Noch dreißig gute Jahre

Lebensgefühl Immer neu, immer jung: Das war das Merkmal von Pop. Jetzt hat er das Altwerden als Thema entdeckt. Was sagt uns das?

Warum sollte er denn nicht? „Ich schaue mir doch auch neue Filme an und lese neue Bücher“: So beantwortete der große englische Radio-DJ John Peel einst die Frage eines Reporters, warum er in seinem Alter – Peel war knapp 60 – immer noch Tag für Tag neue Musik höre. Das ist knapp 20 Jahre her. Bei Anaïs Gallagher verhält es sich jetzt genau umgekehrt: „Mein Musikgeschmack ist identisch mit dem meines Vaters“, ließ die 17-jährige Tochter von Oasis-Gründer Noel Gallagher, Jahrgang 1967, kürzlich wissen. Sie liebe Bowie, die Beatles, The Smiths, Musik mit richtigen Instrumenten, sie höre kein Radio und habe so gut wie nichts aus den letzten 20 Jahren auf ihrer Playlist. Was ist da los mit dem Alter im Pop? Sind die Jungen die neuen Alten und umgekehrt?

Damals war ich so viel älter, jetzt bin ich jünger. Singt Bob Dylan 1964 in My Back Pages, da ist er 23. „Ah, but I was so much older then, I’m younger than that now.“ Ein verführerischer Gedanke, mit jedem Jahr jünger zu werden und die Zumutungen des Alter(n)s wegzusingen. Genau das hat Christiane Rösinger getan, bei meinem 60. Geburtstag. Wir kennen uns seit den 1990er Jahren, da war sie mit der inzwischen verstorbenen Almut Klotz, ihrer damaligen Bandpartnerin bei den Lassie Singers, öfter zu Gast in meiner Sendung Der Ball ist rund beim Hessischen Rundfunk. Zu meinem runden Jubiläum hatte ich in den Frankfurter Dreikönigskeller eingeladen, Christiane trug ein paar Lieder vor, auch Dylans My Back Pages. Den Refrain sang der ganze Keller mit: „I was so much older then ...“ Ich musste ein wenig heulen, aber das ging schnell vorbei.

Heitere Melancholie

Ein weiteres Jahr ist seither vergangen, und Frau Rösinger, Jahrgang 1961, hat ihr zweites Soloalbum rausgebracht, Lieder ohne Leiden. Wer die in jungen Jahren aus dem badischen Hügelsheim nach Berlin geflüchtete Sängerin ein bisschen kennt, weiß, dass der Titel Lieder ohne Leiden nur bedingt beim Wort genommen werden sollte. Ja, ihre Lieder erzählen vom Leiden: am Leben, an der Liebe, am (fehlenden) Geld, an der gentrifizierungsbedingten Vertreibung aus ihrer Kreuzberger Wohnung, in der sie mehr als ihr halbes Leben verbracht hat. Rösinger singt keine jammernden Klagelieder, aber sie schlägt auch nicht – was nahe läge – einen zwanghaft kämpferischen Ton an, der Optimismus zu verbreiten sucht, wo zu Optimismus kein Anlass ist, eine linke Kinderkrankheit, die viele bis ins Alter mit sich rumschleppen. Der unverwechselbare Rösinger-Ton ist mit „heitere Melancholie“ halbwegs präzise getroffen. Manchmal kippt das Melancholische ins Fatalistische, auch eine vernünftige Haltung, wenn man von Missständen und Katastrophen erzählt, gegen die eh kein Kraut gewachsen ist.

Altern zum Beispiel. Altern ist eine Zumutung, die verschärfte Variante heißt: Altern im Pop. Der negative Superlativ: Altern im Pop als Frau. Dieser Dreifach-Crux nähert sich Rösinger mit der ihr eigenen Ironie, einem Stilmittel, das in Verruf geraten ist. „Irony is over“, verkündete etwa Jarvis Cocker von der englischen Band Pulp, selbst ein begnadeter Ironiker, schon 1998, am Schluss des Songs The Day After the Revolution. Wären alle so pfleglich mit Ironie umgegangen wie Cocker und Rösinger, sie wäre nicht over. Beide verfügen über ein kühles Understatement beim Einsatz von Ironie, sie verzichten aufs berüchtigte Augenzwinkern, auf den Wink mit dem Zaunpfahl, mit dem der nächste Witz um die Ecke kommt.

