Noel Baba

Literatur Eine Weihnachtsgeschichte

Eigentlich ist es denkbar unpassend, dass ausgerechnet ich eine solche Geschichte erzähle. Glaubt Ihr, dass es auf dieser Welt eine göttliche Gerechtigkeit gibt? Oder habt Ihr etwa vergessen, dass Dante sein Werk lediglich Die Komödie nannte und erst durch Boccaccios Zusatz nachträglich Die göttliche Komödie daraus wurde? Womöglich muss ich gerade deshalb diese Geschichte erzählen. Eben, weil ich vollkommen unpassend dafür bin.

Alles begann in Demre, einer Kleinstadt in der Türkei. Demre ist ein kleines Paradies an der Mittelmeerküste, die wir Europäer "Türkische Riviera" nennen. Bekannt wurde aber das Städtchen dadurch, dass Sankt Nikolaus, den die Türken "Noel Baba" nennen, hier in Demre geboren worden sein soll. Ihr werdet Euch fragen, was der aus Finnland stammende Heilige Nikolaus, der sonst auf seinem von Rentieren gezogenen Schlitten durch den Schnee pflügt und dabei ununterbrochen Gelächter von sich gibt, in einem muslimischen Mittelmeerland verloren haben könnte. Dabei hat deren Noel Baba sowieso kaum Gemeinsamkeiten mit unserer europäischen Vorstellung von diesem dicken, rauschbärtigen und lauten Mann. Sein bronzenes Standbild in Demre stellt den türkischen Noel Baba weniger als eine Märchenfigur dar, vielmehr als einen richtigen Menschen. Ein hoch gewachsener, ja gut aussehender Pope in einem Kapuzengewand, der einen eher bescheidenen Geschenkesack auf dem Rücken trägt und sich schützend um die Kinder sorgt, die sich am Saum seiner Robe festklammern. Was die Türken betrifft, so haben sie längst eine Noel-Baba-Stiftung ins Leben gerufen und behaupten, dass er ein Pope mit lykischen Vorfahren gewesen sei. Wenn Ihr mich fragt, sind sie einzig und alleine an den Schwärmen von Touristen interessiert, die seinetwegen in die Gegend kommen. Wie dem auch sei, mit all dem habe ich nichts zu tun. Weder feiere ich Weihnachten, noch bin ich ein religiöser Mann. Ich war gerade deshalb in die Türkei gereist, weil ich mich dem ganzen Weihnachtstrubel zu Hause entziehen wollte, und es in der Türkei kein Weihnachten gibt.

Das, was ich unternahm, war eine regelrechte Flucht. Flucht vor dem Konsumwahnsinn, der politischen Verdorbenheit, der Habsucht und der Doppelmoral. Flucht vor dem Schamgefühl, Bürger eines jener Staaten zu sein, die andere Länder unter dem Vorwand besetzen, dorthin Freiheit und Demokratie zu bringen. Flucht vor eigener Hilflosigkeit, vor dem Zwang, sich rasieren zu müssen und natürlich Flucht vor mir selbst. Flucht für eine kurze Weile, eine Pause zum Aufatmen. Zum Fliehen wählen wir Europäer gewöhnlich billige und exotische Orte mit noch unzerstörter Natur. Besonders exotisch ist die Türkei nicht mehr. Sie ist aber ein billiges und schönes Land. Selbst für einen Menschen wie mich, der sich mit Halbtagsjobs über Wasser hält, um seine Zeit mit Lesen und Schreiben verbringen zu können und sie nicht gegen Geld verkaufen zu müssen, ist es möglich, zum Entspannen dorthin zu fliehen.

Als ich die freien Tage über Weihnachten und Silvester miteinander verbinden und an einem Ort, fern von Familienessen, dem alle Hauptstraßen der christlichen Welt umfassenden Wahnsinn der Weihnachtseinkäufe, dem Lärm und den Menschenmassen, untertauchen wollte, landete ich auf Empfehlung eines Freundes in Antalya. Ich nahm ein Hotelzimmer und mietete mir ein Motorrad. Morgens schwamm ich im Meer, nach dem Frühstück fuhr ich mit dem Motorrad in die Kleinstädte der Umgebung und kehrte abends ins Hotel zurück. Ich genoss es, mich nicht rasieren zu müssen, vor sinnlosen Tagesgesprächen verschont zu bleiben und verbrachte die verbleibende Zeit mit Lesen und dem Anfertigen von Notizen für das Buch, das ich vor meinem Tode noch irgendwann zu schreiben beabsichtige. Alles verlief nach meinen Vorstellungen. Ich ließ alle in Ruhe, und alle ließen mich in Ruhe.

