Nordseesand, trocken

Alltag Wie Blinde im Alltag sehen

Wenn ich in öffentlichen Gärten dicht an Blumen herantrete und sage: "Wie schön. Fleißige Lieschen. Lila", bin ich Äußerungen des Erstaunens schon gewohnt. Wer mit dem Blindenstock geht, hat in den Augen der anderen nicht zu sehen, sondern zu tasten, zu fühlen und eine feine Nase entwickelt zu haben. Blinde hören besser. Blinde sind sensibel. Ob ich einen Tag in meinem Leben beschreiben könne, fragte mich jemand, weil Blinde sicher anders wahrnähmen, intensiver, detaillreicher. Um die Enttäuschung vorweg zu nehmen: Ich höre und fühle nicht besser als andere, auch wenn wir Sehbehinderten diesen Mythos selbst gerne aufrechterhalten. Die meisten, die mit dem Stock tasten, verfügen, wie ich, über einen Rest Sehvermögen. Wir sehen. Und um das Fehlende zu ergänzen, konzentrieren wir uns stärker als andere auf die Wahrnehumg der übrigen Sinne.

Es ist elf Uhr. Ein sonniger Tag. Ich öffne ein Fenster und höre meine Nachbarin Bettina rufen, die offenbar selbst gerade aus dem Fenster sieht. Ob sie auf einen Kaffee auf meinen Balkon kommen mag, frage ich sie. "Klar." Wenig später summt die Türglocke. Ich öffne.

Auf dem Küchenregal taste ich nach der Kaffeedose, die rund ist, im Gegensatz zur viereckigen Teedose. Ich fülle einen Kaffeelöffel und streiche das Pulver, das über den Rand steht, mit dem Finger ab, dann einen weiteren, bis vier gestrichene Löffel in die Kanne geschüttet sind. Der Wasserkocher hat aufgehört zu sprudeln, ich höre das Klicken der Einschalttaste, die in ihre Ausgangsposition zurückspringt. Mit den Fingerspitzen der linken Hand berühre ich den Glasrand der Kanne und fülle mit der rechten das Wasser ein. Die glänzende Oberfläche des Wasserspiegels nähert sich den Fingerspitzen, der Glasrand wird wärmer. Genug.

Bettina hat inzwischen auf dem Balkon Platz genommen. Ich sitze ihr dicht gegenüber, beuge mich noch weiter zu ihr hin und frage: "Seit wann trägst Du eine Brille?" Wir kennen uns seit Jahren, und mir ist nie aufgefallen, dass sie fehlsichtig ist. Um ihre Augen glänzt es. Jetzt, da ihr Gesicht von der Sonne beschienen wird, ist es eindeutig zu sehen. "Brille, wie kommst Du darauf?", entgegnet Bettina. "Es spiegelt und glänzt um deine Augen." "Dann hab ich meine Augencreme zu dick aufgetragen", sagt sie. Okay, das passiert manchmal. Nicht immer führen ergänzte Wahrnehmungen zu richtigen Deutungen. Erinnerte Bilder überlappen sich mit dem, was ich erkennen kann, und so entstehen Vorstellungen. So werden Forsythienbüsche zu Postautos und umgekehrt. Gelegentlich deuten aber auch die Sehenden ihre Eindrücke falsch. Sie bemerken meinen Stock und fragen, ob es sich um eine Angelrute, einen Ski- oder Billiardstock handele. Oder gar, am schönsten, ob ich damit Gold suche.

Nachdem sich Bettina verabschiedet hat, möchte ich in die Stadt, einen Pullover kaufen. Tasche genommen, nach Portemonnaie und Schlüssel gefühlt, der Blindenstock steht wie immer in der Ecke neben der Wohnungstür. Der Weg in die Stadt ist mir so vertraut, dass er nicht allzu viel Konzentration erfordert. Zunächst geht es rechts die Sackgasse hinunter. Wie meist ist der Gehweg von Autos und querstehenden Fahrrädern blockiert. Deshalb weiche ich zum Gehen auf die Straße aus, die kaum befahren wird. Ein Fahrrad nähert sich mit summenden Speichen, das Summen stoppt. "Wissen Sie, dass Sie mitten auf der Fahrbahn laufen?", fragt jemand. "Ja, und wissen Sie, dass auf dem Fußgängerweg lauter Fahrräder stehen?" Auch das ist oft der Fall, dass jemand helfen möchte. Und seltener ist es notwendig als gemeinhin angenommen.

Die Sackgasse mündet in einen kleinen Weg zwischen einem Spielplatz und Schrebergärten. Es wird heller, als er auf eine Straße führt. Das Aufschlagen des Stocks im gleichmäßigen Takt links, rechts, links, rechts, immer schrittversetzt, verursacht einen härteren, helleren Klang. Dann klingt es dumpfer, rechts wirft eine Häuserzeile einen Widerhall zurück. Später rauscht links der Verkehr. So geht es weiter bis in die Innenstadt, nur gelegentlich von einer Querstraße oder Einfahrt unterbrochen. Die Schaufensterrahmen eines Supermarkts leuchten grün, ich erhöhe die Aufmerksamkeit, meist stehen hier Fahrräder im Weg.

