt werden.

Heute hängt in allen Konzernzentralen der High-Tech-Industrie das Motto: Nicht verzetteln, sondern fokussieren! Konzentration auf das Kerngeschäft! Von den Kantinen über die Logistik, die Rechenzentren und die Kundenberatung per Call Center wird ausgelagert, was nicht zum Kerngeschäft gehört. Es kommt allein darauf an, durch schnellste Produktentwicklung und gutes Marketing Märkte zu okkupieren und zu pflegen. Die Fertigung und den Vertrieb machen dann andere.

Die Preisfrage lautet

Wann drängen die Klientele des Outsourcing in das eigentliche Geschäft ihrer Auftraggeber Ericsson oder Siemens, fragen inzwischen viele Beobachter angesichts der Marktflaute. Wie ist überhaupt gewährleistet, dass Geschäftsgeheimnisse oder Patente gewahrt bleiben, wenn in derselben Fabrik eigene Rechner und die der Konkurrenz gefertigt werden? Worin besteht gegenüber der Kundschaft noch die Exklusivität eines Siemens-Handys, wenn es die gleiche Funktionalität und das gleiche Innenleben wie das der Konkurrenz hat und zudem in der gleichen Fabrik gefertigt wurde?

Darauf gibt es keine klaren Antworten. Längst haben Flextronics Co eigene Design- und Entwicklungsteams, die mit denen der Kunden kooperieren. Längst fertigen sie nicht nur Haushalts-PCs für Aldi - sozusagen als Garagenfirmen auf großer Stufenleiter -, sondern bauen auch komplexe Server zusammen. Andererseits ist beispielweise der IBM-Geschäftsbereich für Speichersysteme dazu übergegangen, technologische Neuentwicklungen zunächst in eigenen Fabriken zu fertigen, weil der Produktionsprozess noch nicht so beherrschbar und standardisiert ist, dass er outgesourct werden kann.

Seit etlichen Monate sind allerdings auch die Auftragsfertiger nicht mehr auf Rosen gebettet. Diverse Firmen fragen besorgt, wer für die randvollen Lager von IT-Produkten zu zahlen hat - teilweise ein Bestand von sechs Monaten. Bei den schnellen Produktzyklen - vergleichbar dem Saisongeschäft mit Weihnachtsmännern und Osterhasen - heißt das: Die Waren sind nur noch mit Verlust verkäuflich. In der Krise funktioniert die komplexe Arbeitsteilung in der Technologie-Wertschöpfungskette offenbar nicht mehr. Die klare Beziehung zwischen Hersteller und Kunden ist durch Outsourcing und Firmen-Allianzen soweit verwischt, dass es keine abgegrenzten Verantwortlichkeiten mehr gibt. "Ich bin alarmiert, dass niemand das Eigentum an den enormen Lagerbeständen reklamiert. Jeder sagt, das Zeug gehört doch Ihnen", erklärt eine Managerin des Distributors Arrow, deren Lagerbestand sich in zwölf Monaten auf über drei Milliarden Dollar verdoppelt hat. Manager von Solectron berichteten, dass sie schon im Herbst eine Überproduktion kommen sahen, aber die Auftraggeber Ericsson, Lucent und Cisco weiter hohe Stückzahlen verlangten. Für Überschüsse würden sie aufkommen, hieß es. Als die Kunden ihre Bestellungen radikal kürzten, war es zu spät für Solectron, das Bauteile von 4.000 Zulieferern bezieht. Gerichtsprozesse sind programmiert.

Auch die Börse, die den Auftragsfertigern noch einen Bonus gab, als die Technologieaktien reihenweise abstürzten, wird nervös. Was jetzt zählt, ist nicht mehr Wachstum, sondern Profit. Und der ist bei den Dienstleistern mit drei bis fünf Prozent Netto-Gewinnmarge vom Umsatz auch in guten Zeiten knapp. Weil die Auftragsfertiger die Fabriken - also fixes Kapital - von ihren künftigen Kunden übernehmen, gerät die Rendite auf das eingesetzte Kapital ständig unter Druck. Es rächt sich jetzt, dass die High-Tech-Konzerne in der Regel nur kapitalintensive Billig-Aufträge outsourcen und dafür nicht einmal Umsatzgarantien geben. Flextronics zum Beispiel musste darauf bei der Übernahme der Handy-Fertigung von Ericsson verzichten.

Gern haben übrigens gerade die Auftragsfertiger der High-Tech-Industrie den Mythos von der "neuen Arbeitswelt", paradiesischen Produktionsverhältnissen und Aufstiegschancen gepflegt. Die Realität in den Fertigungsstätten sieht anders aus: Auf dem Weltmarkt und besonders in den USA beschäftigen die entsprechenden Unternehmen - wie die Branche insgesamt - vor allem un- und angelernte Arbeitskräfte zu Niedriglöhnen und miserablen Arbeitsbedingungen. Ganze Fertigungsabläufe wie die Bestückung von Platinen sind in elektronische Heimarbeitsplätze in die Slums vom Silicon Valley und San Francisco outgesourct; bezahlt werden die asiatischen und Latino-Arbeitsimmigranten nach Stückzahlen. In den Fabriken von Solectron oder Flextronics stehen komplexe Bestückungsautomaten ungenutzt herum, weil menschliche Arbeitskraft billiger ist und ohnehin niemand die Maschinen bedienen kann.

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00:00 01.06.2001

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