„Gestern noch ein junger Falter / Gehst du gramgebeugt durchs Alter / Das Ende naht later or sooner / Für uns alte Babyboomer / Die Typen sagen: Wir stehen super da! / Die Frauen sagen: Wir sind unsichtbar! / Bei den nicht mehr Jungen und den / Noch nicht Alten / Voll die erloschenen Gestalten.“ So singt Rösinger in Joy Of Ageing zu einem Gitarrengroove, den ihr musikalischer Partner Andreas Spechtl von der Band Ja, Panik auf den Weg bringt, und der ebenfalls von Understatement geprägt ist, falls das bei einem Groove möglich ist. Bei allem Gram hat die Mittfünfzigerin auch den Blick für die Freude(n) des Alterns: „Und doch muss ich mein Alter loben / Der Pflicht zur Fortpflanzung / enthoben / Und vom Mittun in der Dating-Welt / Sind wir zum Glück freigestellt.“

Zur Geschlechterdifferenz im Alter – Typen stehen super da, Frauen fühlen sich unsichtbar – sagt Rösinger: „Der existierende Sexismus wird von Frauen noch verstärkt. Natürlich ist das Bild der älteren Frau, die nicht mehr so begehrenswert ist, beschissen, aber das können wir nicht mehr so schnell ändern. Was wir aber ändern können, ist unsere Abhängigkeit von solchen Meinungen. Mir ist es doch scheißegal, ob irgendein Depp auf der Straße mir hinterherguckt oder nicht. Es ist doch auch manchmal total befreiend, dass man aus dieser Konkurrenz draußen ist.“ Und die Jugend ist auch nicht immer die beste Zeit: „Eigentlich gibt es ja für Frauen kein gutes Alter. 25, da bist du noch zu jung und hast keine Ahnung, bist nur ein chick.“ Und mit 28 fange der Körper in den Augen mancher an zu zerfallen: „Schon mit 28 wurde über uns geschrieben ,die nicht mehr ganz taufrischen Damen von den Lassie Singers‘.“

Auch nicht mehr ganz taufrische Männer bekommen auf Lieder ohne Leiden ihr Fett weg. Der Song Was jetzt kommt ist ein Nekrolog zu Lebzeiten auf die Spezies weißer, alter Mann, Subspezies Mansplainer. Mansplainer ist ein Konstrukt aus Man(n) und Explain, bezeichnet also Männer, die sich allzeit berufen fühlen, Nichtmännern zu erklären, wie die Welt so läuft. Demnach sind Mansplainer für die Kommunikation, was Manspreader für den öffentlichen Nahverkehr sind: Männer, die sich auf ihrem Sitz so breitbeinig breitmachen, dass für andere, Nichtmänner zumal, kein Platz mehr bleibt. Rösinger: „Was jetzt kommt ist für euch nicht so schön / Aber wenn man gehen soll soll man gehen / Eure Zeit sie liegt so lang zurück / In DDR und Bundesrepublik (...) Das Maß aller Dinge das wart ihr / Die anderen mit Spezialproblemen wir / Manche Dinge die versteht ihr nie / Diversity und Gendertheorie / Andere nehmen eure Plätze ein / Sie werden nicht so weiß und männlich sein / Jetzt fühlt ihr euch selbst diskriminiert / ’S ist nicht schön wenn man Privilegien verliert / So wie früher wird es nie mehr sein./ Nehmt es wie ein Mann und sagt Goodbye.“

Die Herrenriege bei „Spex“

Wer am Fortbestand der Deutungshoheit der älteren weißen Herren zweifelt, dem sei die vorletzte Ausgabe der Zeitschrift Spex empfohlen. Da grüßte in diesem Frühjahr wieder einmal Jarvis Cocker (Jahrgang 1963) vom Cover. Den Rezensionsteil, der nach (vermeintlicher) Relevanz der besprochenen Alben sortiert ist, eröffneten vier Männer zwischen Ende 40 und 60, sie besprachen ausnahmslos Platten von Männern ihrer Altersklasse. Weiter hinten im Heft folgt die Kritik des neuen Albums der Band Die Regierung: „Inzwischen ist Rossmy fast 60“, heißt es da über den Schreiber und Sänger der Band, Tilman Rossmy. Auf dem Album Raus geht es um verpasste Chancen, um den Konjunktiv, der sogar in einem Songtitel auftaucht, und die Frage: Was wäre gewesen, wenn … ?