Voller Genugtuung, die inzwischen zu einem Konsumungeheuer mutierten Weihnachtstage ohne Zwischenfälle hinter mich gebracht zu haben, unternahm ich am 26. Dezember von Antalya aus eine längere Fahrt und wählte dabei meine Route so, dass ich in Demre vorbeikam. Wenn ich schon dort war, besuchte ich auch die antike Kirche des Heiligen Nikolaus, die heute ein Museum ist. Es war kühl, aber sonnig, so dass ich danach eine Runde im Meer schwamm. Ich trank gerade in kleinen Schlucken von meinem türkischen Tee, den ich so liebe, als ich auf das Kind aufmerksam wurde. Ein mageres Mädchen von etwa sechs Jahren, das einen blauen Trainingsanzug trug, stand vor dem Standbild von Noel Baba inmitten des Kirchengartens, brüllte es Wut entbrannt an und weinte dabei. Seine kurzen, schwarzen Haare mit einem Haargummi wie eine Fontäne auf dem Kopf zusammengebunden, schrie es das Standbild an und vergoss dabei Tränen aus seinen riesengroßen, pechschwarzen Augen, die denen der japanischen Zeichentrickfiguren ähnelten und fast sein ganzes, kränklich aussehendes Gesicht einnahmen. Ich hatte nie eine solche Szene gesehen und war irritiert. Ohne zu wissen, wie es geschah, fand ich mich auf einmal neben dem Mädchen wieder. Ich brannte darauf zu erfahren, was ein in einer Kultur ohne Weihnachten aufgewachsenes und offensichtlich armes Kind von Noel Baba wollte. Als das Kind mich sah, wurde sein Gesicht aschfahl, als ob es ein Gespenst gesehen hätte, sein Weinen erfror, die Tränen blieben auf seinem Gesicht hängen, Angst erfüllt schaute es mich an. Seine Angst verunsicherte auch mich. Eine Weile schauten wir uns gegenseitig an, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Dann sagte es etwas, als ob es im Traum sprechen würde. Ich aber verstand kein Wort Türkisch. In diesem Augenblick erschien ein schmächtiger Mann in Uniform bei uns, von dem ich nicht wusste, woher er angerannt kam. Er griff das kleine Mädchen am Ohr und zog daran, als ob er es schleifen wollte. Das Kind fing wieder zu weinen an und versuchte mir, mit flehender Stimme etwas zu sagen. Als ich den Mann in meiner Sprache aufforderte, das Kind in Ruhe zu lassen, wusste ich noch nicht, in was für eine Angelegenheit ich damit geriet. Dieser schmächtige, schwächliche Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, dessen Uniform ihm einige Nummern zu groß schien, warf mir einen solch bösen Blick zu, dass mir klar wurde, dass er keinerlei Angst vor mir verspürte, obwohl ich erheblich größer und stämmiger gebaut war als er. Das Kind, das sich inzwischen aus dem Griff des Mannes befreien hatte können, klammerte sich an meine Beine und sagte mir mit seiner flehenden Stimme wieder etwas. Der Mann, von dem ich später erfahren sollte, dass er Mehmet hieß, Wächter der Museumskirche und Vater des Mädchens war, griff flink das Mädchen an seinem Arm, riss es von mir los und schleppte es weg. Käme so etwas in Europa vor, würde ich Mehmet wegen Kindesmisshandlung anzeigen und das Kind retten. Wir waren aber in der Türkei und alle, die uns zugeschaut hatten, tranken seelenruhig ihren Tee weiter, als ob das alles die normalste Sache der Welt sei. Selbst in diesem kleinen Städtchen, in dem ich Zuflucht vor den Menschen gesucht hatte, hatten die Menschen mich verärgert.

Ich hätte vergessen müssen. Ich, der nie verheiratet gewesen war und sich sein Leben lang von dem "Ehe" genannten Gefängnis, den Kindern, diesem Reproduktionsfeld menschlicher Mängel und der Propaganda der Religionen, die aus den übrigen "die Anderen" macht und sie diskriminiert, ferngehalten hatte, hätte dieses Kind auf der Stelle vergessen müssen. Ich konnte aber nicht vergessen. Früh am nächsten Morgen besuchte ich die Reiseagentur in Antalya. In Begleitung eines Jungen, der dort arbeitete und meine Sprache sprach, machte ich mich dann mit dem Motorrad auf den Weg. Ich wollte erfahren, was dieses Kind mich gefragt hatte.

