Noch nicht abgeschlossen

Gedenktag Peter Weiss´ "Die Ermittlung" in der Dresdener Kreuzkirche

Weiss hat für sein Oratorium in 11 Gesängen bekanntlich den "Auschwitz-Prozess" genommen, in dem zwischen 1963 und 1965 in Frankfurt am Main 22 Angehörige der Lagerbewachung und -verwaltung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau in Polen wegen Mord und Beihilfe angeklagt waren. Um die ungeheuerliche Thematik in ihrer Totalität dramatisch zu erfassen, wählte er die Struktur des "epischen", im Wortsinn erzählenden "Theaters". Nach dem Vorbild des Inferno, also der "Hölle" von Dantes Divina Commedia, legte er die Systematik der Vernichtung der deutschen und europäischen Juden in Gesängen dar. In völlig sachlicher Verhör- und Rapportform werden die Formen der Entmenschlichung unter den Lagerbedingungen deutlich gemacht. Zur Sprache kommen die Foltermethoden, die medizinischen Experimente, die Erschießungen an der Schwarzen Wand, die Ermordung durch Giftspritzen. Den grausigen Höhepunkt bilden die Gesänge über das "Zyklon B" und "die Feueröfen". Das Oratorium kam im Oktober 1965 zu einer Ringuraufführung an 16 deutschen Theatern, darunter auch eine Lesung von Mitgliedern der Akademie der Künste der DDR in der Volkskammer.

Für Weiss selbst wurde die Abfassung der Ermittlung zu einer Selbstfindung besonderer Art. Da er mit seinem jüdischen Vater nach Schweden emigriert war, fühlte er sich selbst schuldig, dem Schicksal, das den Juden bereitet wurde, sich entzogen zu haben. Aber die Folgerung, die er schließlich zog, war, sein ganzes schriftstellerisches Schaffen der Enthüllung der Grundlagen dieses Systems der Menschenvernichtung, nämlich des Kapitalismus zu widmen.

Wenn sich der Intendant des Staatsschauspiels Dresden entschloss, gerade Die Ermittlung wieder aufzuführen, so wagte er gegen den restaurativen Zeitgeist zu löken, der auch den Antisemitismus reaktiviert. Er verband damit gleichzeitig den Versuch, die Erinnerungskultur der Dresdener Gesellschaft zu komplettieren. Am 13. Februar jeden Jahres wurde der Vernichtung dieser Stadt an diesem Tag im Jahr 1945 durch angloamerikanische Luftangriffe gedacht, bei der 35.000 Menschen umkamen. Ort des geistlichen Gedenkens war besonders die Kreuzkirche am Altmakt, die auch ausgebrannt war, aber in einer Form restauriert wurde, die im Innern das Maß der Zerstörung noch erkennen lässt. Diesen Gedenktag nun durch die Aufführung der Ermittlung gerade an diesem Ort zu einem Versuch zu machen, "im Gedenken an die Zerstörung unserer Stadt die Toten des Holocaust endlich zu unseren Toten zu machen", war eine Herausforderung, auch wenn die geistlichen Oberhäupter der katholischen und evangelischen Kirchen in Dresden ihren Segen gaben. Die angesprochenen Christen stellten sich ihr erstaunlich aufgeschlossen. Über 2.200 Menschen kamen zur Premiere in die Kreuzkirche, mehr als sonst zu Gottesdiensten.

Das Staatsschauspiel tat sich mit dem Kreuzchor zusammen; das künstlerische Konzept bestand darin, zwischen den Gesängen der Ermittlung A-Cappella-Chorwerke als komplementäre und eigenständige Aufführungsebene durch die Kreuzianer vortragen zu lassen.

Es war ersichtlich, dass die grausigen Berichte die Zuhörer fast überforderten, auch die Raschheit des Sprechens oftmals gedankliche Aufnahme und Verarbeitung behinderte. Aber ganz deutlich war auch, dass die zu Gehör gebrachten Ungeheuerlichkeiten die Teilnehmer erschüttern. Hier setzte die Wirkung der Motetten von Orlando di Lasso bis zur Klage des Kreuzkantors Rudolf Mauersberger über das zerstörte Dresden Wie liegt die Stadt so wüst und das Stabat mater von Krzysztof Penderecki ein: Sie mildern, versöhnen, harmonisieren, vertrösten auf eine göttliche Gnade. Was sich wie glühend Eisen in das Nach-Denken drängt, wird entschärft und erträglich gemacht. Zu einer widersprüchlichen Sinnhaftigkeit geriet so recht nur der Choral von Johann Sebastian Bach Es ist genug; so nimm Herr meinen Geist mit der Gewissheit "Ich fahr in Himmels Haus, ich fahre sicher hin in Frieden", auch wenn diese metaphysische Vertröstung fast zu einer Zudeckung der furchtbaren Wahrheiten, die Die Ermittlung in Erinnerung bringt, führt und in Gegensatz zur Absicht Weissens steht, durch Aufklärung zu einer aktiven Veränderung beizutragen. Ob die bevorstehende Deuxière im Schauspielhaus ohne dieses sakrale Ambiente zu letzterem stärker beitragen kann, wird sich zeigen.


00:00 13.02.2004

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