Noch atmet die Grüne Lunge

Klima Frankfurt am Main braucht Wohnraum. Darum wollen SPD, CDU und Grüne ein Gartenparadies betonieren lassen

Hinter diesem Gartentor an der verkehrsreichsten Straße im Norden Frankfurts verbirgt sich eine andere Welt. Unscheinbar und vergittert ist das Tor, eingerahmt von einer Hecke, Plakatwände auf der einen, ein Autohändler auf der anderen Seite. Dringt man von der Friedberger Landstraße nur 200 Meter auf das Areal vor, spürt man die Veränderung mit allen Sinnen.

Der Verkehrslärm tritt in den Hintergrund, zu hören sind jetzt vor allem Vogelstimmen. Die Luft ist angenehm kühl, manchmal hängt eine Duftwolke zwischen Blumen, Bäumen und Gräsern. Auf den 16 Hektar der „Grünen Lunge“, wie hier alle das Gebiet in Frankfurt-Nordend zwischen zwei öffentlichen Parks und einem Friedhof nennen, finden sich geflegte wie verwilderte Freizeitgärten, gemähte Rasenflächen neben Hochgräsern für Bienen und Insekten, gemeinschaftlich genutzte Beete neben altem Gehölz.

Peter Beckmann, der seinen Garten hier von der Stadt gepachtet hat, bewegt sich in dieser Welt wie in seinem Wohnzimmer, er kennt alle Pfade, die Schleichwege und fast jede Person, der er hier begegnet. Vor knapp vier Jahren haben Beckmann und Mitstreiterinnen den Verein Bürgerinitiative für den Erhalt der Grünen Lunge am Günthersburgpark gegründet – sie fürchten schon lange um den Erhalt der Gärten. Jetzt wird es akut: Die Stadt Frankfurt am Main könnte hier bald Baurecht schaffen.

Beckmann kann locker aufzählen, was dann verloren zu gehen droht: 226 Pflanzenarten, 46 Vogel- und drei Fledermausarten hatten die von der Stadt beauftragten Botanikerinnen hier gefunden, außerdem eine bemerkenswert große Zahl alter Bäume, darunter viele schützenswerte Obstbaumsorten. Die Biodiversität pro Quadratmeter ist höher als im Hochtaunuskreis im Umland. Einige der Tier- und Vogelarten sind laut Bundesnaturschutzgesetz oder EU-Richtlinie „besonders geschützt“ oder stehen auf der Roten Liste Hessens und der Vorwarnliste Deutschlands. Das sei jedoch alles hinfällig, sobald Baurecht hergestellt werde, sagt Beckmann mit Bitterkeit in der Stimme.

Heißer als Freiburg

Alles deutet derzeit darauf hin, dass die Stadt diesen Schritt gehen wird. Nach dem Willen des Magistrats aus SPD, CDU und Grünen soll innerhalb der nächsten Jahre auf dem Areal ein neues Quartier mit mehreren Wohnblocks und einem Hochhaus entstehen.

Der Konflikt steht beispielhaft für das Dilemma vieler deutscher Metropolen. Es fehlt bezahlbarer Wohnraum, wertvolle Freiflächen werden fürs Bauen geopfert. Frankfurt am Main ist innerhalb von zehn Jahren um etwa 100.000 Einwohner gewachsen. Zusammen mit den Pendlern umfasst die Stadt über eine Millionen Menschen, Tendenz steigend.

Andererseits hat Frankfurt im vergangenen Jahr Freiburg als heißeste Stadt Deutschlands überholt, so zeigen es Berechnungen des Deutschen Wetterdienstes. Dass es im Sommer etwa zehn Grad heißer ist als im Umland, liegt vor allem an der dicht bebauten Innenstadt und dem geringen Luftaustausch. Als Teil einer wichtigen Frischluftschneise dürfte die Grüne Lunge deshalb unverzichtbar sein.

