Noch mal neu

Zeitschleife Kann eine glückliche Zukunft nur in der Vergangenheit beginnen? Eine Welle von Filmen und Serien spricht dafür

Wie es aussieht, versucht das Universum mich zu verarschen. Aber ich scheiß drauf!“ Ausgerechnet in ihrer Geburtstagsnacht kann Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) nicht älter werden. Immer wieder wacht die New Yorkerin in der aktuellen Netflix-Serie Matrjoschka während ihrer Party auf der Toilette auf. Jedes Mal trifft sie im Wohnzimmer dieselben Gäste – und nie gelingt es ihr, in den nächsten Stunden mit dem Leben davonzukommen. Entweder sie bricht sich im Stiegenhaus das Genick, wird vor dem Haustor überfahren oder erfriert betrunken auf offener Straße. Für Nadia endet jeder Tod mit einem bösen Erwachen.

Seit Jahrzehnten schleudert im Kino ein eigenes Subgenre genussvoll seine Figuren durch die Zeiten oder zurück in die Zukunft. Aber die Häufung von Produktionen, die derzeit mit dem Motiv der Zeitschleife und -reise hantieren, ist dennoch überraschend. So zieht etwa in der Netflix-Produktion Parallelwelten, einem spanischen Mysterythriller, eine junge Frau in ein neues Zuhause, wo sie Videobänder aus den 1980er Jahren findet. Die Aufnahmen zeigen einen Jungen, der kurz darauf ums Leben kommt, als er seiner Nachbarin zu Hilfe eilen möchte. Warum Vera (Adriana Ugarte) daraufhin in die Vergangenheit eingreift und den Tod des Jungen verhindert, ist gar nicht so wichtig (als Erklärung genügt Regisseur und Autor Oriol Paulo ein über die Stadt fegendes Gewitter mit Butterfly-Effekt). Interessant an Parallelwelten ist seine gegenwärtige Botschaft: Eine glückliche Zukunft beginnt in der Vergangenheit.

Natürlich war es im Kino auch schon früher eine verlockende Vorstellung, sein Schicksal so in die Hand nehmen zu können. Was konnte man neben Anschlägen, Apokalypsen und Familienkatastrophen nicht schon alles verhindern? So wie etwa Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) in Source Code (2011, Regie: Duncan Jones), der immer wieder in einem Nahverkehrszug nach Chicago erwacht und stets nur exakt acht Minuten Zeit hat, um den Terroranschlag zu vereiteln, bei dem auch er ums Leben kommen wird. Und für den mit jeder Explosion derselbe Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Oder wie William Cage (Tom Cruise) in dem Science-Fiction-Spektakel Edge of Tomorrow (2014, Regie: Doug Liman), für den sich die Schlacht gegen die Außerirdischen jeden Tag wiederholt und der dadurch – learning by doing – jedes Mal ein paar Minuten länger überlebt. So lange, bis auch die Menschheit dem Sieg buchstäblich einen Schritt näher rückt.

Es geht in der Zeitschleife also ums ewige Lernen, und wenn nicht für den Krieg oder die Schule, dann wenigstens fürs Leben: In der aktuellen Fortsetzung der populären Teenie-Horrorserie Happy Deathday 2U begegnet die Studentin Tree (Jessica Rothe) an ihrem Geburtstag immer wieder ihrem Meuchelmörder. Zwar entkommt sie ihrem Albtraum nie, sie eignet sich aber von Tag zu Tag die wirklich dringend nötige Sozialkompetenz an. Genauso wie Samantha (Zoey Deutch) in dem US-Teeniedrama Before I Fall (mit dem preisverdächtigen deutschen Titel Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie). Für die vom wiederkehrenden Tod bedrohte Jugend gilt: Wer nicht einmal mehr sein Leben zu verlieren hat, wird im Laufe der Zeit(schleife) noch zu einem richtig guten Erwachsenen.

Die Zeit ist auch ein Gefängnis

Doch das Ziel ist nicht nur, ein „wertvolles“ – also brauchbares – Mitglied der Gesellschaft zu werden, sondern auch, den täglichen Verletzungen und Ausgrenzungen zu entgehen. Denn die Highschool ist nicht weniger Schlachtfeld als das, wodurch Tom Cruise stolpert: Denselben Tag immer wieder zu erleben, bedeutet nämlich auch, sich jeden Tag exponieren zu müssen. Und sei es, einem idealen Schönheitsbild zu entsprechen, auf Instagram zu posieren oder der besten Freundin jeden Tag endlich die Wahrheit zu sagen.

