Noch so ein Kind

Serie Den einen ist Heldin Kimmy Schmidt ein Symbol für die Infantilität unserer Zeit, den anderen ein Stück Hoffnung
Peter Kuras | Ausgabe 42/2019 1

Literaturkritikerin Ruth Graham schrieb 2014 im US-amerikanischen Online-Magazin Slate eine Besprechung der Verfilmung eines erfolgreichen Jugendromans: Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green. Sie behauptete darin, Erwachsene, die Jugendliteratur läsen, sollten sich schämen. Grahams Text löste eine heftige Diskussion aus. Auf Twitter und Tumblr ermpörten sich sowohl Fans des Autors als auch (oft erwachsene) Leser von Jugendliteratur, während seriöse Medien Graham zur Seite sprangen. Christopher Beha im New Yorker etwa pflichtete Graham bei, dass ernsthafte Leser sich eher mit Henry James als mit Harry Potter beschäftigten sollten; und A. O. Scott, Cheffilmkritiker der New York Times, veröffentlichte gar einen langen Essay, der den Niedergang des Erwachsenseins diagnostizierte.

Kurz danach startete Unbreakable Kimmy Schmidt auf Netflix. Die Comedy-Serie handelt von einer Frau, die mit 14 entführt wurde und 15 Jahre in einem Bunker verbrachte. Ein gewisser Reverend Wayne erzählte ihr und drei anderen Frauen, die Apokalypse sei gekommen. Diese Ausgangslage wird deutschsprachige Zuschauer an den Fall der Österreicherin Natascha Kampusch erinnern, die mit zehn entführt und acht Jahre lang gefangen gehalten wurde. Von dieser beunruhigenden Assoziation sollte man sich aber nicht abhalten lassen, Kimmy Schmidt (Ellie Kemper) eine Chance zu geben. Die verpasste alles, was das Erwachsenwerden normalerweise so ausmacht – sie studierte nicht, sie verliebte sich nicht, sie ging in keine Bars. Als 29-Jährige endlich aus dem Bunker befreit, trägt sie eine neonfarbene Hose und blinkende Schuhe und kennt ausschließlich jene Kulturgüter, die ihr als 13-Jährige anno 1999 begegnet waren. Ihr Enthusiasmus im neuen Leben ist kindisch, ebenso ihre Hoffnung, ihre Sprache, ihr Vertrauen. Sie scheint Scotts Diagnose haargenau zu entsprechen, denn Kimmy Schmidt will nichts anderes als „in ihrer eigenen Unreife baden, deren Tiefe ausmessen und genießen“.

Die Serie wurde im Lauf der Jahre für achtzehn Emmys nominiert. Gewonnen hat sie nie. Die Preise gingen stets an Serien mit erwachsenen Figuren – Serien wie Veep, The Marvelous Mrs. Maisel, Atlanta und Masters of None. Allgemein setzen wir Qualität im Fernsehen mit Ernsthaftigkeit gleich und meinen, unsere Vorliebe für Serien, Bücher und Filme, die auf eine komplizierte, oft genug sogar zynische Art mit komplizierten Fragen umgehen, sei ein direkter Beleg für unsere Mündigkeit – und damit auch für unser Recht, am politischen Leben teilzuhaben. Besonders seit Donald Trump im Amt ist, spricht man gern von den „adults in the room“. Wir hegen die Hoffnung, dass es vielleicht doch ein paar rational denkende Erwachsene im Weißen Haus gibt, die uns vor Trumps schlimmsten Exzessen schützen.

Man könnte Kimmy Schmidt also als Symptom der Krise des Erwachsenenseins betrachten und ihre Beliebtheit als Beweis für die generelle Unmündigkeit der heutigen Zuschauer, die sich in der Vorliebe für Buntes und Kindisches offenbart. Der Ursprung dieser Position ist ziemlich klar – man denke an Kants berühmte Aussage: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ Gleichzeitig ist die Strenge, mit der Autoren wie Graham, Beha und Scott daran festhalten, kaum mit der Kulturgeschichte zu vereinbaren. Die Anhänger der Ernsthaftigkeit sind selbst nicht in der Lage, ihre Meinungen geschichtlich oder theoretisch zu verorten. So trifft etwa Grahams Behauptung, dass Jugendliteratur unseriös sei, weil sie oft eindeutig und vorhersehbar ausgehe, keineswegs nur auf Das Schicksal ist ein mieser Verräter oder Harry Potter zu, sondern in gewisser Weise doch auch auf Antigone, Hamlet oder Macbeth.

