Noch bei Trost?

Sterben „Es bleiben die ­Bäume, die du gepflanzt hast“: So manch ein Geisteswissenschaftler arbeitet als Trauerredner, ein guter Schriftsteller muss er dafür aber nicht sein

Die Klage über die Versachlichung des Todes ist einer der bekanntesten Topoi des Kulturpessimismus. Rainer Maria Rilke warf der modernen Gesellschaft vor, sie lasse die Menschen nicht ihren „eigenen Tod“ sterben. Seine 1906 erschienene Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, ein Lobgesang auf die Eigentlichkeit des Sterbens und einer der ersten Bestseller der modernen Hochliteratur, trugen zahllose junge Patrioten im Tornister, als sie freiwillig in den Ersten Weltkrieg zogen – oft genug, um wirklich den eigenen Tod zu finden, der aber mit Rilkes Existentialismus nichts gemein hatte. Selbst heute, da man Särge bei Ebay ersteigern kann, sehnen sich, wie es scheint, weitaus mehr Menschen nach einem richtigen Tod als nach einem richtigen Leben. Obwohl Gefühle wie Takt, Pietät und Zartheit aus dem alltäglichen Umgang weitgehend getilgt sind, gilt der Tod nach wie vor als besonderes Ereignis, das ähnlich wie Hochzeiten und Geburten begangen werden muss. Man überhöht das im schlechtesten Sinn abstrakte Allgemeine, das alle gleich macht und im Namen menschlichen Glücks eigentlich abgeschafft gehörte, zum genuin Menschlichen, das angeblich die Klassenschranken überschreitet. Die Rede vom würdevollen Sterben ist das Echo eines würdelosen Lebens.

Die Kommerzialisierung des Todes anzuprangern, fällt leicht. Um ihre Doppelbödigkeit zu erfassen, empfiehlt sich ein Blick auf die Berufsgruppe der Trauerredner, die selbst ein Produkt der Versachlichung des Todes ist. Trauerredner sind keine Pfarrer, auch wenn sie oft Theologie studiert haben. Man nennt sie auch „weltliche Redner“, womit der säkulare Charakter ihrer Tätigkeit schärfer umrissen ist. Die Entstehung ihrer Branche ist ein Ergebnis des Zerfalls der Religion, der massenhaften Kirchenaustritte und der modernen Arbeitsteilung, in deren Folge Emotionalität und Spiritualität in Sparten eines umfassenden Betriebs verwandelt worden sind. Zwar gab es auch schon in früheren Jahrhunderten weltliche Trauerredner. Einer der bekanntesten war der Kleriker Jacques Bénigne Bossuet, der seine Auftritte als gallikanischer Prediger in der Pariser Salonwelt und am französischen Hof Mitte des 17. Jahrhunderts für Attacken gegen den Sittenverfall des Absolutismus nutzte. Doch blieb der weltliche Bezug der Trauerrede hier immer funktional, diente dem christlichen Trost, der Erbauung oder Belehrung, die das Publikum über die Sphäre des Profanen erheben sollte. Für die ­Entwicklung der Trauerrede zu einem Textgenre, das auf Nachfrage eines säkularen Kundenkreises produziert wird, war jahrhundertelang kein Platz.

Sie wurde erst in einer historischen Situation möglich, in der die Macht der Kirche im Lebensalltag geschwunden ist, ohne dass das Bedürfnis nach transzendentalem Trost nachgelassen hätte. Eine frühe Erscheinungsform der Professionalisierung der Trauerbegleitung waren die Freidenker des späten 19. Jahrhunderts, die erstmals massenhaft Bestattungs- und Trauerrituale außerhalb des kirchlichen Rahmens zelebrierten.

Nicht Propheten, Profis

Ihrer aufklärerischen Intention zum Trotz verstanden sie sich jedoch immer noch als Vertreter einer authentischen Spiritualität, die von der kirchlichen Dogmatik erstickt werde. Sie wären davor zurückgeschreckt, sich als Dienstleister auf einem Markt zu begreifen, der gerade dabei war, der Kirche in Sachen Trauerbegleitung den Rang streitig zu machen. Dennoch haben sie zur Etablierung jener außerkonfessionellen Trauerkultur beigetragen, deren Erben die „weltlichen Redner“ sind.

