Noch ist ein Kompass an Bord

PDS Christa Luft, stellvertretende Vorsitzende der PDS-Bundestagsfraktion, über Kandidaten und Katastrophen

FREITAG: Lothar Bisky hat den angekündigten Rückzug von Gregor Gysi als Katastrophe für die PDS bezeichnet ...

CHRISTA LUFT: Natürlich ist das ein Riesenverlust. Ich würde aber nicht von Katastrophe sprechen, denn ein Verdienst hat Gysi ganz gewiss neben vielen tausend anderen - das gilt auch für den Parteivorsitzenden - beide haben hinter sich Menschen nachwachsen lassen.

Ist die PDS dabei, sich von ihrer Gründergeneration zu verabschieden?

Irgendwann kommt in einer Partei diese Zeit, und ich bin natürlich froh, dass ein Generationswechsel nicht erst beginnt, wenn die Betreffenden 60 oder 70 Jahre alt sind. Bisky und Gysi sind allerdings in einem Alter, das gut und gern noch ein paar Jahre politischer Arbeit in der vordersten Front ermöglicht hätte - und das wäre auch wünschenswert gewesen.

Ist mit dem Abschied der Gründergeneration auch etwas vom Gründungskonsens der PDS von 1989 in Frage gestellt?

Nach zehn Jahren muss man bestimmte Positionen ganz sicherlich überprüfen auf ihren Realismus und ihre Zukunftsfähigkeit hin. Für mich bedeutet Überarbeitung des Programms nicht, dass man nun alles über Bord wirft, womit man bisher erfolgreich Politik gemacht hat. Aber die Positionen müssen an neuen Herausforderungen gemessen werden, vor denen die Linke, vor denen die sozialistische Partei steht.

Warum sind gerade auf dem Münsteraner Parteitag, der ja ein Signal für den Westen geben sollte, die Konflikte derart eskaliert?

Es haben sich meines Erachtens während der Debatte über ein Sachthema bestimmte Dinge entladen, die sich schon länger angestaut hatten. Daraus ziehe ich persönlich eine Schlussfolgerung: Es ist wichtig für den Bundesvorstand, die Bundestagsfraktion, für alle, die in der Partei Verantwortung tragen, sehr genau hinzuhören, was sich in der Basis vollzieht. Und in der Basis war seit Wochen, vielleicht seit Monaten, klar, dass es zum Thema UN-Einsätze erheblichen Unmut gab. Da hätte die Parteiführung vermutlich früher ein Signal setzen müssen, wie man mit dem Thema umgehen sollte. Dass sich dieser Frust entlädt - ich glaube, das hätte man verhindern können. Andererseits muss man auch einmal sagen, es ist höchst anerkennenswert, dass es in der Partei eine solche Sensibilität gegenüber Militäreinsätzen gibt.

Weshalb haben sich in Münster Gysi und Bisky nahestehende Reformer wie Pau, Bartsch oder Claus erkennbar in taktischer Zurückhaltung geübt?

Das sind ja Namen, die in der Öffentlichkeit - leider schon wieder viel zu früh - als mögliche Kandidaten für die Funktionen gehandelt werden, die nun neu zu besetzen sind. Und alle drei kommen dafür zweifellos auch in Frage, aber ich glaube, die Zahl wird noch größer werden in den nächsten Wochen. Die Genannten haben in Münster die Stimmung verstanden und ihr Verhalten danach eingerichtet.

Aber das wäre doch eine Gelegenheit gewesen, Führungsfähigkeit zu beweisen ...

Ich glaube nicht, dass alle drei sich nun bewusst zurückgehalten haben, um weder in der einen noch der anderen Richtung erkennbar zu werden. Sie haben, glaube ich, auch unter einem ganz tiefen Schock gestanden.

Erlebt man die derzeitige Debattenkultur in der PDS, dann scheint der Begriff Kultur zuweilen deplatziert ...

Das habe ich auch so empfunden und bedaure es zutiefst. Ich kann da nur den einen Satz von Gregor Gysi ganz besonders dick unterstreichen: Wir als Sozialistinnen und Sozialisten müssen es verstehen, Menschen zu gewinnen und nicht Menschen abzustoßen, abzukanzeln oder zu diffamieren. Anders lassen sich keine Mehrheiten gewinnen.

Muss sich der eher konziliante Stil des Umgangs mit der dogmatischen Linken ändern?

Für alle Strömungen, wie sie auch immer genannt werden mögen, ob Traditionalisten, Reformer, dogmatische Linke oder rechte Revisionisten, - diese Kästchenbildung ist für mich ohnehin ganz schrecklich -, wird jetzt ein Prozess des Nachdenkens einsetzen. Für Ausgrenzung oder gar Rausschmiss bin ich absolut nicht zu haben. Für mich wird allerdings die Bereitschaft, an kontroversen Debatten teilzunehmen, viel geringer, wenn ich merke, dass die Antworten der anderen Seiten schon feststehen, bevor ich überhaupt etwas gesagt habe. Auch erlahmt das öffentliche Interesse an beständiger Wiederholung angeblich "ewiger Wahrheiten".

Das Gespräch führte Lutz Herden

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