Ich wollte mir den Luxus eigentlich nicht leisten, während meines sowieso nur zehntägigen Winterurlaubes einen Ort zweimal zu besuchen. Trotzdem war ich wieder unterwegs zu dem angeblichen Geburtsort Noel Babas, vor dem ich geflohen war. Hatten wir nicht schon von der göttlichen Gerechtigkeit gesprochen, oder war es die göttliche Komödie? In Demre angekommen, suchten wir nach Mehmet, dem Wächter der Museumskirche. Wir erfuhren, dass er heute frei hätte, weil seine Tochter gestern Nacht plötzlich krank geworden sei. Wir erfuhren auch, dass die Tochter Meryem hieß. Mein Dolmetscher erklärte mir, dass Meryem die türkische Form von Maria sei und machte auch einen Witz, den er offensichtlich für einen göttlichen hielt: "Die Maria von Sankt Nikolaus!" Wie Ihr Euch vielleicht schon jetzt denken könnt, ging ich in das kleine Staatskrankenhaus von Demre, denn ich war schon ein Teil dieser Geschichte, und selbst ich konnte das nicht mehr ändern. Ich sah dort den Wächter Mehmet verzweifelt auf einer Bank im Garten des Krankenhauses sitzen. Dieser Mann, der jetzt alte Jeans und eine Sportjacke trug, erschien mir heute jünger und harmloser, er passte nicht mehr in die Rolle des bösen Vaters, der am Vortag seine kleine Tochter misshandelt hatte. Irgendwann sah er mich und erinnerte sich. In Befürchtung, dass er mich angreifen könnte, nahm ich eine sichere Haltung ein und wartete. Mehmet näherte sich mir aber mit einem Lächeln im Gesicht, das Dankbarkeit ausdrückte, und schüttelte meine Hand. "Er bedankt sich, weil Sie seine Tochter besuchen gekommen sind", übersetzte mein Dolmetscher Mehmets Worte. Ich fühlte mich beschämt, ließ mir aber nichts anmerken. Das Kind hatte ganze Tage vor dem Standbild Noel Babas verbracht und sich dabei erkältet. Als es vorige Nacht Fieber bekam und zu phantasieren begann, hatte man es ins Krankenhaus eingeliefert. In Mehmet, der mich mit solcher Freude empfangen hatte, als ob ich ihm ein Wundermittel zur Genesung seines Kindes mitgebracht hätte, sah ich jetzt einen gütigen, liebevollen Vater, ohne genau zu wissen, welches Bild das wahre war. Dann begleitete er mich und meinen Dolmetscher in das Krankenhausgebäude, wo er uns der Ärztin und der Krankenschwester vorstellte. Die Ärztin sah mich, den "europäischen Touristen", der seinen Urlaub unterbrochen hatte und ins Krankenhaus gekommen war, um sich nach dem Gesundheitszustand eines Kindes zu erkundigen, das er zuvor ein einziges Mal in seinem Leben gesehen hatte, mit ungläubigen Augen an. Sie betrachtete mich mit einem bewundernden Blick, in dem man die Worte "Es gibt doch noch gute Menschen" lesen konnte, egal in welcher Sprache sie ausgesprochen worden wären. Ehrlich gesagt, war ich nur da, um zu erfahren, wonach mich das Kind am Vortag gefragt hatte. Allerdings war ich ohne mein Zutun an einem Punkt angelangt, an dem ich das nicht mehr hätte zugeben können, und dieser Umstand störte mich.

Glücklicherweise hielt dieser Zustand nicht lange an. Das Kind hatte eine schwere Lungenentzündung und durfte keine Besucher empfangen. Aus dem, was Mehmet später erzählte und mein Dolmetscher mir zusammenfassend übersetzte, folgerte ich, dass Mehmet, der mit seinem kümmerlichen Wächtergehalt seine fünf Kinder über die Runden zu bringen versuchte, bereits seit einiger Zeit Probleme mit seiner kleinen Tochter Meryem hatte. In den Augen des gläubigen Muslims Mehmet war es eine Sünde für jeden guten Muslim, an die Existenz des Heiligen Nikolaus, des ersten Popen der Museumskirche, die er um seines täglichen Brotes willen bewachen musste, zu glauben. Die vielen Ausländer, die in den letzten Jahren Häuser in Antalya gekauft und sich dort niedergelassen hatten und zur Weihnachtszeit als Noel Baba verkleidet Geschenke an die Kinder ihrer Gemeinde verteilten, um sie glücklich zu machen, hätten die kleine, ohnehin zur Phantasterei neigende Meryem gänzlich vom rechten Wege abgebracht.