Vom Pathos ihrer freireligiösen Ursprünge hat sich die Trauerrednerbranche längst gelöst. Ihre Vertreter agieren nicht mehr als Propheten, sondern als Profis. Vor allem Geisteswissenschaftlern, die an den Universitäten kaum noch gebraucht werden, hat die Ausdifferenzierung des emotionalen Dienstleistungssektors überraschende Nischen eröffnet: als freiberufliche Lebenshilfeberater oder Kommunikations-Coaches werden sie zu Soft-Skill-Spezialisten, zu Experten für jene weichen Kompetenzen, über die immer weniger Menschen verfügen und die eigentlich nutzlos sind, ohne die die Maschine aber trotzdem nicht laufen will. Auf diesem Feld betätigen sich die Trauerredner als Spezialisten für Pietät. Die Aufgabe der Trauerbegleitung, deren Ausübung früher nicht einmal als ehrenamtliche Tätigkeit hätte bezeichnet werden können, weil sie ein selbstverständliches Ritual in Familie und Kirche war, übt der Trauerredner als Fachmann aus. Dass man ihm, weil er entsprechend ausgebildet sei, einen angemesseneren Umgang mit der Intimität des Totengedenkens zutraut als sich selbst, spricht das historische Urteil über die Trauer: Sie wird als etwas empfunden, das zwar nach wie vor nötig, von den betroffenen Individuen aber nicht mehr zu leisten ist und an eine eigene Berufsgruppe delegiert werden muss.

Der Berufsstand der Trauerredner umfasst in Deutschland mehr als 500 Anbieter, ist aber immer noch vergleichsweise übersichtlich. Obwohl es keine geregelten Ausbildungswege gibt und sich jeder, der sich dazu in der Lage fühlt, als Trauerredner selbständig machen kann, haftet dem Beruf beinahe so etwas wie Zunftcharakter an. Organisiert sind die Trauerredner in mehreren Verbänden: Zu den wichtigsten gehören der 1989 gegründete Fachverband für weltliche Bestattungs- und Trauerkultur und die 1996 entstandene Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerfeier e.V., die zahlreiche Zweigstellen unterhalten und auch untereinander kooperieren. Stark nachgefragt sind Trauerredner in Gebieten, in denen viele Konfessionslose leben, in Ostdeutschland, in den norddeutschen Hansestädten und den westdeutschen Ballungsgebieten. Die Ost-West-Kluft ist in der Trauerrednerbranche besonders groß: Im Westen Deutschlands werden etwa zehn Prozent aller Verstorbenen im Rahmen einer nicht-kirchlichen Zeremonie bestattet. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, wo der Atheismus lange Zeit eine Art Staatsreligion gewesen ist, sind die Verhältnisse nahezu umgekehrt, hier werden nur 20 Prozent aller Begräbnisse kirchlich organisiert.

Spiritismus und Lebenshilfe

Die größte Zahl der Trauerredner in Deutschland arbeitet freiberuflich. Zu ihren Auftraggebern gehören neben den großen Bestattungsinstituten, für die sie oft als feste Mitarbeiter auf Honorarbasis arbeiten, Weltanschauungsgemeinschaften sowie konfessionslose Privatkunden und Unternehmen. Gebraucht werden sie immer dann, wenn entweder ein Verstorbener den Wunsch geäußert hat, keinen Pfarrer als Grabredner haben zu wollen, oder die Familienmitglieder aus Distanz gegenüber der Kirche darauf verzichten. Von den freiberuflichen Trendberufen unterscheiden sich die Trauerredner durch den Zeitpunkt ihres Berufseintritts: Während PR-Manager und Öffentlichkeitsarbeiter zu Beginn ihrer Karriere nicht jung genug sein können, ist Jugendlichkeit in der Trauerrednerbranche eher ein Hindernis, weil sie dem notwendigen Odium von Lebenserfahrung und Seriosität widerspricht. Die Honorare der „weltlichen Redner“ liegen zwischen 150 und 500 Euro pro Auftrag, aber da es in der Branche keine feste Gebührenordnung gibt und Trauerredner nicht selten nebenher als Sprecher auf Hochzeiten, Kindersegnungen oder Betriebsjubiläen auftreten, lassen sich über ihr Einkommen kaum verbindliche Aussagen treffen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ein Produkt anbieten, das in Zeiten postmoderner Sachlichkeit offenbar stark nachgefragt wird: den unverwechselbaren Ausdruck, der sich an den individuellen Menschen statt an seine soziale Rolle richtet und Authentizität statt Entfremdung verspricht.

