Nobody

Keiner zieht schneller Ein Arte-Themenabend zum Italo-Western

Zum festen Inventar des Kulturpessimismus gehört die Klage, dass das Hollywoodkino dem europäischen Kunstkino den Garaus gemacht hätte. Früher, in der "guten alten Zeit", so erzählt man sich, hielt das europäische Kino auf den eigenen Märkten noch handfeste Anteile und so mancher Film aus Italien führte in Deutschland die Jahresbestenliste an - heutzutage ganz und gar unvorstellbar. Beim eingehenderen Blick in die Charts von damals, etwa der siebziger Jahre, entdeckt man dann tatsächlich, dass ein Titel wie Vier Fäuste für ein Halleluja der erfolgreichste Film des ganzen Jahrzehnts war und dabei satte vier Millionen Zuschauer mehr als etwa der Krieg der Sterne in die Kinos locken konnte. Nur dass die Vier Fäuste alles andere als Kunstkino darstellten, sondern zur eher verachteten Spezies des so genannten Spaghetti-Westerns gehörten, und dabei noch der dekadenten humoristischen Spätphase dieses Genres zuzuordnen sind. Dass es mit der Kino-Kultur seither weit bergab gegangen sein soll, leuchtet daraufhin nicht mehr so ein. Was niemand daran hindern sollte, sich für das Kulturphänomen des Spaghetti-Westerns zu interessieren. Nicht umsonst widmet der Kultursender Arte dem Genre nun gleich einen ganzen Themenabend.

Italienischer Western, das habe zu Beginn der sechziger Jahre in etwa so haarsträubend geklungen wie "hawaianische Pizza", so zitiert die Dokumentation Denn sie kennen kein Erbarmen einen Pionier der frühen Zeit. Tatsächlich war der Italo-Western das Produkt eines abenteuerlichen kulturellen Transfers, bei dem zum Beispiel ein italienischer Regisseur einen japanischen Film kopierte, der seinerseits von einem amerikanischen Roman inspiriert war. Die "Bastard"-Herkunft schlägt sich wenig verwunderlicher Weise auf die Inhalte nieder: Helden ohne Namen, die wie aus dem Nichts in notdürftig zusammengenagelten Western-Städten auftauchen, bevölkern die Filme; wo im amerikanischen sogar Damen die provisorischen Straßen überqueren, versinkt hier meist alles im Schlamm, weshalb fast alle Figuren auch im übertragenen Sinne "Dreck" am Stecken haben.

Es gibt darüber hinaus ein Schlüsselwort, das in kaum einer zeitgenössischen Beschreibung der klassischen Italo-Western fehlt und das lautet: "brutal". Oft liest man auch: "unnötig brutal". Diese Einschätzung lässt sich von der heutigen Warte aus zwar noch nachvollziehen - in der Tat "pflastern Leichen den Weg" der Helden -, aber man kann nicht umhin, sich darüber zu wundern, wie harmlos einem nun Szenen vorkommen, die damals angeblich die Öffentlichkeit verstörten: Im legendären Django schneidet ein besonders fieser Bösewicht seinem Widersacher ein Ohr ab und steckt es ihm in den Mund. Es stimmt wohl kaum, dass man sich seither an so viel schlimmere Gewaltakte im Kino hätte gewöhnen müssen; vielmehr haben sich die Parameter für das, was wir als realistische und mithin bedrohliche Gewaltdarstellung empfinden, wesentlich verschoben. Nicht das Was, sondern das Wie entscheidet darüber, wie schrecklich man das Gezeigte empfindet. Und das wilde Geballere aus der Hüfte, es wirkt gar zu verspielt, genau so wie das euphorische Fallen und Sterben der unzähligen Stuntmen, die der namenlose Held hier mit unbewegtem Gesicht aus dem Weg räumen muss. Der ganze Kosmos dieser Western mit ihren coolen Sprüchen und ihrer ans Blasphemische grenzenden Amoralität, den exzessiven Schlammbädern und nicht zuletzt der pompösen Ennio Morricone-Musik, die die "Landschaft zum Klingen bringt" - er wirkt so künstlich, überhöht und formalistisch wie jedes Stück Pop-Art aus der Zeit. Und in der Tat, der Arte-Themenabend ist ein Hinweis darauf, scheint dem einstigen Schmuddelkind der Filmgeschichte mittlerweile die Adelung zum Kunstobjekt zu drohen. Mit den Werken von Sergio Leone, den sprichwörtlichen Dollar-Western und Spiel mir das Lied vom Tod ist das im Grunde längst passiert. Dass die Nobilitierungs-Welle bis zu den Bud Spencer und Terence Hill-Filmen reichen wird, die in Deutschland so ungeheuer geliebt wurden, scheint dagegen unwahrscheinlich.

Interessant sind die Filme nämlich nicht nur, weil sich darin Kunst entdecken ließe, sondern vor allem weil sie ein eigenes Kapitel Wirtschaftgeschichte schrieben: Ein kommerzielles Produkt, aus ökonomischer Not geboren, für dessen Herstellung man länderübergreifend zusammenarbeitete. Die Außenaufnahmen fanden meist in Spanien statt, an den Koproduktionen beteiligten sich Deutsche und Franzosen; die Rollenbesetzung erfolgte ebenfalls ganz international, sowie die Auswahl der Vorbilder, bei denen man sich frei bediente. Das Wort "Raubkopierer" war anscheinend noch nicht erfunden, genauso wenig wie "Multikulturalismus".

Zieh´ oder stirb! Die Geschichte des Italowesterns. Arte-Themenabend am Sonntag, den 23.4., Beginn 19 Uhr Morricone in Concert; 20 Uhr 45 Django; 22 Uhr 15 Denn sie kennen kein Erbarmen (Dokumentation); 23 Uhr 45 Frauen, die durch die Hölle gehen


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00:00 21.04.2006

Ausgabe 39/2020

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