"So oft ich ihr auch erzählt habe, dass es in unserer Religion keinen Noel Baba oder ähnliches gibt, sie versteht es nicht, sie ist eben ein Kind. Ich musste zusehen, wie traurig sie deshalb war, in dem Maße traurig, dass sie aufhörte zu essen und zu trinken. Als ich einsah, dass es so nicht weitergehen konnte, habe ich ihr zusammen mit ihrer Mutter eine Plastikpuppe zu unserem Ramadanfest geschenkt, die wir uns vom Mund abgespart hatten. Sie nahm die Puppe nicht einmal in die Hand, es sollte unbedingt ein Geschenk vom Noel Baba sein. Sie weinte ständig und fragte "Papa, warum hat Noel Baba mich nicht lieb?" Wir erklärten ihr, dass Noel Baba kein Heiliger der muslimischen Kinder ist, aber es half nicht, sie versteht es eben nicht. Gerade dachte ich über die Auswüchse religiösen Übereifers nach, da fuhr Mehmet fort: "Mein Herr, wenn Ihre Kinder an Hidrellez, unserem Frühjahrsfest, zu Ehren des Propheten Elias über ein Feuer springen wollen würden, was würden Sie tun?" Ich wusste keine Antwort, ich schwieg.

Nach diesem Vorfall besuchte mich der Wächter Mehmet in meinem Hotel, solange ich noch in Antalya blieb. Nach Dienstschluss fuhr er von Demre aus mit einem Minibus die 140 Kilometer lange Strecke bis nach Antalya, kam ins Hotel, wartete in der Lobby auf mich und unterrichtete mich mit Hilfe eines Hotelangestellten über Meryems Gesundheitszustand. Es gab keine Verbesserung. Vorerst nahm ich diese Besuche hin und erlaubte ihm, dieses Spiel fortzuführen. Am Vorabend des Tages jedoch, an dem ich in meine kalte und dunkle Stadt, in meine einsame und stille Wohnung zurückkehren würde, platzte mir der Kragen und ich sagte ihm, dass ich kein reicher Mann sei und er keine finanzielle Hilfe von mir erwarten dürfe. Als Mehmet das hörte, war er erschüttert, als ob er von mir eine Ohrfeige verpasst bekommen hätte, er sank in sich zusammen, er wurde noch kleiner. Er war durch meine Worte so gekränkt, dass er beinahe weinte. Als ich ihn so sah, schämte ich mich und verstand, dass er keine finanzielle Hilfe von mir erwartet hatte. Aber, was wollte er sonst von mir? Über empfindliche Themen wie Liebe, Schmerz, Trauer und Geld sprechen die Türken anscheinend ungern offen mit anderen. Womöglich liegt hier der Grund für ihr Getöse, wenn sie sich amüsieren oder es um Heldentaten geht.

"Mein Herr, Allah möge es Dir lohnen, Du hast Dich um meine Tochter gesorgt, Du hast uns geholfen über unseren Kummer hinwegzukommen. Tatsächlich will ich etwas von Dir, ich schwöre aber bei Allah und dem Koran, dass dies nichts mit Geld zu tun hat! Bitte mein Herr, erzähle meiner verwirrten Tochter Meryem doch, dass Du nicht Noel Baba bist, bevor Du weggehst! Bitte mein Herr, ich bin von Deiner Gnade abhängig!" Jetzt war es an mir, zu staunen. Für mich, der ich in ein Land ohne Weihnachten geflüchtet war, wäre es das letzte, Noel Baba zu sein. Dabei war ich offensichtlich schon längst Noel Baba geworden! Verstimmt fragte ich Mehmet, was das für ein Quatsch sei. Mehmet seufzte entmutigt: "Schaust Du nie in den Spiegel, mein Herr? Auf Deinem Kopf eine Mütze wie die von Noel Baba, Dein Bart genau wie seiner, erschienst Du meiner phantasierenden Tochter als ein Ebenbild unserer Statue in Demre. Bei Allah fürwahr, würde meine sture Tochter nunmehr nicht daran glauben, dass es Noel Baba nicht gibt, selbst wenn sie wüsste, sie würde daran sterben!" Ich hielt inne. "Nicht doch!", sagte ich. Aber die Statue stellte in der Tat einen Menschen dar, der mit seinem hoch gewachsenen und stämmigen Körper so viel Ähnlichkeit mit mir hatte, dass man uns durchaus für Brüder hätte halten können. Vor allem mit meinem teilweise ergrauten Bart nach einigen Tagen ohne Rasur und meiner Kapuze, mit der ich meine nassen Haare nach dem Baden bedeckt hatte. Ja, es hätte sein können, ich hätte der kleinen Meryem so geschienen haben können wie Sankt Nikolaus von Demre höchstpersönlich.