Die Fußgängerzone ist gut besucht, ein Gewimmel von Menschen mit eiligen Schritten, deren Umrisse dicht vor mir vorbeihuschen, die manchmal erschrocken zur Seite springen, weil sie den Stock in der dichten Menschenmenge erst spät bemerkt haben. Manchmal stoppt ganz knapp vor mir ein Kinderwagen. Die Mutter und ich entschuldigen uns gleichzeitig. Beide sind wir es gewohnt, dass man uns ausweicht. Ich schlage lauter mit dem Stock auf den Asphalt, um die Passanten früher vor mir warnen, überquere eine gepflasterte Straße und verlangsame den Schritt. Um die Boutique nicht zu verpassen, halte ich mich dicht an der Häuserzeile, bis der Stock an die bekannte Stufe vor dem Eingang schlägt. Ich betrete das Geschäft, eine Verkäuferin fragt, ob sie helfen kann. Ja, gern. Einen Pulli suche ich, eng geschnitten, schwarz, braun oder beige. Die Verkäuferin bedient mich nicht zum ersten Mal, sie entfernt sich, kommt kurz darauf zurück und hält mir einen Pullover dicht vor die Augen. Ich fasse ihn an: Baumwolle, gerippt, schmale Ärmel, Rollkragen. Gut. "Beige, oder?", frage ich. "Was für ein Beige?" Die Verkäuferin schweigt, so schnell weiß sie keine Antwort. "Kiesel, Karamel, Leinensack, Honig?", hake ich nach. Sie grinst, glaube ich. Und nach einer Weile sagt sie: "Wie Nordseesand, trocken." Na also, geht doch.

Als meine Augen schlechter wurden, war eine meiner größten Ängste, dass ich die Farben vergessen würde. Also prägte ich sie mir ein: gelb, rot, blau, grün. Lila. Was für ein Lila? Aubergine, Milka, Alpia, Lind. Manche Dinge sah ich immer wieder an, fotografierte sie innerlich und speicherte sie im Gedächtnis ab, so dass sie jederzeit abrufbar sind.

"Es ist 15 Uhr und 45 Minuten", gibt meine sprechende Uhr mit abgehackter, metallischer Stimme auf Knopfdruck wieder. Ich will noch eine Vorlesung hören und muss mich beeilen. Die Studenten, die sich auf der Eingangstreppe zum Vorlesungssaal tummeln, treten beiseite, so dass ich meine Hand aufs Geländer legen kann. Jemand hält mir die Tür auf. Im Saal ist es dämmrig, nur die Fenster und die Umrisse der Sitzreihen sind zu erkennen. Ich setzte mich nach vorn, höre ab und an die Tür klappen, bewegte Schatten durchqueren den Saal. Ein fahler Raum umgibt mich, sonst nichts. Früher hat mir diese Leere, die mich umgibt, Unbehagen verschafft. Ein Gefühl von Entfremdung von der Welt. Inzwischen kommt sie mir gelegen, wenn Mühen hinter mir liegen wie ein Weg durch die Stadt. Leere kann auch Ruhe bedeuten. Wie in der Sonne liegen und an nichts denken müssen.

Die Vorlesung beginnt, ich krame Block, Kugelschreiber und Lupenbrille hervor. Mit ihr auf der Nase muss ich mich dicht über das Blatt beugen, um entziffern zu können, was ich selbst schreibe. Irgendwann lege ich den Stift beiseite und folge nur noch den Worten. Der Professor stellt eine Frage, ich hebe die Hand und höre ein "Ja, bitte". Bin ich gemeint? Oder hat sich außer mir jemand gemeldet? Da mir der Blickkontakt fehlt, bin ich nicht sicher und warte einen Moment. Als niemand spricht, spreche ich. Offensichtlich war ich gemeint. Jedenfalls reagiert niemand irritiert, oder ich merke es nicht.

Nach der Vorlesung mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof, um vor dem Eingangsportal auf meinen Freund zu warten, der mit dem Zug ankommt. Als jemand ganz selbstverständlich meine Hand ergreift und mich ein wenig beiseite zieht, aus der Bahn der herein- und herausströmenden Menschen, weiß ich, dass er es ist. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg nach Hause. Sehr leicht ist das Gehen an der Hand. Gleichgültig, wo der Verkehr rauscht, wo Schatten plötzlich auftauchen und verschwinden. Den Stock halte ich noch in der Hand, doch er zeigt in die Luft und berührt den Boden nicht. "Du siehst angestrengt aus", sagt mein Freund. "Ja?", entgegne ich. "Wie war dein Tag?", fragt er. Ich sage: "Wie immer."

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