Das weiß auch Planungsdezernent Mike Josef, 36, von der SPD. Er ist seit drei Jahren im Amt und gilt als jemand, der seine Sache engagiert und konsequent verfolgt. Sein Erscheinungbild ist makellos, er sucht Blickkontakt zum Gegenüber, spricht dezidiert und dialektfrei. Die Pläne seines Vorgängers versuche er so umzusetzen, dass die Luftzufuhr dennoch gewährleistet sei – durch die passende Anordnung der Baukörper. Und was ist mit dem anschwellenden Verkehr, der Biodiversität und der Tatsache, dass der Hauptinvestor der hier geplanten Bauten, Instone Real Estate, in der Regel hochpreisige Wohnungen baut?

„Ich versteh ja die Kritik,“ sagt Josef eindringlich. „Deshalb haben wir ja den ganzen Prozess auf Null gesetzt und von Neuem begonnen mit der Planung des Gebietes.“ In einem zweistufigen Beteiligungsverfahren habe er zuerst nur angehört, was die Menschen bewege. Aus dem dann folgenden Architektenwettbewerb – mit einem Klimatologen in der Jury – sei das ökologisch beste Konzept, die „Günthersburghöfe“, hevorgegangen. Ein Drittel der Fläche werde nicht bebaut, sondern zu einem Park umgewandelt, und durch eine zentrale Garage am Eingang bliebe das Quartier weitgehend autofrei. Auf diese Weise könne auch im Blockinnenbereich ein Teil der schützenswerten Bäume erhalten bleiben. Im Übrigen, so merkt er an, sei es aus ökologischer Sicht schon sinnvoll, innenstadtnah zu bauen und die Wege zu verkürzen.

Josef verhehlt nicht, dass ihm die Bindung von Kapital und die Größe börsennotierter Projektentwickler wie Instone zu schaffen macht. „Unsere öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften haben immer mehr Schwierigkeiten bei den Preisen, die mittlerweile für Grund und Boden ausgegeben werden, überhaupt noch Flächen zu sichern.“ Die Stadt müsse generell beim Vorkaufsrecht schneller handeln, räumt er ein.

Instone hatte sich zu einem sehr frühen Zeitpunkt 40 Prozent der Flächen der Grünen Lunge optionieren lassen. Kurze Zeit später wurde sein grüner Vorgänger Olaf Cunitz von dessen Partei abgesetzt – einige munkeln, auch wegen zu großer Nähe zu Investoren. Diesen Eindruck vermittelt Mike Josef nicht. Es klingt durchaus glaubhaft, wenn er beteuert, strikte Vorgaben zu schaffen, damit fast 45 Prozent der 1.500 Wohneinheiten bezahlbar würden: 30 Prozent geförderte Sozial- und Mittelstandswohnungen und etwa 15 Prozent, die Genossenschaften und gemeinschaftlichen Wohnprojekten vorbehalten seien. Mit Instone sei er da in guten Verhandlungen.

Peter Beckmann bezweifelt das. Die 30-Prozent-Quote sei bisher nie eingehalten worden. Selbst wenn es Josef gelänge, sie konsequent umzusetzen, würden die Mieten in Nordend und im östlich davon gelegenen Frankfurt-Bornheim durch den Bau der Günthersburghöfe steigen. Mit dieser Einschätzug ist er nicht allein. „Neubaugentrifizierung, so nennt man das,“ sagt Sebatian Schipper, Experte für Wohnungswesen am Institut für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt am Main, „die Verteuerung der Mieten durch hochpreisige Neubauten.“ Auch auf diesen Fall träfe das zu, da geförderte Wohnungen nicht in den Mietspiegel einflössen.