Gerade weil ihr Werkzeug eine Sprache ist, die kein Werkzeug sein will, sprechen Trauerredner ungern über sich selbst. Werden sie einmal als Vertreter ihres exotischen Berufsstandes von der Tagespresse interviewt, ist das Ergebnis eher schal. Mit Vorliebe werden sie dann gefragt, ob sie traurige oder fröhliche, optimistische oder pessimistische Menschen seien, und welche Rolle der Glaube für ihre Arbeit spiele. Einer der wenigen Trauerredner, die über ihre Arbeit in Buchform Auskunft gegeben haben, ist Thomas Multhaup, der 13 Jahre lang katholischer Priester war und heute das Büro für Freie Seelsorge in München betreibt.

Pseudoindividualität

Sein „persönlicher Erfahrungsbericht“, der „kein Trauerratgeber“ sein möchte, ist 2009 unter dem Titel Von einem, der da ist, wenn die Seele Trauer trägt erschienen. Interessant ist er weniger als Reflexion über die Rhetorik der Trauer denn als Dokument eines Widerspruchs. Seiner zwischen Sachlichkeit und Existenzialismus schwankenden Sprache ist abzulesen, dass der konfessionsferne Jargon des Trauerredners die ritualisierte Rede des Pfarrers an Banalität übertrifft. Die kirchliche Rhetorik der Trauer, deren Individualitätsferne Multhaup kritisiert, wird gerade in ihrer Allgemeinheit dem einzelnen Verstorbenen eher gerecht als die Pseudoindividualität, die hier als säkulare Alternative angeboten wird. Das kirchliche Ritual ist nämlich nicht einfach ein Widerspruch zur individuellen Trauer, sondern ermöglicht sie in gewisser Weise erst. Als jahrhundertelang tradierte Form bietet es dem Betroffenen einen Rahmen, in dem sein Gedenken sich entfalten kann.

Der säkulare Trauerredner dagegen ist gezwungen, sich „Persönliches“ auszudenken, und muss, weil auch der individuellste Tod etwas erschreckend allgemeines hat, zwangsläufig in die Mottenkiste der Pseudoauthentizität greifen. So zitiert Multhaup in seinen Reden statt Bibelgeschichten lyrische Prosa wie diese aus Ecuador: „Du wirst gehen, aber es bleiben die Bäume, die du gepflanzt“. Die als unpersönlich abgelehnte christliche Tradition wird ersetzt durch eine Mischung aus Spiritismus und Lebenshilfe, die der Innerlichkeit, in der Trauer sich entfaltet, weniger gerecht wird als das zwar verschlissene, aber vertraute Ritual. Kein Wunder, dass Trauerredner, obwohl die Mehrzahl von ihnen Germanistik oder Philosophie studiert und sich solcherart für die Fragen des Lebens qualifiziert haben, nur selten gute Schriftsteller sind. Der Autor Uwe Timm – die ­einzige, in den Medien entsprechend popularisierte Ausnahme – hat mit dem Protagonisten seines Romans Rot, der als Bestattungsredner arbeitet und seine inneren Monologe als Ansprachen an imaginäre Trauergemeinden gestaltet, eine Figur geschaffen, deren Beruf ihr beim Umgang mit dem Tod gar nicht behilflich ist. Und Arnold Stadler, der andere prominente Gegenwartsautor, der seine Poetik explizit auf die Form der Trauerrede bezieht, hat in seiner Prosa Salvatore einen Anti-Helden entworfen, dessen Lebensweg vom gescheiterten Theologiestudenten zum Grabredner und Tingeljournalisten die alte Klage über die Banalisierung des Todes zum Gewerbe nur noch einmal zu wiederholen scheint. Vielleicht können über den Tod doch am besten die schreiben, die nicht täglich mit ihm zu tun haben. Vielleicht aber ist auch die säkulare Trauerrede selbst veraltet. Das Bestattungsgewerbe vermeldet jedenfalls bereits einen neuen Trend: anonyme Beerdingungen ohne Grabmal, Rede oder Zeremonie, die nichts anderes sind als die Verdoppelung der Namenlosigkeit, in deren Bann die meisten Menschen ihr Dasein fristen.


Erwähnte Literatur:

Von einem, der da ist, wenn die Seele Trauer trägtThomas Multhaup München 2009

Salvatore Arnold Stadler Frankfurt am Main 2008

RotUwe Timm Köln 2001

Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph RilkeRainer Maria Rilke Frankfurt/Main 1996

Magnus Klaue schreibt regelmäßig für den Freitag. Zuletzt erschien von ihm eine Würdigung des Dokumentarfilmers Klaus Wildenhain

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11:15 28.07.2010

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