Nostalgie in Moskau

Eine Filmlandschaft in begehbaren Ruinen Eindrücke von einer Moskauer Filmschau mit Filmen aus den Ländern der GUS und des Baltikums

Anders als heute viele glauben wollen, wurde das Ende der Sowjetunion nicht von ihrer Bevölkerung herbeigeführt, geschweige denn herbeigesehnt - mit großer Mehrheit hat sie sich noch 1991 bei einer Volksbefragung für den Erhalt der Sowjetunion ausgesprochen. Dieses inzwischen vergessene Abstimmungsergebnis mag nicht zuletzt in der Ahnung zustande gekommen sein, dass der Zugewinn an politischer Autonomie mit Verlusten auf anderen Gebieten einher gehen würde. Vor allem den "Kunstschaffenden" war bewusst, dass mit der politischen Teilung auch ein kultureller Zusammenhang aufgelöst wurde. Dass dieser nicht immer ein Moskau-dominierter Zwangszusammenhang war, das lässt sich besonders gut am Kino ablesen.

Das sowjetische Kino war weit mehr als seine - nationalen - Einzelteile. Nicht nur, dass es einen bevölkerungsreichen Markt belieferte, auf dem reale Gewinne gemacht wurden (für die Staatskasse), das unionsweite Netz aus Film-Schulen und -Studios bildete eine in der Welt einmalige Produktionsstruktur: Kulturelle Diversität und verschiedenste Traditionslinien konnten sich hier sowohl getrennt entwickeln als auch zusammenkommen. Die "kleinen" Kinematografien waren einem breiten Publikum präsent; das "große" populäre Kino profitierte vom lokalen Talentnachwuchs.

Der Niedergang kam so schnell und gründlich, dass kaum Zeit blieb, ihn zu betrauern, geschweige denn aufzuhalten. Die Kinobesucherzahlen gingen auf dem gesamten Gebiet der ehemaligen Sowjetunion in den neunziger Jahren so weit zurück, dass die Mehrheit der Säle geschlossen wurde. Außerhalb der Großstädte gibt es kaum mehr Kinotheater, und wo es sie noch oder - mit neuester technischer Ausstattung - wieder gibt, läuft mit Sicherheit ein Film aus Holly- oder Bollywood, je nachdem, auf welcher Seite des Urals man sich befindet.

Seit ein paar Jahren versucht die Nachfolgeorganisation der einst so mächtigen "Union der Filmschaffenden" das interkulturelle Erbe mit einem jährlichen Festival, dem sogenannten Forum zu pflegen. Da man sich in einem langgedehnten Rechtstreit um Immobilien und anderes mit der russischen "Union" befindet (eine wahre postsowjetische Farce), wird dieses Forum nicht mehr als Teil des Internationalen Moskauer Filmfestivals durchgeführt, sondern findet zeitlich vorgezogen in betont bescheidenem Rahmen statt, als freundschaftliches Treffen mit Workshopcharakter.

Wo die Moskauer mit üppigen Empfängen ihrem Festival etwas vom Glanz (und eventuell der internationalen Geltung) früherer Zeiten zu verleihen versuchen, setzt man beim Forum trotzig auf die Treue einer verschworenen Gemeinde. Nur auf der Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung wird ein größeres Publikum zugelassen. Bei der Sichtung der ausgewählten Filme bleibt man lieber unter sich. Eine Entscheidung, die die sowjetnostalgische Melancholie der Veranstaltung noch verstärkt. So schön es für die wenigen Anwesenden sein mag, die aktuelle Filmproduktion aus den GUS-Ländern persönlich und direkt von alten Meistern und neuen Talenten präsentiert zu bekommen, so traurig stimmt doch die völlige Abwesenheit eines "normalen" Publikums.

Selten entstehen gegenwärtig in einem der postsowjetischen Staaten mehr als drei Filme pro Jahr. Das Forum stellt Kurz- und Langfilme, Dokumentar-, Spiel- und Animationsfilme vor. Es gibt keinen Wettbewerb, man versteht sich als reine Informationsschau. Die Basis, auf der Trends erkannt werden könnten, ist daher gering und jeder Film im Grunde ein Einzelfall.