Blätter sind Schalldämpfer

Wenn Mike Josef die untere Mittelschicht so am Herzen liege, sagt Beckmann, dürfe er sie hier nicht verprellen. „Im Garten dort unten sind drei Erzieherinnen, die haben zusammen 100 Jahre für die Stadt Frankfurt gearbeitet. Jetzt gehen sie in Rente, und die Stadt nimmt ihnen den Garten weg.“ Er selber sei Krankenpfleger und Familienvater. Nirgendwo erhole er sich so gut wie im Freien in seiner Hängematte, und nur hier könne er seinen zwei Kindern beibringen, wie man Pflanzen anbaut und pflegt. Der Pächter schräg gegenüber habe früher am Fließband für Degussa gearbeitet, jetzt sei er Rentner. Auch wer ursprünglich nicht aus Deutschland komme, fühle sich hier wohl. Integration am Gartenzaun funktioniere nun mal bestens.

In seinem Garten ist es schattig und erstaunlich ruhig, obwohl die Straße nicht weit entfernt ist. „Blätter sind perfekte Schalldämpfer“, erklärt Beckmann, „sie wandeln den Schall in Bewegungsenergie um. Außerdem filtern sie einen Teil der Abgase.“ Trotzdem zeige die Messstation an der Friedberger Landstraße regelmäßig überhöhte Stickoxid-Werte an. „Was passiert dann erst, wenn hier hunderte Bäume gefällt werden?“ Vergangenes Jahr, erzählt er mit schelmischem Grinsen, habe das Umweltamt Frankfurt den Notstand für Bäume ausgerufen. Da die Stadt es nicht schaffe, die öffentlichen Bäume zu gießen, sei letztendlich die Feuerwehr ausgerückt; dennoch hätten viele Bäume nicht mehr ausgetrieben. „Wir dagegen in der Grünen Lunge haben kaum Bäume verloren, weil wir natürlich unsere Gärten gießen.“

Am meisten ärgert Beckmann, dass die Stadt niemals in Erwägung zog, das Bauprojekt zu stoppen. „Von allen üblen Sachen ist das Konzept der Günthersburghöfe sicher das beste, aber im Wettbewerb gab es nie die Möglichkeit der Null-Lösung.“ Das Nordend könne einfach nicht über 3.500 zusätzliche Einwohnerinnen und Einwohner aufnehmen. Es gehöre zu den am dichtesten bebauten Stadtvierteln in Deutschland. Die Bus- und Straßenbahnlinie sei jetzt schon chronisch überfüllt, genauso wie im Sommer der angrenzende Günthersburgpark. Die Einfahrt zum geplanten Quartier sei nur über einen stauträchtigen Umweg entlang der Friedberger Landstraße zu erreichen. Dass es akuten Wohnmangel in Großtädten gibt, bestreitet er nicht. Aber der leerstehende Wohnraum auf dem Land sei genauso groß. Es müsse doch darum gehen, eine Infrastruktur zu schaffen, damit die Menschen dort bleiben.

Weniger zu bauen, ist für Mike Josef indessen keine Option „Irgendwie muss ich ja die Nachfrage abdecken“, sagt er. Um die Preise einzudämmen, plädiere er dafür, den Mechanismus des Mietspiegels zu ändern und im Grundgesetz zu verankern, dass sich die Nutzung von Boden am Gemeinwohl orientiere – beides Maßnahmen, die nur auf Bundesebene umsetzbar sind.

Die Dimension des Konflikt um die „Grüne Lunge“ reicht weit über Frankfurt hinaus. Sie wirft grundsätzliche Fragen auf wie die nach einer modernen Stadtentwicklung in Zeiten des Klimawandels und abnehmender Biodiversität. Dass inzwischen auch andere, überregionale Gruppen gegen das Bauprojekt und Instone protestieren, motiviert den Gartenpächter Peter Beckmann und seine Bürgerinitiative zusätzlich. „Wir haben uns alle wahnsinnig darüber gefreut, dass Fridays for Future unsere Sache so unterstützen,“ sagt er, und seine Augen leuchten.

Anika Limbach ist Journalistin und Autorin des Atomindustrie-Romans Gefahr ohne Schatten

11:55 03.07.2019
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