In unser aller Müll

Nobelpreiswürdig Der Serbe Bora Ćosić verhandelt auf nur 123 Seiten die ganze Welt des 20. Jahrhunderts
„So sieht die Welt also jenseits des Zimmers aus“, sagt der Mann mit Hut
„So sieht die Welt also jenseits des Zimmers aus“, sagt der Mann mit Hut

Illustration: der Freitag

Kürzlich ist er 90 Jahre alt geworden – der serbische Schriftsteller Bora Ćosić. Die Lektüre seines jetzt auf Deutsch erschienenen Romans Operation Kaspar bestärkt mich darin, was ich schon lange denke: Er gehört in die Reihe derer, die das schwedische Nobelkomitee übersehen hat. Noch wäre es zu korrigieren. Übrigens ist Operation Kaspar zuerst 1998 in der Verlagssparte von Radio B92 in Belgrad publiziert worden. Ćosić und B92 verband ihr Protest gegen Präsident Slobodan Milošević, der später als Kriegsverbrecher in Den Haag angeklagt wurde.

Nicht, dass das Jubiläum des Schriftstellers am 5. April vergessen worden wäre, aber ob es seiner Bedeutung gerecht gefeiert wurde? Etwa dreißig Bücher hat Bora Ćosić veröffentlicht. Eines der frühesten – Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution – musste er 1969 im Selbstverlag publizieren.

Kein Lastwagen von A nach B

Dass hier einer über Krieg, Faschismus und Kommunismus mit der Naivität eines Kinderblicks schrieb, erschien damals zu abwegig. Später wurde es in Jugoslawien zum Kultbuch. Andere auch: Bel Tempo, die Unterhaltung seiner Großmutter mit dem Fernseher, oder Die Tutoren, die Familienchronik, die als Wörterbuch beginnt. Dass Ćosić einer der großen Avantgardisten der europäischen Literatur ist, hat sich auch in Deutschland verbreitet, aber mit wirklichen Avantgardisten ist man schnell vorsichtig. Fast immer erschienen seine Bücher bei uns mit großer Verspätung. Wären da nicht die wunderbaren Übersetzungen von Brigitte Döbert und der Schöffling-Verlag, wüssten wir wenig vom Rang dieses Schriftstellers, dem sich das 20. Jahrhundert mehrfach in den Weg gestellt hat und der zu den wenigen gehört, die seine Grausamkeiten so erzählen können, dass sie Literatur sind.

In Operation Kaspar nimmt uns ein Autor mit in eine Wohnung, in der ein Mann und seine Frau – beide in mittleren Jahren – leben. Aber dann kommt’s: Sie leben nicht, sie vegetieren, es ist keine Wohnung, es ist ein Stall. Der Erzähler, der sich nicht weiter zu erkennen gibt, aber anwesend ist, steht den Figuren einigermaßen hilflos gegenüber. Ćosić macht vergessen, dass er sie zwar erfunden hat, ihnen aber im Verlauf des Romans ausgeliefert ist. Er erkennt in ihnen die Repräsentanten der Menschheit und die heruntergekommene Wohnung als das gemeinsame Haus unserer Zivilisation.

Bei Ćosić ist die Sprache nicht der Lastwagen, der nach Anweisung des Plots die Handlung von A nach B fährt. So einfach ist es in seiner Literatur, in der sich Absurdes und Surreales vermischen, nicht. Bei ihm ist alles Metapher, Gleichnis, Parabel oder Symbol, weshalb es im Roman heißt: „Denn es muss gewährleistet sein, dass der Mann mit Hut für alle Menschen unserer Zivilisation stehen kann, für alle Menschen einer Klasse, des Bürgertums, der Städter“. Die Kunst des Autors ist es, dass das Gleichnis nie fadenscheinig ist oder Krücke für politische Anspielungen, sondern voller fantastischer Einfälle. Der Leser wird beim Protagonisten nicht an eine Gleichnisfigur denken, sondern zuerst an einen schrägen Vogel. Ćosić will, dass der Mann mit Hut für alle stehen kann. Die Zeitung, die der Mann mit Hut liest, spielt eine Rolle, wenn er mit einer rostfleckigen Schere Kriegsbilder ausschneidet und dazu feststellt: „So sieht die Welt also jenseits des Zimmers aus“.

Wart ihr interniert?

Aber plötzlich verlassen Mann und Frau ihren „Kontinent“, um auf der Straße an einem vereinbarten Ort einen Mann zu treffen, der sie abholen soll. Das Warten wird – nach dem Muster von Samuel Becketts Warten auf Godot – immer wieder verlängert, aber der Hoffnungsbringer erscheint nicht. Dafür taucht die Polizei auf und stellt Fragen in einer Sprache, die sie nicht verstehen. Ein Polizist hat die Idee, das komische Paar zu Professor Daumer zu schicken. Den Botaniker haben gerade zwei Helfer für die Spargelernte im Stich gelassen. Und Professor Daumer – jetzt erst tritt der Sinn des Titels Operation Kasper hervor – erkennt in ihnen zwei Figuren nach dem Vorbild des rätselhaften Findlings Kaspar Hauser, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Nürnberg auftauchte. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nach Entzug der Außenwelt quasi Analphabeten des Lebens wurden.

War der Roman in seinem letzten Kapitel gerade dabei, sich der Natur als großer Lehrmeisterin zuzuwenden, zieht Ćosić die Reißleine. Daumer, der sich die Herkunft der beiden nicht erklären kann, wagt kurz vor Ende des Romans die Frage: „Wart ihr interniert?“ Der Mann mit Hut kann die Frage nicht verstehen, weil er die Sprache nicht versteht, aber nickt zur Antwort. Die Erfahrung, die Ćosić mit seinem Jahrhundert gemacht hat, widerspricht der Idylle. Er lässt aus dem Nichts zwei Männer über die Mauer springen, die – es braucht zehn Zeilen auf der letzten Buchseite – die beiden von hinten erschießen. Plötzlich bricht die Weltgeschichte noch einmal in den Roman ein und liefert die absurde Pointe: Es wurden die Falschen erschossen. Die Mörder gingen davon aus, es mit den entwichenen Erntehelfern zu tun zu haben. Ihr Fluch über den Irrtum erfolgt auf Russisch.

Bora Ćosić macht seine beiden Protagonisten in ihrer vermüllten Wohnung zu legitimen Vertretern der Menschheit und ist dabei, sie zu zwei neuen Gewächsen im Garten der Welt werden zu lassen, bevor er alles wieder zurücknimmt und sie sterben lässt. Die Idylle wäre ihm weltfremd erschienen.

Wir lernen gerade im Angesicht des Kriegs, den Russland gegen die Ukraine führt, dass er nicht nur literarisch, sondern auch in der Sache recht hat. Operation Kaspar ist ein Roman, der nach 123 Seiten endet, aber nichts weniger als die Welt des 20. Jahrhunderts verhandelt. Inzwischen sollte man auch in Stockholm von der Ausnahmekunst des Bora Ćosić erfahren haben.

Operation Kaspar Bora Ćosić Brigitte Döbert (Übers.), Schöffling & Co. 2022, 123 S., 18 €

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