Nostalgie und Hoffnung

CHRONIK EINES ANGEKÜNDIGTEN KOLLAPSES Mit der Ersatzreligion des Melodramas hat Argentinien jahrzehntelang seine Demokratie-Defizite überspielt

Wahrscheinlich liegt Argentinien weit weg. Wo, wenn nicht in einem Vorort von Buenos Aires sollte sich jemand wie Eichmann über Jahre erfolgreich verstecken? Wo, wenn nicht in einem eleganten Viertel von Buenos Aires, das allen Schnickschnack der postmodernen Spaßgesellschaft bietet, konnte sich die Wohnung befinden in dem der clevere Entführer von Reemtsma seine Millionen Lösegeld genoss? Argentinien ist in dem Zeitraum zwischen Eichmanns Flucht und dem außergewöhnlichen Leben des Reemtsma-Entführers dasselbe Agrarland geblieben, Exporteur von Weizen und Fleisch und Konsument guter nationaler Weine. Das gilt bis heute. Nur dass argentinische Exportprodukte durch die protektionistische Marktpolitik der USA und der europäischen Gemeinschaft schwer abzusetzen sind und Argentinier heute, anstelle von 90 Litern Wein pro Jahr (pro Kopf) nur noch 30 Liter trinken.

Auch für die deutsche Presse liegt Argentinien weit weg. Über die einwöchigen Plünderungen in argentinischen Provinzstädten von der Größe Dortmunds, Halles und Mainz wurde nicht berichtet. Das änderte sich erst, als die ersten Bilder von Massenprotesten aus Buenos Aires im TV liefen. Versuche, die argentinische Krise, deren Ausmaß und Tragik sich in Formeln wie "Argentinien auf dem Nullpunkt", "Argentinien versinkt in Anarchie" ausdrücken, als Folge der vierjährigen Regierung Fernando de la Ruas zu erklären, greifen zu kurz. Den Kollaps von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft als Resultat neoliberaler Politik seit 1989 unter dem Peronisten Menem zu betrachten, ist auch verkürzt. Entscheidend ist, weiter zurückzugehen und die krisengeschüttelten achtziger Jahre einzubeziehen. Jenes für lateinamerikanische Länder "verlorene Jahrzehnt" machte alle Erwartungen an eine vollständige Redemokratisierung zunichte. Die blutige Politik der Militärregierung der siebziger Jahre, die Phänomene wie die "Kultur des Verschwindens" hervorbrachte, die Folterung von tausenden illegalen Gefangenen, die hinterher spurlos verschwanden, deren Leichen teilweise von Sondereinheiten über dem Ozean "verklappt" wurden, gehört ebenso dazu wie das nationale Trauma des verlorenen Falklandkrieges. Und früher? In den vierziger Jahren war Argentinien eines der reichsten Länder der Welt. So reich, dass es den kriegsgebeutelten, bankrotten Ländern Europas argentinisches Kapital, ja cash, harte Devisen anbot.

Das Melodrama dient in den Massenmedien und im öffentlichen Leben halbsäkularisierter Gesellschaften wie Argentinien als Ersatzreligion. In den vierziger Jahren verkörpert eine halbseidene Schauspielerin in einer Radioserie alle Heldinnen der europäischen Geschichte von Jean D´Arc bis zu Elisabeth I. An der Seite von General Juan Domingo Perón wird sie bald mithilfe des Radios zur Nationalheldin, zur Mutter der Armen Argentiniens und zur Verkörperung der Nation des "peronistischen Argentinien". Ein neuer Katechismus wird verfasst: die offizielle "Autobiographie" Evitas - Geschichte meines Lebens wird noch zu Lebzeiten Evitas Pflichtlektüre in der Schule.

Der Tod Evita Peróns gerät zu einem öffentlichen Opfergang, den das Radio direkt überträgt. Sicher, die Tragödie Evitas schreibt sich fort in der argentinischen Geschichte, wiederholt sich als Komödie, doch was geschieht mit dem Melodrama? Als Diktator im Exil hat Perón wenige Gelegenheiten, Frauen kennen zu lernen. In einem Kabaret in Panama-Stadt lernt er Isabel kennen. An seiner Seite wird sie zu "Isabelita", der Reinkarnation "Evitas". Nach Peróns triumphaler Rückkehr nach Argentinien in den siebziger Jahren, seiner erneuten Präsidentschaft, nach seinem Tod, kann einzig "Isabelita" und niemand anderes zum Präsidenten von Argentinien werden. Zwischen der Evita des Musicals und Lady Di, der Königin der Herzen - beide sind Heldinnen des Melodramas - gibt es zweifellos eine direkte Verbindung. Gibt es sie auch zwischen Isabelita und Rodríguez Saá (dem einwöchigen peronistischen Interimspräsidenten), mit dem die argentinischen Politiker den Bund der Ehe eingingen - wohlgemerkt aus Mangel an anderen Braut-Kandidaten?

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lassen sich für Argentiniens politische Kultur zwei Konstanten nennen: Abstieg und Peronismus. Das politische Leben ist, wie die Gegenwart zeigt, vom Peronismus geprägt. Der neue peronistische Präsident ernennt seine Frau als Sozialministerin, seine Reden sind gespickt mit Peronismen. Duhalde verkündet: "Ich kenne nur eine Partei, das ist Argentinien." Obwohl der Peronismus Argentinien zweimal - 1955 und 1976 - in eine blutige Militärdiktatur geführt hat, wurde 1989 wieder ein Peronist Präsident. Obwohl Vetternwirtschaft, die Machenschaften der Perons schon damals öffentlich bekannt waren, wird die Fortsetzung dieser Praktiken unter Anhängern nicht als Widerspruch geahndet. Die peronistsche Partei ist äußerst heterogen: die politische Couleur reicht von deklarierten Faschisten bis zu Maoisten. Eine Besonderheit der politischen Kultur ist, dass die Gouverneure der Bundesstaaten sich in puncto Machtausübung und machistischem Gehabe mit Kriegsherren Chinas des 16. Jahrhunderts vergleichen lassen.

Das Paradoxe an Menems Präsidentschaft lag darin, dass er gewählt wurde, um nationale, populistische Politik zu praktizieren. Im Amt vollzog er eine Kehrtwendung um 180 Grad und führte "wilden Liberalismus" ein. Menem erfüllte, wie zuvor die Militärs, die Auflagen des Internationalen Währungsfonds und der USA ohne jegliche Verhandlungen und Vermittlungsversuche zwischen Staat und Wirtschaft einerseits und Politik und ziviler Gesellschaft andererseits. Hohe soziale Kosten - massive Verarmung, steigende Arbeitslosigkeit, Sinken der Löhne und Renten - wurden in Kauf genommen. Dieser neoliberale Schub hat noch mehr Facetten: die Postmodernisierung von Buenos Aires, die die 1942 geborene Sozialwissenschaftlerin Beatriz Sarlo, Literaturprofessorin an der Universität von Buenos Aires und eine von Lateinamerikas bekanntesten Kulturkritikerinnen, in den um sich greifenden shopping malls ausmacht.

Argentinische Intellektuelle widmen sich außergewöhnlichen Denkaufgaben. Während in Mexiko Diskurse über die Suche nach nationaler Identität dominierten, erstellte man in Argentinien Diagnosen über die "argentinische Krankheit": Nostalgie und Hoffnung. Sie variierten im Lauf der Zeit. In den sechziger und siebziger Jahren, als das Problem von Entwicklung und Unterentwicklung auf dem Programm stand, lautete die Frage etwa, warum Argentinien nicht Australien sei. Die Basis für den angestrebten Vergleich lag in der Produktion von Weizen und der Weite des Landes. Kopfzerbrechen bereitete später dann die Frage, warum Buenos Aires nicht Paris ist. Hatte doch die Stadtlandschaft von Buenos Aires mit ihren Flanieralleen ähnlichen Glanz und Glamour zu bieten wie die Champs Elysées. In den neunziger Jahren änderte sich die Fragestellung, sie wurde auch nicht länger von Intellektuellen formuliert, sondern von TV-Animateuren und Wirtschaftsgurus. Sie lautete: Wann begann Argentinien, vor die Hunde zu gehen?

Ein Blick auf Lebensweg und Existenz von namhaften Intellektuellen und Schriftstellern ist erschütternd und vernichtend. Jorge Luis Borges wurde von Michel Foucault, Jacques Derrida und Gilles Deleuze als der Protagonist postmoderner Theorie gefeiert. Schriftsteller wie Thomas Pynchon, Gabriel García Márquez und Umberto Eco sind Borges Schreiben zutiefst verpflichtet. Borges bewegte sich in Buenos Aires in extrem konservativen Kreisen, er begrüßte den Schneid argentinischer Generäle und ließ sich von Pinochet einen Orden verleihen. Fast blind, völlig isoliert fristete Borges, umgeben von seiner 90-jährigen Mutter und einem alten Dienstmädchen, sein Leben in einer kleinen Wohnung in Buenos Aires. Von Zeit zu Zeit gibt er blödsinnige Interviews. Diese absolut unwürdige Situation änderte sich erst, als eine junge Frau, Maria Kodama, Borges entführte, ihn außer Landes brachte und somit Borges vor Borges und einem vorzeitigen Tod rettete. Noch einsamer als Borges, aber in größerer Übereinstimmung mit seinem Land, kämpfte Julio Cortazar um sein Leben. An Aids erkrankt, was ein Tabu war, starb er nach offizieller Version bei einer Operation. Schweigen und Ausgrenzung bestimmen auch den Umgang der argentinischen Öffentlichkeit mit dem großen Schriftsteller Manuel Puig. Der Autor von Der Kuß der Spinnnenfrau starb 1990 an Aids im brasilianischen Exil. Bestürzt über den Zustand intellektuellen Lebens versuchte sich Osvaldo Soriano in versöhnlichen Erzähltönen. Er wünschte sich schreibend nicht mehr die Revolution herbei, sondern Rückkehr zur Demokratie. Sein letzter Roman endet allerdings wenig hoffnungsvoll im Labyrinth der Pampa.

Die Wahlergebnisse von 1999 zeigten in erster Linie den Wunsch nach Veränderung, die Abwahl des Peronismus. Der Versuch der Regierung Fernando de la Ruas, eine Politik der Integration, der Verhandlungen mit dem IWF und Vermittlung zwischen den verschiedenen Bereichen und Gruppierungen der argentinischen Gesellschaft zu praktizieren, ist hoffnungslos gescheitert.

Das Paradox des Unternehmens Argentinien besteht darin, den Sprung von einem Staat, der aus einer Mischung von protektionistischer und populistischer Politik bestand, in einen neoliberalen Staat gewagt zu haben, ohne dass dieser Staat dazwischen je die Stufe des Wohlfahrtsstaates erlebt hat. Das Durchziehen dieser Politik, deren Horizont das Abkommen von Washington bildet, bewirkte den Selbstmord des Projekts Argentinien. Auch ein populistisch-nationalistische Reden schwingender Peronist Duhalde wird über kurz oder lang auf die Forderungen des IWF eingehen müssen. Das schlimmste Gespenst, die Rückkehr der Inflation, ist schon auf den Plan getreten. Die traumatischen Erfahrungen der achtziger Jahre haben tiefe Spuren im Gedächtnis hinterlassen. Schon jetzt ist die Stimmung explosiv, auch bei der Mittelschicht, die Duhalde aus guten Gründen ablehnt. Die Abwertung des Peso um mehr als die Hälfte, dazu die astronomische Summe an Auslandsschulden (142 Milliarden US$) sind schließlich nicht nur abstrakte Größen. Die Auswirkungen auf das Alltagsleben sind gravierend, Schlangestehen an den Banken, beim Einkaufen, leere Regale im Supermarkt, soziale Unruhen, Ansteigen von Kriminalität und Gewalt. Argentinier wissen, dass Politikversprechen, Gesetze der Regierung zur Preiskontrolle selbst bei spektakulären Maßnahmen keinen, beziehungsweise kaum Erfolg haben. "Es ist wieder Dasselbe" kommentierte eine Demonstrantin. Leider hat sie nur halb Recht. Diesmal ist es schlimmer. Mit welchem Melodrama wird sich der Peronismus diesmal über die Runden retten?

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