Noch fehlt jede Spur

USA / Nordkorea Nach dem Singapur-Gipfel soll wieder nach vermissten Amerikanern aus der Zeit des Koreakrieges gesucht werden
Noch fehlt jede Spur
1953 „Operation Big Switch“. Der US-Soldat John Ploch nach der Entlassung aus nordkoreanischer Gefangenschaft

Foto: Michael Rougier/The Life Picture Collection/Getty Images

Wer sich Anfang Mai 2000 im nordkoreanischen Myohyangsan, dem „Gebirge der wundersamen Düfte“, aufhielt, konnte Zeuge einer wahrhaft wundersamen Begebenheit werden. Eine Gruppe Junger Pioniere war gerade zum Internationalen Freundschaftsmuseum unterwegs. Auf dem Parkplatz nebenan rauchten die örtlichen Begleiter wie üblich ihre Zigaretten. Plötzlich brauste eine Kolonne schwarzer amerikanischer SUVs vorbei. Es waren vier oder fünf Fahrzeuge, die sich so rasant in die Kurve legten, dass die Jungen Pioniere erschreckt zur Seite sprangen. Am Steuer, das konnte man gerade noch erkennen, waren keine Koreaner. Wer dann? Die Scheiben waren abgetönt, Autokennzeichen nicht zu sehen. Die rauchenden Begleiter zuckten betont gelangweilt mit den Schultern.

Erst viel später wurde klar, was hinter dem hollywoodreifen Auftritt steckte. In den schwarzen SUVs, die da mitten durch Nordkorea sausten, saßen tatsächlich Amerikaner – Yankees, Imperialisten! Und nicht nur das: Sie waren auch noch im Auftrag des Pentagon unterwegs. Das Kommando gehörte zum Joint Prisoner of War / Missing in Action Accounting Command (JPAC), einer Abteilung des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Sie wurde 2015 zwar in Defense POW / MIA Accounting Agency (DPAA) umbenannt, ihr Auftrag indes blieb derselbe: Kriegsgefangene sowie verschollene oder gefallene US-Soldaten zu finden und in ihre Heimat zurückzubringen.

Der Feind hilft mit

82.411 Menschen, beziehungsweise das, was von ihnen übrig geblieben ist, gilt es nach Angaben der Agentur aufzuspüren. Nach den sterblichen Überresten gesucht wird auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges, in den Regenwäldern Südvietnams und eben auf der Koreanischen Halbinsel. Die Suche gleicht einer Detektivarbeit. Missing in Action (MIA) bedeutet, das Kriegstableau zusammenzuziehen auf den einen, entscheidenden Punkt. Wo wurde der Soldat zuletzt gesehen, wohin war er unterwegs, wo könnten seine sterblichen Überreste verblieben sein? Hierfür werten die zehn- bis vierzehnköpfigen Spezialteams Einsatzpläne aus, in- und ausländische Militärarchive und die Aussagen von Kameraden. Ist der Leichnam gefunden, müssen ihn die Forensiker im Labor auf Hawaii zweifelsfrei identifizieren. Erst dann ist der Cold Case, wie Kriminalisten den Fall nennen würden, abgeschlossen, und der Gefallene kann in Würde bestattet werden.

Für die extrem aufwendige Arbeit an einer ordentlichen Totenruhe ist die DPAA zwingend auf die Kooperation des ehemaligen Feindes angewiesen. „Ehemalig“ freilich ist in Nordkorea nichts, „zwingend“ nahezu alles – auch wenn sich Kim Jong-un und Donald Trump in Singapur so freundlich die Hände gaben. Formal gesehen befinden sich beide Länder seit 1950 noch immer im Kriegszustand. Wie also vermisste US-Soldaten in einem Land finden, für dessen Führung bisher eine mutmaßliche oder reale Bedrohung durch die Vereinigten Staaten die Hauptsäule ihrer Legitimation darstellt?

Ein Problem immerhin hatte sich bereits erledigt, als damals die schwarzen SUVs durchs Myohyangsan fuhren: Prisoners of War (POWs) gab es in Nordkorea keine mehr. Sämtliche Kriegsgefangenen waren in der „Operation Big Switch“ freigekommen. Der Austausch dauerte von August bis Dezember 1953 und umfasste rund 88.000 Soldaten, darunter etwa 70.000 Nordkoreaner und 3.600 Amerikaner. Um den Ablauf war seit den ersten Waffenstillstandsverhandlungen 1951 erbittert gerungen worden. Nordkorea und China wollten, dass alle Kriegsgefangenen repatriiert werden. Das Kommando der Vereinten Nationen wollte ihnen hingegen freistellen, ob sie heimkehrten oder nicht. Letztlich willigten die Vertreter des Nordens ein. Wenig später ruhten die Kämpfe.

Es kam, wie es Nordkorea und China befürchteten: Viele ihrer Soldaten blieben lieber in Südkorea. Überraschenderweise zogen es aber auch 23 US-Boys vor, im Land ihrer Gefangenschaft ein neues Leben zu beginnen. Zwei von ihnen überlegten es sich in der vorgesehenen Frist von 90 Tagen noch einmal anders und wechselten ein letztes Mal die Seite. Die verbliebenen 21 Amerikaner wurden im Februar 1954 mit dem Zug von Nordkorea nach China gebracht, wo sich ihre Spur verlor. Knapp 50 Jahre später fand man heraus, was aus ihnen geworden war: Die meisten hatten die Volksrepublik nach kurzer Zeit wieder verlassen, viele waren in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt.

Böser Serien-Yankee

Lange im Dunkeln lag auch, was mit jenen fünf US-Überläufern geschah, die zwischen 1962 und 1982 nach Nordkorea gingen. Zwei von ihnen – James Joseph Dresnok und Charles Robert Jenkins – mimten Ende der 1970er Jahre in der nordkoreanischen Fernsehserie Nameless Heroes die perfekt Englisch sprechenden Auslandsschurken. 1996 bekam das Pentagon eine Kopie der Serie in die Hände. Der 1965 übergelaufene Jenkins konnte identifiziert werden, der 1962 übergetretene Dresnok nicht. Er hatte den „bösen Yankee Arthur“ gespielt. Jenkins durfte acht Jahre später ausreisen, erst nach Japan, dann in die USA. Dresnok bekam derweil in seiner Wohnung in Pjöngjang Besuch von einem britischen Filmteam, das ihn für die Dokumentation Crossing the Line porträtierte. Heute ist keiner der fünf Überläufer mehr am Leben. Sowohl Jenkins als auch Dresnok starben Ende 2017.

Wen also suchten die Spezialisten von JPAC, die da im Mai 2000 mit abgedunkelten Scheiben in Nordkorea unterwegs waren? Und wie konnten sie überhaupt ins Land gelangen?

Exakt 36.574 amerikanische Soldaten kamen im Koreakrieg laut der Studie American War And Military Operation Casualties des US-Kongresses ums Leben. Viele von ihnen wurden bereits während der Kampfhandlungen in die Vereinigten Staaten überführt. Hierfür hatte das Pentagon eigens den sogenannten American Graves Registration Service geschaffen, ein Novum in der Militärgeschichte des Landes. Im Herbst 1954 kam es dann zur bislang einzigen gegenseitigen Übergabe von Gefallenen. Etwa 14.000 nordkoreanische und chinesische Leichname wurden überstellt, im Gegenzug erhielten die USA etwa 3.000 Tote zurück. „Operation Glory“ nannte man das damals.

Jahre vergingen. Jahre, in denen nordkoreanische Piloten ein Flugzeug der U.S. Navy abschossen, am 15. April 1969, dem 58. Geburtstag des Staatsgründers Kim Il-sung. Jahre, in denen John Dresnok den schurkischen Yankee Arthur gab und das Gebirge der wundersamen Düfte wundersam vor sich hin duftete. Dann kam Bewegung in die Sache. Zwischen 1990 und 1994 übergab Pjöngjang den USA insgesamt 200 Behälter. Sie sollten angeblich die sterblichen Überreste von 208 US-Gefallenen enthalten. Tatsächlich waren es aber etwa 400 und reichlich unvollständige Knochensätze, stellten die Forensiker des US-Verteidigungsministeriums fest. Pjöngjang habe offenbar nicht besonders sorgfältig gearbeitet. Es sei an der Zeit, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Nach zähen Verhandlungen (was sonst?) konnten die USA im Juli 1996 die erste von 33 Joint Field Missions in Nordkorea unternehmen. Begleitet wurden die JPAC-Teams dabei stets von der koreanischen Volksarmee. Offiziell war sie für die Sicherheit der in zivil auftretenden US-Spezialisten zuständig, tatsächlich aber auch dafür, dass sie nicht allzu viel vom Land mitbekamen. Die Gäste aus Übersee übernachteten meist im Hyangsan-Hotel, einem von Japanern gebauten Betonkomplex im Myohyangsan-Gebirge. Von dort waren seinerzeit im Mai 2000 auch die schwarzen SUVs losgesaust, von denen die Jungen Pioniere beinahe überfahren worden wären. Unsan und der Chosin-Stausee, die schlimmsten Kriegsschauplätze des Jahres 1950, sind mit dem Auto nicht allzu weit entfernt.

Journalisten waren bei keinem der 33 Feldeinsätze dabei, die der Öffentlichkeit auch deshalb lange verborgen blieben. Erst 2004 brachte die New York Times einen längeren Artikel über die delikate Kooperation. „Wir arbeiten gut mit den Nordkoreanern zusammen“, sagte der damalige JPAC-Kommandeur Generalmajor Montague. „Man könnte meinen, es gäbe eine Menge Hass gegen uns, aber die Leute, mit denen wir zu tun haben, scheinen zu begreifen, dass wir in humanitärer Mission unterwegs sind.“ Viel zu sagen hatte man sich aber offenbar nicht. Abends beim Bier im Hotel beschränkte man sich auf unverfängliche Themen wie die Familie.

Im Mai 2005 suspendierte die US-Regierung die Joint Field Missions – aus Sicherheitsbedenken, wie es offiziell hieß. Vermutlich spielten aber auch finanzielle Interessen des klammen Nordkorea eine Rolle, das sich die Repatriierung in Maßen bezahlen lassen wollte. Hierzu hieß es auf der Homepage des DPAA nur: „Die US-Regierung zahlt eine angemessene Entschädigung für die Bemühungen, die mit der Bergung der Leichname einhergehen, sie zahlt aber weder für die Leichname selbst noch für Informationen.“ 2007 übergab Pjöngjang noch einmal sieben Gebeine an die Amerikaner. Washington blieb unbeeindruckt.

Doch immerhin: Mehr als 220 sterbliche Überreste konnten in den neun Jahren der amerikanisch-nordkoreanischen Zusammenarbeit geborgen und überführt werden. Dass Kim Jong-un und Donald Trump nach ihrem Treffen in Singapur nun die Joint Field Missions wieder aufnehmen wollen, ist ein wichtiger Schritt, um etwas für das gegenseitige Vertrauen zu unternehmen. Zu tun jedenfalls gibt es reichlich. Von rund 5.300 Männern, bei denen die DPAA vermutet, dass sie in Nordkorea gefallen sind, fehlt noch immer jede Spur.

Christoph Moeskes ist freier Autor und hat u. a. das Buch Nordkorea. Einblicke in ein rätselhaftes Land geschrieben

06:00 28.06.2018

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