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Menschenrechte Stefan Keuligs Film über den Krieg in West-Papua

Gute Nachrichten sind schlechte Nachrichten." Die medienkritische Küchenweisheit verbirgt eine andere Wahrheit: Auch schlechte Nachrichten haben es bisweilen sehr schwer, die Aufmerksamkeit der Medien zu erreichen. Vorzugsweise betrifft das jene fernen Krisenregionen, deren Boden noch kaum ein deutscher Tourist betreten hat. Ist die journalistische Recherche zudem kostenintensiv und mit Gefahren für Leib und Leben verbunden, stehen die Chancen für eine adäquate Berichterstattung äußerst schlecht.

Nehmen wir das Beispiel West-Papua. Die an das weitaus bekanntere Papua-Neuguinea grenzende Provinz des Vielvölkerstaates Indonesien provoziert alle paar Jahre mal eine exotische Nachricht im Ressort "Neues aus aller Welt". Vorzugsweise wenn mal wieder eine bis heute noch unbekannter Ethnie "entdeckt" wird oder ein amerikanischer Reisender auf mysteriöse Weise im Dschungel ums Leben kommt.

Dabei ist West-Papua seit vielen Jahren der Schauplatz eines blutigen Krieges, der laut Aussagen von Kirchengruppen und Menschenrechtsorganisationen schon 100.000 Todesopfer unter den circa 2,38 Millionen Bewohnern gefordert haben soll. Gegenüber stehen sich das indonesische Militär und die für die staatliche Unabhängigkeit des Landes kämpfende Befreiungsbewegung OPM (Organisasi Papua Merdeka). Wer auf den verschwiegenen Konflikt im fernen Dschungel aufmerksam machen will, muss zunächst zwei unüberwindlich scheinende Hürden überwinden: die restriktive Informationspolitik Indonesiens und das weitgehende Desinteresse der hiesigen Medien.

Der Filmemacher und Sachbuchautor Steffen Keulig nimmt seit Jahren immer wieder Anlauf, um Verstöße gegen die Menschenrechte in West-Papua publik zu machen. Zuletzt auf der 52. Biennale in Venedig. Der amtierende Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation "Freunde der Naturvölker" stellte auf Einladung des internationalen Netzwerks Cultura 21 in der Lagunenstadt zum ersten Mal seine nur 16 Minuten dauernde Dokumentation West Papua - Der geheime Krieg in Asien vor.

Die Brisanz des Film rührt daher, dass er Aufnahmen aus einer verbotenen Zone des indonesischen Herrschaftsgebiets zeigt, in die seit 2003 keine Journalisten, kein UN-Flüchtlingshilfswerk und keine ausländischen Menschenrechtsorganisationen mehr hinein gelassen werden. Seitdem am 2. August 1969 eine Gruppe von 1.025 ausgewählten Papua-Vertretern unter massivem Druck der indonesischen Streitkräfte "einstimmig" den Beitritt der ehemaligen holländischen Kolonie zu Indonesien beschlossen hat, findet das Land keine Ruhe. Der US-Minenkonzern Freeport beutet die immensen Kupfer- und Goldressourcen des Landes aus, ohne dass die zum großen Teil noch unter Bedingungen der "Steinzeit" lebende Bevölkerung angemessen davon profitierte. Setzen sich die Ureinwohner gegen die Ausbeutung und die Provokationen des indonesischen Militärs zur Wehr, hat das brutale Konsequenzen: Todeskommandos, verbrannte Dörfer und Massenvertreibungen.

Keulig fand Zugang zum inneren Kreis der Unabhängigkeitsbewegung und interviewte Mathias Wenda, ihren seit Anfang der siebziger Jahre untergetauchten Anführer. Der meist gesuchte Mann Indonesiens hat die OPM mitgegründet. Die Mehrheit der Papua verehrt den Freiheitskämpfer als lebende Legende, der indonesische Staat verfolgt ihn dagegen als gefährlichen Terroristen. Ebenso brisant ist jener Teil des Films, der Bilder aus bisher unbekannten Flüchtlingslagern in Papua-Neuguinea zeigt. Hier halten sich bis zu 10.000 Menschen aus West-Papua vor dem indonesischen Militär versteckt. Darunter sind kritische Studenten, Freiheitskämpfer, vor allem aber Angehörige verschiedener Stämme, die vertrieben worden sind.

Einige Filmbilder stammen von einer lange geheim gehaltenen Reise, die Keulig zusammen mit der Bestsellerautorin Sabine Kuegler im Februar 2007 in die Krisenregion unternahm. Kueglers Bekanntheit wiederum zeigt von der anderen Seite, wie die mediale Aufmerksamkeitsproduktion funktioniert. Erst der Erfolg ihrer ungewöhnlichen Geschichte als Dschungelkind bereitete den Boden für ein Interesse der Medien, nun leiht sie der West-Papua-Kampagne ihr fotogenes Gesicht, Anfang der Woche bei Beckmann. Nicht ohne Erfolg, Keuligs Film ist für das von den Vereinten Nationen geförderte "We the People´s" Filmfestival Anfang Dezember in London angefragt worden. Auch sich langsam verbreitende Nachrichten sind Nachrichten.

www.freewestpapua.de


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