Noch drei Jahre bis 1,5 Grad

Klimakrise Der Bericht des Weltklimarats ist eine letzte Warnung: Handelt jetzt! Nicht später. Nicht irgendwann. Denn jedes weitere Zögern ist brandgefährlich
Noch drei Jahre bis 1,5 Grad
Wie oft können Häuser, Straßen, Bahnen nach Flächenkatastrophen wie jetzt in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen wieder aufgebaut werden?

Foto: Christof Stache/AFP via Getty Images

Die Kernbotschaft des Weltklimarats IPCC ist klar: Je wärmer es wird, desto häufiger werden extreme Wettereignisse. Jede zusätzliche Tonne Treibhausgas verschlechtert die Lage. Das betrifft uns Menschen, die Tiere, die Pflanzen – weltweit. Die gesamte Biosphäre. Das zu betonen, wurden die Wissenschaftler nicht müde, als sie am Montag den neuesten Sachstandsbericht des Weltklimarats vorstellten.

Es ist die Kernbotschaft, die der IPCC in jedem seiner Berichte wiederholt. Als hätten wir alle sie noch nicht wirklich verstanden – obwohl wir sie ja schon seit Jahrzehnten hören. Sie ist längst Schulbuchwissen. Und die Konsequenz aus dieser Botschaft ist ebenso klar. Sie lautet: Handelt jetzt. Nicht später. Jede Verzögerung wird teuer, ja möglicherweise unbezahlbar, unkalkulierbar.

Konkrete Maßnahmen zur Klimaanpassung und zur Eindämmung des Klimawandels schlugen die Wissenschaftler am Montag nicht vor. Noch nicht, da sie sich in diesem Bericht ausschließlich mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels befassten. Zwei weitere Arbeitsgruppen des Weltklimarats werden dazu ihre Berichte im Februar und März nächsten Jahres veröffentlichen.

Genau an dieser Stelle hakt es aber: Wie lässt sich konkret jedes weitere Kilogramm, jede Tonne Treibhausgas vermeiden? Wer trägt wieviel dazu bei? Wieviel kann den größten Emittenten abverlangt werden? Und was können viele Einzelne bewirken?

Deutschlands Budget ist 2024 aufgebraucht

Die Rechnung ist eindeutig: Wenn sich die Treibhausgasemissionen mit der gegenwärtigen Geschwindigkeit erhöhen, wird das CO2-Budget weltweit in fünfeinhalb Jahren aufgebraucht sein. Dann werden wir das 1,5 Grad-Ziel mit 67 Prozent Wahrscheinlichkeit verfehlen. Bemisst man das verbleibende CO2-Budget an den Bevölkerungsanteilen, wird die Deutschland zustehende Menge bereits 2024 aufgebraucht sein. Mitten in der nächsten Legislatur. Und geht es so weiter, werden wir bereits 2030 die 1,5 Grad-Marke reißen.

Soweit die Zahlen. Im Alltag stellt sich heute die Frage: Wenn wir schon mit Dürren und Flutkatastrophen kämpfen – wie sieht das erst bei 1,5 Grad aus? Geschweige denn bei 2 oder 3 Grad? Wie oft kann eine Stadt ein Starkregenereignis überstehen? Wie oft können Häuser, Straßen, Bahnen nach Flächenkatastrophen wie jetzt in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen wieder aufgebaut werden? Wie oft können ölverseuchte Äcker nach Flutkatastrophen saniert werden? Wie oft sollen Waldflächen nach Dürresommern aufgeforstet werden? Woher kommt das Material? Wer kann sich das leisten? Wer soll das bezahlen? Wer will das noch versichern?

Die Klimakrise wird nicht wie die Finanzkrise im nächsten Jahr vorbei sein. Sie wird nicht wie jeder Krieg irgendwann ein Ende haben. Sie wird stetig voranschreiten – die Frage ist nur, wie schnell und wie weit sie eskalieren wird. Und ob unsere Gesellschaft sich noch anpassen kann. Ob sie demokratisch bleibt, ob sie human bleibt.

Dabei haben wir es jetzt in der Hand. Es ist Zeit für beherzten Klartext: So geht es nicht weiter. Ihr müsst anders handeln. Und das auf sehr konkrete Weise. Indem wir uns einfach die Folgen vor Augen führen. Vielleicht so: Wenn Sie an dieser Stelle bauen, ist das Risiko zu hoch, es ist nicht mehr versichbar. Wenn Sie heute in fossile Industrien investieren, riskieren Sie morgen große Abschreibungen.

Weil jedes Kilogramm, jede Tonne Treibhausgas zählt, zählt auch jeder einzelne Handgriff, der zu ihrer Vermeidung führt. Jede alltägliche Entscheidung, jede Wahlstimme für eine effektivere Klimapolitik. Jeder Kauf, jede Geschäftsentscheidung, jedes Investment. Es braucht natürlich auch Mut zur Lücke, Mut zum Unvollkommenen – denn jedes Zögern kostet wertvolle Zeit. Aber gezögert haben wir lange genug.

Christiane Schulzki-Haddouti lebt und arbeitet als freiberufliche Journalistin und Sachbuch-Autorin in Bonn. Sie schreibt unter anderem für das Umweltjournalismusportal www.riffreporter.de

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10:56 11.08.2021

Ausgabe 38/2021

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