Was ist eigentlich aus dem Generationenkonflikt geworden? Aus dem Impuls, sich von den Alten distanzieren zu müssen, der mal eine bedeutende Triebfeder des Pop war. „I hope I die before I get old“, verkünden The Who 1965 in My Generation. 22 Jahre später waren drei Viertel der Band noch am Leben, nur der lebenslustige Keith Moon hatte die Parole beim Wort genommen. My Generation ist nach wie vor der Höhepunkt eines jeden Konzerts von The Who. Auf diese kognitive Dissonanz wies 1987 die Komikercombo They Might Be Giants mit einem Antwortsong hin: „I hope that I get old before I die“. Inzwischen leben nur noch Roger Daltrey und Pete Townshend, sie gehen auf die 75 zu. Wenn sie heute My Generation spielen, sitzt manchmal Zak Starkey am Schlagzeug, der Sohn von Ringo Starr. Zwischen den Generationen herrscht friedliche Koexistenz, Fans von 17 bis 97 sind sich einig: vielleicht doch lieber alt werden vor dem Sterben.

„Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich Pete Townshend werde“, schrieb Kurt Cobain in sein Tagebuch und erschoss sich, 27-jährig, am 5. April 1994. Blondie dagegen kümmern sich nicht um ihr Geschwätz von gestern. Die Young, Stay Pretty, sang 1979 Debbie Harry, heute 71 Jahre alt. Vor ein paar Wochen kam ein neues Blondie-Album, Pollinator, heraus, kassierte derbe Verrisse und ein leicht vergiftetes Lob im Spiegel: „Ein Album, das niemand braucht – und das gerade deshalb Spaß macht.“

„Ich will nicht werden, was mein Alter ist“: Mit dieser Abgrenzungserklärung beginnt 1971 Warum geht es mir so dreckig, das Debütalbum der West-Berliner Band Ton Steine Scherben. Fast ein halbes Jahrhundert später, 2017, schaut Tilman Rossmy dem Alten, der er nie werden wollte, im Spiegel ins Gesicht und singt davon, „statistisch gesehen noch dreißig Jahre mehr“ zu haben. 88 wäre er dann. Wer hätte 1967 gedacht, dass eines Tages eintrifft, was sich Paul McCartney auf dem Sgt.-Pepper-Album der Beatles vorstellt: „Wenn ich mal älter werde und mir die Haare ausgehen … When I’m sixty four.“ Am 18. Juni wird McCartney 75 und geht demnächst wieder auf Tour. Auch Aretha Franklin, 75, arbeitet an neuer Musik, es soll ihr Abschiedsalbum werden.

Die große Joni Mitchell, Jahrgang 1943, hat sich hingegen schon vor Jahren zurückgezogen, die vielen Zigaretten hätten ihre Stimme ruiniert, sie wolle sich so nicht mehr hören. Offenbar haben Männer weniger Probleme, im Pop zu altern. Trotz ruinierter Stimme gehen sie auf Never Ending Tour und nehmen Evergreens auf, wenn ihnen nichts mehr einfällt, wie Bob Dylan. Oder sie werden zum wandelnden Selbstplagiat, wie die Rolling Stones. „What a drag it is getting old!“ Was für eine Zumutung, alt zu werden! Mit dieser Klage beginnt Mother’s Little Helper, der Stones-Hit von 1966. Da lästert Mick Jagger über graue Mütter, die sich ihr ödes Leben mit gelben Pillen aufhellen. Apropos Mütter: Im Dezember wurde eine gewisse Melanie Hamrock Mutter, im Alter von 29 Jahren. Der Vater wird bald 74. Sein Name: Mick Jagger.

Klaus Walter, Jahrgang 1955, arbeitet seit den späten 1970er Jahren in Radio und Print über Pop-Musik und hat nicht vor, jemals damit aufzuhören. Seine Sendung beim Internetradio ByteFM heißt Was ist Musik

06:00 05.07.2017

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