Not am Mann

Kommentar Dem Osten laufen die Frauen weg

Wenn vor vielen, vielen Jahren die DDR nicht in einem überhitzten Verwaltungsakt der BRD angeschlossen worden wäre, müsste heute nicht in der ostdeutschen Fläche der sexuelle Notstand der Zwanzigjährigen ausgerufen werden. Die Deutsche Einheit ist reich an komischen Momenten. Sonst wäre sie ja gar nicht auszuhalten.

Wenn nicht vor vielen, vielen Jahren ..., dann gäbe es heute bestimmt andere Probleme. Aber den seltenen Vorgang, dass die Frauen sich auf die Strümpfe machen und ganze Landstriche fliehen - aus den abgehängten Distrikten des Ostens zu den Arbeitgebern in den Westen - hätte man dann nicht beobachten können. Er ist ein Phänomen innerhalb des großen Feldversuchs, dem die Ostdeutschen seit über anderthalb Jahrzehnten ausgesetzt sind, und das gerade ein Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung vermeldet hat.

Überliefert sind eklatante Fälle weiblichen Gruppenhandelns in sozialen Spannungszuständen. Da kommen die "Waffen einer Frau", wie das im Trivialroman heißt, zum Einsatz. Lysistrate - der allgemeine Liebesentzug bei den Alten Griechen, wenn die Kerle nicht den Krieg sein lassen, sich nicht waschen und ein paar nette Worte schuldig bleiben. Der Einbruch der Geburtenrate in Ostdeutschland in den Neunzigern wurde als "Gebärstreik" der Frauen beschrieben. Metaphorisch zutreffend, auch wenn es keine Verabredung gegeben hat: Die Verabredung lag im Austausch, in der Kommunikation über die beispiellose Verunsicherung, die Familien hinsichtlich ihrer Lebensbedingungen ergriffen hatte. Kinder machen die Leute eben doch nicht immer, anders als Adenauer glaubte. Vor allem dann nicht, wenn die Frauen ein Leben auf sich zukommen sehen, in dem Familie nicht weiterhilft, sondern beschwert.

Andererseits waren es nach der Wiedervereinigung die Frauen, die den Laden am Laufen hielten - und wegen ihrer im Vergleich zur westdeutschen Hausfrau "unnatürlichen Erwerbsneigung" von den Verwaltern der Arbeitslosigkeit für schlechte Zahlen verantwortlich gemacht wurden. Sie setzten sich auf die Züge, fuhren weite Strecken bis in ehemalige Zonenrandgebiete und tief ins Hinterland und verrichteten schlecht bezahlte manuelle Arbeit. Sie eroberten das Terrain, dann zogen die Gatten nach und gingen als ordentliche Facharbeiter im Westen "auf Montage".

All das spielte sich immer in Bezug auf Sippe und Familie ab. Wenn schon in den Westen, dann die gesamte Kleinfamilie, weil Vati einen Spezialistenjob gefunden hatte. Die jungen Frauen, die heute die ostdeutschen Verarmungsgebiete verlassen, haben sich ihre Geburtsorte fremd geguckt und alle Bindungen gekappt. Wenn sie ihrem Kirchturm den Rücken kehren, dann nicht mit der Absicht, jemals zurückzukehren. Die Familie - das sind die Hartz IV-Eltern in ihren hübsch angestrichenen Behausungen, außerdem die Clique, der Discounter, die Disco und die Tanke. Weder die Familie, noch Vereine, noch die Kirche halten sie. Vor allem wollen sie nicht ein Leben führen, wie es alle im Ort führen - von ein paar Angestellten und dem Tierarzt mal abgesehen. Kombilohn, Hartz IV, prekäre Arbeitsverhältnisse, Umschulung, Arbeitslosigkeit, Rente - wo sind da die Überraschungen? Etwas Besseres als die ewige Jagd nach Billigangeboten finden sie überall.

Aber warum gehen gerade die Frauen? Da wird in diesen Tagen viel gerätselt. Die einfache Antwort wäre: Sie sind im Westen billiger zu haben, als die jungen Männer (Männer verdienen mehr). Sie eignen sich besser zum Beziehen von Hotelbetten, zur Altenpflege und zur "Europasekretärin" mit fünf Fremdsprachen. Kann sein, dass die Jungs immer noch "was mit Autos" werden wollen oder Fliesenleger, während die Mädchen "was mit Design" oder "was beim Fernsehen" suchen. Die Mädchen erreichen in der Ostschule die höheren Abschlüsse und besseren Noten. Die Jungs sind gemeinsam mit ihren arbeitslosen Vätern aus der Gesellschaft aus- und manchmal irgendwelchen Kameradschaften beigetreten. Sie trinken furchtbare Sachen und davon zu viel. Die Mädchen schauen sie sich an und ahnen, dass Kerle, die jeden Ehrgeiz verloren haben, nicht die Väter ihrer Kinder sein sollten.

Natürlich wird es aufschlussreich sein, wie sich die zurückgelassene männliche Population verhält. Wird sie zu Dorftrotteln, zu Sonderlingen? In den Kleinstadtdiscos gibt es heute schon Rituale, zu denen man keine Mädchen mehr braucht. Und was die Politik anstellt! Tiefensee verspricht die mobile Buchausleihe auf dem Lande. Freitals Bürgermeister lockt junge Frauen, die aus dem Westen zuziehen, mit 2.000 Euro Schmerzensgeld und garantiert die Auswahl unter bis zu zehn ausgeruhten Söhnen ehemaliger kraftstrotzender, sozialistischer Stahlarbeiter.

Mathias Wedel ist Buchautor und Journalist.


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00:00 08.06.2007

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