Es war der Silvesterabend, und die Lobby und das Restaurant meines Hotels waren weihnachtlich geschmückt, so wie die Türken seit 80 Jahren Silvester zu feiern pflegen. Überall hingen Girlanden und Laternen, in der Hotellobby hatte man sogar einen riesigen Weihnachtsbaum aufgestellt. Wenn auch mit einer kalendarischen Verschiebung von sieben Tagen, gab es offensichtlich keinen Ort auf der ganzen Welt mehr, an dem man sich dem Weihnachtswahnsinn entziehen konnte! Ärgerlich waren meine Augen an dem festlichen Schmuck hängen geblieben, als Mehmet mit zorniger Stimme sagte: "Ach, mein Herr, was der allmächtige Allah alles fügt! Dieses Jahr fallen Silvester und das Opferfest auf denselben Tag. Nun werden sündige Türken ohne Vernunft hier wie die Giaurs sich bis zum Morgen betrinken, tanzen, sich sozusagen amüsieren und morgen früh zum Festtagsgebet in die Moschee gehen. Allah möge verzeihen!" Meine verwirrte Frage, ob morgen ein muslimischer Feiertag sei, bejahten Mehmet und der Hotelangestellte, durch Kopfnicken. "Wunderbar!", sagte ich kühl. Mehmet dürfte nicht so konservativ sein, dass er einem Noel Baba verbieten würde, seiner kranken Tochter an einem muslimischen Feiertag Geschenke zu bringen. Abgesehen davon war ich auch nicht dafür verantwortlich, dass die von Türken mit Silvester assoziierte weihnachtsähnliche Feier und das muslimische Opferfest dieses Jahr auf denselben Tag fielen.

Vier Stunden vor meinem Abflug war ich mit meinen Geschenken, einer Schachtel Schokolade und meiner teuren, wasserdichten Armbanduhr, in dem Krankenhaus, in dem Meryem lag. Die Ärztin, die mich wieder erkannte, erklärte mir in schlechtem Englisch, dass Meryems Gesundheitszustand nach wie vor ernst sei und sie in ein besser ausgestattetes Krankenhaus in Ankara verlegt werde. Ich muss gestehen, dass es mich traurig stimmte, dass das einzige Kind auf der Welt, welches mich für den Noel Baba hielt, in Lebensgefahr war. Als man mir erlaubte, den Kopf durch ihre Zimmertür zu stecken, sah ich sie, noch kleiner geworden, wie bewusstlos in ihrem Bett schlafen. Ich zog mir meine Kapuze tief ins Gesicht, welches ich ihretwegen nicht rasiert hatte und rief ihr von der Tür aus meinen Satz, an dem ich die ganze Nacht geübt hatte, zu: "Meryem, merhaba Meryem! Noel Baba Bayrami bugün!" Sie bewegte sich nicht. Ich wartete etwas, ich wiederholte den Satz, keinerlei Regung. Ich war gerade dabei, die Tür zu schließen, da öffnete sie ihre Augen, schaute mich an und lächelte. Ich hätte nie geglaubt, dass ich durch das Lächeln eines mir vollkommen unbekannten Mädchens glücklich werden könnte. Aber ich wurde, ich wurde es einfach!

Als mein Flugzeug abhob und ich merkte, dass ich Antalya fast mit romantischen Gefühlen aus dem Fenster betrachtete wie es immer kleiner wurde, verstand ich, dass das an meinem Gesicht dümmlich hängen gebliebene Lächeln Meryems Lächeln war, und auch dass ich nach Antalya zurückkehren würde. Wenn Meryem um ihr Leben kämpfen und diesen Kampf auch gewinnen würde, könnte ich sie ja im nächsten Jahr zu Weihnachten in Demre wieder besuchen. Ich holte den Zettel hervor, auf den Mehmet seine Telefonnummer geschrieben hatte, dann steckte ich ihn sorgfältig, als ob Meryems Lächeln darauf wäre, wieder in meine Tasche. Wieder.

Aus dem Türkischen übersetzt von Tarik Seden

Buket Uzuner, geboren 1955, ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Türkei. Sie lebt in Istanbul. Soeben erschien von ihr der Roman Istanbullites.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare