Noch besser als DVD

Schulze und Co. Hier schreibt der Fan und Kritiker: Richard Kämmerlings über gute und schlechte deutschsprachige Literatur der vergangenen zwanzig Jahre

Als Teenager können Bücher einen mit Wucht treffen. Sie schaffen Parallelleben, durch die man sich schließlich selbst neu sieht. „Change-Literatur“ nennt Richard Kämmerlings solche Lektüreeffekte emphatisch. Der Wortklau beim amerikanischen Präsidenten – „Yes, we can!“ ist auch seine Einleitung überschrieben – macht Sinn: Kämmerlings will die adoleszente Begeisterungsfähigkeit für eine feuilletontaugliche Literaturgeschichte retten und macht sie zum Kriterium für Gegenwartsliteratur.

Man könnte Kämmerlings Projekt aber auch so beschreiben: Es gilt, den Hype, den die jungen deutschen Popautoren Ende der neunziger Jahre mit ihrer Arroganz und ihren Glücksversprechen ausgelöst haben, für Bücher geltend machen, die es noch mehr verdient haben gelesen zu werden. Der Titel Das kurze Glück der Gegenwart und sein Cover mit knallbuntem Schriftzug vor schwarzem T-Shirt, das auf eine popkulturelle Ästhetik anspielt, ist dabei nicht zielführend; auch wenn Christian Krachts Faserland von 1995 – der Urtext des neunziger-Jahre-Literatur-Pop – immer wieder als Bezugspunkt herbeizitiert wird, ist in dieser Literaturgeschichte der allerjüngsten Vergangenheit von den „KiWi“-Pop-Autoren doch auffällig wenig die Rede.

Diskurs zweiter Ordnung

Zwar setzt auch Kämmerlings da an, wo schon die erste Generation von Popautoren (Goetz, Meinecke, Neumeister...) vor 1989 begann: In der Zurückweisung des Anspruchs, dass die Durcharbeitung der Nazi-Vergangenheit der einzige Maßstab von Literaturfähigkeit sein soll. Seine Lektüreauswahl verschreibt sich dann aber keineswegs dem vertrauten popkulturellen Gegenentwurf, der sich mit Autoren wie Stuckrad-Barre thematisch der Archivierung des Alltags zuwendet und verfahrenstechnisch anstelle einer tiefenhermeneutischen Sinnerkundung auf Zitier-und Cut-Up-Verfahren setzt – abgeguckt bei den Amerikanern von William S. Burroughs bis Bret Easton Ellis.

Die erinnerungslose Feier der Jetztzeit interessiert Kämmerlings nicht, wohl aber eine Literatur, die wirklich die Gegenwart durchdringen will, sich den sozialen Realitäten stellt, wie es etwa Kirsten Fuchs, die Gewinnerin des Open-Mike-Wettbewerbs in Berlin 2003, mit Die Titanic und Herr Berg vorgemacht hat. Auf der anderen Seite grenzt er seine Auswahl von, meist sehr erfolgreicher Literatur der jüngsten Zeit ab, die von rein historischem Interesse sei. „Ich weiß einfach nicht, was Julia Francks Mittagsfrau, Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt oder Tellkamps Turm mit der Gegenwart zu tun haben.“

Auch wenn Kämmerlings seine Auswahl durchaus als eine Frage der Form verstanden wissen will; die genannten Autoren Tellkamp und Franck sind ja wie das Hollywood-Kino im Realismus des 19. Jahrhunderts stecken geblieben, so ist sein Zugriff auf die Gegenwartsliteratur zunächst thematisch: „Berlin als Topos des Terrors“, „Erzählen in der Porno-Ära“ oder „Ein Lob der Vater-Mutter-Kind-Literatur“ heißen einige seiner Kapitel, und mit solchen Setzungen ist er natürlich dicht dran an den gesellschaftlichen Debatten der letzten Jahre. Die Weltzugewandtheit der deutschen Literatur muss also gar nicht mehr gefordert oder gefeiert werden. Jetzt ist sie einfach da.

Und von hier aus erklärt sich schließlich auch Kämmerlings Literaturbegriff: Literatur als ein Diskurs zweiter Ordnung, der die Themen, mit denen sich die Gesellschaft auseinandersetzt, durch Erfahrungsdeutung noch einmal komplexitätsgerecht aufarbeitet.

Selbstverständlich geht Kämmerlings als der Literaturkritiker, der er nun einmal ist (er ist vor kurzem von der FAZ ins Literaturressort der Welt gewechselt), davon aus, dass das Medium Literatur diese Aufgabe nicht nur besser löst als der Journalismus, sondern auch mehr kann als gelegentlich auch von ihm gefeierte TV-Serien wie die Sopranos oder The Wire, die sich trotz einer verblüffenden erzählerischen Komplexität vom Eskapismus-Verdacht nicht ganz befreien können. Nur die Erzählung, so Kämmerlings, ist in der Lage, das Bewusstsein nachhaltig zu verändern – und „Erzählung“ bedeutet hier eben mehr als gutes Erzählen. Für Kämmerlings steht die deutsche Literatur an einem Scheideweg: Will sie einfach mit anderen Narrationen, vor allem denen der Amerikaner, mithalten, oder will sie sich auf das konzentrieren, was nur Literatur kann: Wirklichkeit in nichts als Sprache verwandeln? Hoffnungsvoll und selbstbewusst erklärt er: „Eine neue Avantgarde hätte keine DVD zu befürchten.“

Praktische Lesetipps

Wenn Kämmerlings seine Lieblingsbücher nacherzählt, wird aber nicht ganz deutlich, was zum Beispiel Kathrin Schmidts Roman Du stirbst nicht der HBO-Beerdigungsserie Six Feet Under voraus hat. Allzu heiklen und komplexen Fragen weicht dieses gut informierende und unterhaltende Lesebuch dann doch aus. Das kurze Glück der Gegenwart ist auch ein autobiographischer Lektürebericht – das ist sympathisch, aber für den wissensbegierigen Leser seines Buchs nicht immer befriedigend. Kämmerlings’ Entscheidungen sind nicht unbedingt zwingend, sie machen jedoch subjektiv Sinn. Fast schreibt er als Fan. Seine Literaturgeschichte wendet sich an andere Leser, nicht an Kritiker.

Am Ende gibt es sogar noch ganz praktische Lesetipps in Form einer Top-Ten-Liste: Die zehn Bücher, die man gelesen haben muss, um die Gegenwart zu verstehen. Clemens J. Setz, der Gewinner des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse ist dabei, Marcel Beyer und natürlich Ingo Schulze. Von den Pophelden der Literatur hat es tatsächlich wieder einmal nur Rainald Goetz, den einfach alle lieben, geschafft. Aber die Gegenwartsversessenheit von Pop hat ja schließlich auch nie auf Haltbarkeit gesetzt.


Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit 89 Richard Kämmerlings Klett-Cotta, 210 S., 16,95

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11:00 24.04.2011

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