Auch kindische Narrenfiguren wie Kimmy Schmidt haben eine lange Geschichte in der Literatur – im deutschen Kontext denkt man an Grimmelshausen und Der abenteuerliche Simplicissimus, im spanischen an Lazarillo de Tormes und im französischen an Le Sages Gil Blas. Es ist eine komplizierte Gattung – und eine, die in der Gegenwartsliteratur mit Büchern wie Daniel Kehlmanns Tyll und Ingo Schulzes Peter Holtz: Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst wieder stark vertreten ist. Kimmy Schmidt mag nicht alle Merkmale der literarischen Gattung des Schelmenromans erfüllen, aber die wesentlichen – eine einfältige Hauptfigur, deren Einfachheit zu lächerlichen Situationen führt und dabei die gesamtgesellschaftliche Heuchelei enthüllt – sind gut erkennbar. Kimmys Naivität zwingt andere dazu, sich zu rechtfertigen, die Welt, wie sie ist, zu erklären, und bringt deren Ungerechtigkeit im Alltag zum Vorschein.

Simplicia Simplicissima

Der pikareske Held, der Schelm, erlebte zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges seine Blütezeit – während Luther predigte und die Jesuiten lehrten, streunte Simplicius Simplicissimus von Schlacht zu Schlacht, wurde entführt, floh vor Vergewaltigung, klaute, arbeitete, hungerte, wurde reich und berühmt und verlor wieder alles. Die großen ideologischen Streitigkeiten der Zeit werden auf seinem Weg als Scheingegensätze entlarvt: Ob Simplicius mit Katholiken oder Lutheranern zu tun hat, ist egal – beide Konfessionen nutzen ihn gleichermaßen aus. Die ideologischen Differenzen, die das Zeitalter so entscheidend prägen, verwandeln die Welt zwar in eine Gefahrenzone, aber Simplicius ist simpel, weil er sich nie eine Seite aussucht, weil er anti-ideologisch vorgeht. Er ist simpel, weil er zur Gewalt gezwungen wird, selber aber keine Gewalt verursacht.

Kimmy Schmidt jedoch hat sehr wohl eine Meinung zu den ideologischen Fragen der Zeit. Die Figur steht, wie die Serie auch, ganz eindeutig zu feministischen Idealen. „Females are strong as hell“, lautet nicht umsonst der Refrain des Intro-Songs, und diese Aussage ist wegweisend für eine Serie, die zum großen Teil von der Befreiung der Frauen aus männlicher Herrschaft handelt. Aber progressive Haltungen werden in der Serie fast genauso oft verspottet wie reaktionäre, und eine progressive Politik ist hier keine Garantie, dass man tatsächlich gesellschaftlichen Fortschritt bewirkt. So ist zum Beispiel Kimmys Vermieterin gegen jegliche Art der Verbesserung in ihrem Viertel; aus Angst vor der Gentrifizierung bietet sie sogar kriminellen Gangs ihre Unterstützung an. Die Möglichkeit, frisches Essen zu kaufen, würde sie am liebsten aus der Umgebung verbannen. Obwohl bei einem Freund Skorbut diagnostiziert wird, geht es nicht in ihren Kopf, dass ein Supermarkt doch eine gute Sache wäre.

Als #MeToo anfing, warfen Kimmys Kollegen ihr sexuelle Belästigung vor, denn die junge Frau versteht einfach nicht, dass es Menschen gibt, die sich nicht gern umarmen lassen. Kimmy Schmidts Feminismus ist anders; er beruht auf dem Kindlichen. Ihr geht es weder um Ideologiekritik noch darum, die Übel des Patriarchats zu entlarven. Eine Politik, die Kimmy Schmidt gefallen würde, kann man sich schwer ausdenken, denn ihr geht es um eine Haltung – darum, anderen Menschen gegenüber offen zu sein und das Gute in jedem zu sehen. Wie das geht, weiß eigentlich jeder: Man hat es in der Kita gelernt. Aber oft verlernt man das Wesentliche an den Unis – man liest Kant und vergisst darüber, wie man teilt; man studiert höhere Mathematik und vergisst die gemeinsamen Nenner, die einem mit fünf schon vertraut waren. Unbreakable Kimmy Schmidt hat auch dieses Jahr keinen Emmy bekommen. Die Preise gingen wieder an seriösere Kömodien mit mündigerer Politik, die diese Ehre sicher verdient haben. Dabei ist es Kimmy Schmidt, die vielleicht am ehesten einen Ausweg aus unserem politischen Stillstand weiß – sie ist Alexander Kluges eigensinniges Kind: aus der Erde erweckt, um uns Hoffnung zu geben.

Info

Unbreakable Kimmy Schmidt 2015 – 2019, vier Staffeln, Netflix

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