No pasa nada?

#NosFaltan3 Vor gut drei Wochen wurde ein ecuadorianisches Reporterteam an der Grenze zu Kolumbien entführt. Der Protest gegen die Untätigkeit der Regierung wächst
No pasa nada?
#NosFaltan3 (uns fehlen drei): Kollegen und Familienangehörige fordern von der Regierung mehr diplomatisches Engagement

Foto: Rodrigo Buendia/AFP/Getty Images

„Präsident Lenín Moreno, bitte beenden Sie das Abkommen zur Terrorismusbekämpfung mit Kolumbien“, sagt Javier Ortega und blickt in die Kamera. Eigentlich wünscht er sich vom ecuadorianischen Präsidenten nur, dass der ihn hier rausholt. Es sind seine Entführer, ehemalige FARC-Kämpfer, die ihn zu dieser Aussage im Video gezwungen haben.

Seit dem 26. März trägt Ortega dasselbe T-Shirt, er steht angekettet neben dem Fotografen Paúl Rivas und ihrem Chauffeur. Vor drei Wochen wurde das Reporterteam im Norden Ecuadors an der Grenze zu Kolumbien entführt. Hier hatten im Januar Rebellen mit einer Autobombe vier Soldaten getötet. Deshalb schickte die Tageszeitung El Comercio Ortega und Rivas in die Grenzregion, wo seit dem Rückzug der kolumbianischen FARC-Guerilla die Drogenkonflikte wieder eskalieren. Viel Medienaufmerksamkeit fand der Vorfall, weil es zum ersten Mal Journalisten waren, die entführt wurden.

Vor allem offenbart die Geiselnahme auf ecuadorianischem Staatsgebiet aber das Versagen des Militärs. Ecuador kann die Sicherheit seiner Bürger nicht garantieren. Kollegen und Familienangehörige haben es mit einer Medienkampagne geschafft, dass man im ganzen Land über den Fall spricht. Unter dem Motto #NosFaltan3 fordern sie von der Regierung mehr diplomatisches Engagement für die Freilassung der drei. Die Keimzelle der Mobilisierung war eine WhatsApp-Gruppe von 170 Medienmachern des Landes. Für sie ist das Thema emotional aufgeladen: „Es hätte auch mich treffen können“, schreibt eine Bloggerin auf Twitter. Angeschlossen haben sich der Bewegung aber nicht nur Journalisten, Studierende und Umweltaktivisten, sondern auch die Kirchen. Über die sozialen Medien organisieren sie Mahnwachen in vielen Städten, von der Küste bis in die Anden. Sogar bei Regen versammeln sich in Quito weiterhin jeden Abend Hunderte Menschen mit Kerzen und Bannern vor den Regierungsgebäuden, um eine professionelle Lösung der Situation zu fordern.

Eine schlechtere Zusammenarbeit zwischen den nationalen Behörden im Krisenfall kann man sich tatsächlich kaum vorstellen. Während das kolumbianische Militär behauptete, die Geiseln seien womöglich noch auf ecuadorianischem Boden, sagte Innenminister César Naves in Quito, sie seien nach Kolumbien verschleppt worden. Es ist diese schlechte Informationspolitik, die immer mehr Ecuadorianer beunruhigt und wütend macht. Es ist ein Innenminister, der die erste Pressekonferenz lapidar mit den Worten „No pasa nada“, es passiert schon nichts, beendet. Es ist dessen Aussage, die Reporter seien mitverantwortlich für die Situation, weil sie in einem Sperrgebiet recherchierten, die die Bürger auf die Straße bringt. Es ist die Angst, das Reporterteam könnte das Schicksal eines Mitbürgers teilen, der schon seit Jahren von einer kolumbianischen Guerillagruppe irgendwo in den Bergen festgehalten wird. Die Demonstranten haben zu Recht das Gefühl, dass die Regierung ihre Möglichkeiten nicht ausschöpft, um die Journalisten so schnell wie möglich zu befreien. Diese Geiselnahme auf ecuadorianischem Staatsgebiet zeigt vor allem eines: Ecuador hat die Sicherheitslage im Grenzgebiet zu Kolumbien nicht ernst genug genommen. Journalisten, die mit ihrer Aufklärung des jüngsten Attentats einen Beitrag zur demokratischen Ordnung in Lateinamerika leisten wollten, eine Schuld an der Entführung zuzuschieben, ist zynisch.

06:00 25.04.2018
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