Sind wir also, wie es uns gerade ein gutes Dutzend Kino- und Fernsehfilme weismachen will, wirklich darauf angewiesen, das Rad der Zeit zurückzudrehen? Geht uns tatsächlich alles viel zu schnell, und sind wir Selbstoptimierungswahn und sogenanntem Skill Management längst hilflos ausgeliefert? Die Weltuntergangsuhr („Doomsday Clock“) steht, wie ein Gremium aus Wissenschaftlern und Nobelpreisträgern im Januar verlautbarte, jedenfalls auf zwei Minuten vor zwölf: „Die Welt, die wir bewohnen, ist unsicher und beunruhigend. Wir sind dabei, eine gefährliche Welt zu normalisieren“, so die Begründung. Ein zur Normalität gewordener Ausnahmezustand?

„Für wie knapp wir Zeit halten, welches Tempo wir als richtig empfinden, wie lang Planungshorizonte sind – das liegt nicht in der Natur des Menschen, sondern in der Natur einer modernen Gesellschaft mit kapitalistischen Leistungszwängen“, so der Soziologe und Beschleunigungsexperte Hartmut Rosa. „Die Gesellschaft ist auf Steigerung angelegt. Das Einzige, was wir nicht steigern können, ist Zeit. Deshalb wird sie uns zu kurz.“ Kein Wunder, dass sogar die Marvel-Superhelden, immerhin die Weltenretter schlechthin, im Avengers-Finale nicht ohne simplen Zeitreisetrick den Sieg erringen.

Nun könnte man behaupten, dass es ja kein Nachteil sei, aus seinen Fehlern zu lernen und beim nächsten Mal alles richtig zu machen, wenn man die Gelegenheit dazu bekommt. Doch dass die Zeitschleife in Kino und Serienfernsehen offensichtlich eine Renaissance erlebt, hat noch andere Gründe. Anders als bei der konventionellen Zeitreise, bei der man ebenfalls den Ablauf der Dinge zu seinen eigenen Gunsten verändern kann, wirkt die Schleife als Gefängnis: aufwachen, aufstehen, alles noch mal erleben und buchstäblich bis zur Deadline durchhalten. Wer hier nicht schnell genug ist, bleibt auf der Strecke. Ist man in der Zeitschleife gefangen, braucht es eine möglichst schnelle Reaktion und hohe Flexibilität. Ein postfordistisches Konzept für die maximale Leistungssteigerung.

Seit Harold Ramis’ Klassiker Und täglich grüßt das Murmeltier (1993), inspiriert von Ken Grimwoods Roman Replay (1986), bedeutet die Zeitschleife Fluch und Segen. Denn einerseits hat der Gedanke, immer wieder eine nächste Chance zu bekommen, für den in ihr Gefangenen auch etwas Tröstliches. Man stützt sich auf Routinen und Rituale, also auf das Verlässliche in einer tendenziell unverlässlichen Umgebung. So wird das tägliche Versagen wenigstens erträglich. Doch wenn sich das vermeintliche Déjà-vu als Wirklichkeit erweist, verschwindet damit nicht weniger als ein zentrales Versprechen des modernen Menschen: die Wahlfreiheit des Einzelnen. Man kann sich noch so sehr bemühen, mit seiner Entscheidung die Dinge für sich oder die Menschheit in Ordnung zu bringen – sie wird umsonst sein, der Kreislauf wird nicht durchbrochen. Niemand möchte wie Sisyphos zwar den Tod überlisten, dafür aber sein Leben lang einen Felsbrocken den Berg hinaufwälzen. Auch nicht symbolisch. Das hat, wenn man jede Antwort im Vorhinein kennt und lässig den fallenden Kaffeebecher auffängt, zwar humoristisches Potenzial, ist für den Wiedergänger selbst auf Dauer jedoch nicht lustig.

Im Gegensatz zur modernen Kunst, wo der Loop im Ausstellungskontext praktisch zum guten Ton gehört, und zu Musikclips – großartig etwa Michel Gondrys Come Into My World, in dem sich Kylie Minogue an einer Pariser Straßenkreuzung vervielfacht – interessiert sich der Film auch für den Ausbruch aus der Endlosschleife. Dieser gelingt am Ende jedoch nur über Selbsterkenntnis und durch kritisches Hinterfragen des eigenen Tuns. „Ich glaube, ich habe ein bisschen was darüber herausgefunden, wie diese Welt funktioniert“, so Nadia in Matrjoschka. Mehr darf man vom ewigen Leben wohl kaum erwarten.

Michael Pekler lebt in Wien und schreibt über Kino und Fernsehen, u. a. für den Falter

06:00 30.06.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 2