Wie zum Beispiel der aserbaidschanische Film Koldun (Der Zauberer), der die letztlich unrühmliche Geschichte des Einfalls der Bolschewiki in ein aserbaidschanisches Dorf Anfang der zwanziger Jahre erzählt. Die Freude über die schönen Bilder und den epischen Atem, über die Leistung der Schauspieler und die gelungene atmosphärische Ausstattung - es hat lange keinen vergleichbar "teuren" Film aus dem Kaukasusland gegeben - lässt den geneigten Zuschauer fast vergessen, dass der Geschichtsrevisionismus, der hier betrieben wird, ein wenig zu mechanisch in die andere Richtung weist. Die Helden von früher, die Kommissare sind nun die Dämonen, die Antihelden von einst, die Traditionalisten, die wahren Helden ...

Eine andere Form der Traditionspflege war im ukrainischen Beitrag Mamaj zu besichtigen; auch das ein Historien-Film, angesiedelt in der Zeit, als die christlichen Slawen in der Steppe von Reitervölkern aus dem Osten drangsaliert wurden. Ganz ohne Dialoge, dafür in kraftvollen Bildern, die unmittelbar an die ukrainische "poetische" Schule von Ilienko und Paradzhanov anknüpfen, erzählt der junge Regisseur Oles Sanin von der Liebe eines Christen zu einer Tatarin. Der bewusste Rückgriff auf "archaische" Bildsprache, verbunden mit einer mitreißend dynamischen Kamera - es gibt viele Reiterszenen - schafft auch hier einen optischen Reichtum, der die ideologischen Implikationen in den Hintergrund drängt.

Vor allem das kasachische Kino hatte im postsowjetischen Jahrzehnt internationale Aufmerksamkeit erregen können. Die "neue kasachische Welle" scheint inzwischen verebbt, dafür kündigt sich eine usbekische an. Der Verweis auf die "Nouvelle Vague" hat nur bedingt etwas mit einer ästhetisch-programmatischen Grundhaltung zu tun: Es handelt sich um "kleine" Filme, denen man ihr niedriges Budget zwar ansieht, die sich aber die erzählerische Phantasie nicht von der Knappheit der Mittel beschränken lassen wollen.

Das beste Beispiel dafür lieferte der usbekische Film Jungs im Himmel. In seiner Heimat ein veritabler Publikumserfolg, erzählt er eine Geschichte, die alles andere als neu ist: vier pubertierende Jungs verlieben sich in ihre neue Klassenkameradin. Aber gerade weil man das Genre so gut kennt, erfreut man sich an den authentischen Nuancen, die Sulfikar Musakov seinen Laiendarstellern abgewinnt. Unspektakulär und witzig, selbstironisch und doch berührend, ist Jungs im Himmel ein Film, der in der Gegenwart spielt und gleichzeitig an die besten Traditionen des sowjetischen Kinos anknüpft.

Denn das eigentliche Ereignis des diesjährigen Forums war die Entdeckung eines längst verstorbenen Altmeisters des sowjetischen Kinos, Julij Rajzman. Kuratorin Neya Zorkaya begründete bereits vor zwei Jahren mit Boris Barnet die Forumstradition, Regisseure zu ehren, die in verschiedenen Sowjetrepubliken gearbeitet haben. Rajzman drehte allerdings nicht nur in verschiedenen Republiken, sondern auch verschiedenen Epochen: von den zwanziger Jahren bis Mitte der achtziger. In die im Westen verfassten Bücher zur sowjetischen Filmkunst lässt sich Rajzman kaum einordnen. Seine Form des Realismus scheint an der Oberfläche vollkommen unscheinbar und deshalb ideologisch so "unauffällig", dass man ihn der gängigen Dichotomie von pro- und antisowjetisch nicht zuordnen kann: Es gibt keine Massenszenen, keinen Montageexzess, dafür ein feinsinniges cineastisches Interesse an den weniger glamourösen Schauspielern und weniger epochemachenden Geschichten. Das Ergebnis sind Filme, in denen die kleinen Gesten in den Bann schlagen, in denen jede Figur, egal ob positiver Held oder nicht, durch die Fülle von Nuancen und psychischer Beweglichkeit existenzielle Spannung erzeugt. So drehen sich historisch die Perspektiven: Gerade die "kleinen", unverstiegenen Filme Rajzmans stehen heute für die einstige "Größe" des sowjetischen Kinos.

00:00 27.06.2003

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