Null Toleranz in halb Europa

Studie Auf dem europäischen Kontinent ist jeder Zweite feindlich gegenüber Einwanderern eingestellt und ebenso viele fühlen sich von Muslimen bedroht. Ein alarmierender Befund

Vorurteile gibt es überall, das ist ein Gemeinplatz. Aber irgendwie denkt man immer, das sind nur einzelne Verbohrte, die sie haben. Nein, es sind sehr oft Mehrheiten, überall in Europa. Nun wurde das erste Mal überhaupt die Verbreitung von Vorurteilen in Europa gegenüber Einwanderern, Juden, Muslimen, Schwarzen, Frauen und Homosexuellen untersucht. Das ist eine Besonderheit. Und sie ist entblößend und erschreckend. Demnach besitzt jeder zweite Europäer eine negative Einstellung gegenüber Immigranten und findet „Es gibt zu viele Einwanderer“. Fast jeder Dritte meint, es gäbe eine „natürliche Hierarchie zwischen schwarzen und weißen Menschen“. Und wiederum die Hälfte fühlen sich von Muslimen bedroht.

Ost- und Südeuropäer besonders intolerant

Die Wissenschaftler am Bielefelder Konfliktforschungsinstitut IKG, deren Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ bekannt und mit dem Namen Wilhelm Heitmeyer verknüpft ist, hat mit europäischen Partnerinstituten 8.000 Menschen in acht Ländern befragt: Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Portugal, Polen und Ungarn. Jeder vierte in diesen Ländern findet, dass “Juden zu viel Einfluss” in ihrem Land haben. Mehr als jeder zweite Europäer (54,4 Prozent) nimmt den Islam als “Religion der Intoleranz“ wahr. Und die deutliche Mehrheit der Menschen in Europa (60, 2 Prozent) befürwortet traditionelle Geschlechterrollen und würde sagen: „Frauen sollten ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen.“

Auch wenn die Abwertung von Minderheiten und Frauen überall in Europa zu finden sind, gibt es doch größere Vorbehalte in Ost- und Südeuropa. Die Rangliste der vorurteilsbehafteten Bevölkerung führen Polen und Ungarn an, während in Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden im Durchschnitt weniger abwertende Meinungen zu finden sind. In Portugal denkt fast jeder Zweite (45 Prozent), dass es eine natürliche Hierarchie zwischen schwarzen und weißen Völkern gibt, in Deutschland glaubt dies jeder Dritte (30,5 Prozent) und in Italien nur knapp jeder Fünfte (18,7 Prozent). Dafür liegen die Italiener zusammen mit Portugal, Polen und Ungarn bei Sexismus und Homophobie über dem europäischen Durchschnitt.

Ideologie der Ungleichwertigkeit

Die Einstellungen der Deutschen bewegen sich im europäischen Mittelfeld, sie sind etwas toleranter gegenüber Homosexuellen als das statistische Mittel. Doch in dem Land, das die Vernichtung der europäischen Juden erfand und durchführte stimmt im Jahr 2009 jeder zweite Deutsche (48,9 Prozent) der Aussage zu: „Juden versuchen heute Vorteile daraus zu ziehen, dass sie während der Nazi Zeit die Opfer gewesen sind.“ Erschreckende 72,2 Prozent glauben das in Polen und 68 Prozent in Ungarn.

Die Wissenschaftler vom IKG in Bielefeld unter der Leitung von Andreas Zick und Beate Küpper haben mit einem internationalen Team zusammen gearbeitet. Sie können zeigen, dass die Vorurteile miteinander zusammenhängen, sich gegenseitig verstärken und einen gemeinsamen Kern haben, eine Ideologie der Ungleichwertigkeit. Sie sprechen deshalb auch von einem Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, das man nun auch für Europa feststellen kann.

Andreas Zick kritisiert in diesem Zusammenhang die Debatten um Integration, wie sie hierzulande geführt werden, weil Integration auf der Basis von Vorurteilen diskutiert wird. Das führt dazu, dass die Erwartung überwiegt, Einwanderer dürften nur dann bleiben, wenn sie bereit sind, sich zu assimilieren. Beate Küppers sieht hier ein Muster: „Wir sagen nicht 'willkommen', sondern 'die müssen aber auch'.“ Meist seien Vorurteile gespeist von einem subjektiven Gefühl „ich habe weniger als andere“, das aber oft nicht den realen finanziellen Gegebenheiten entspricht. Und es gibt die Tendenz: je älter, desto mehr Vorurteile. Die Jungen, die Viva gucken, haben meist weniger Probleme mit anderen Kulturen.

Dass diese Studie unter anderen durch die Amadeu-Antonio-Stiftung finanziert wurde, die gegen rechtsextreme Gewalt arbeitet, hat den Wissenschaftlern die Anbindung an die Praxis gegeben. Entsprechend geben sie auch viele Hinweise, was zu tun sei, um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu verändern. So ist erwiesen, dass positive Kontakte mit Einwanderern helfen, Vorurteile ihnen gegenüber abzubauen, erklärt der britische Wissenschaftler Miles Hewstone. Selbst wenn der Freund oder die Freundin diese Kontakte pflege, wirke sich das schon positiv aus. Außerdem ist Bildung von größter Wichtigkeit, aber nicht irgendeine Bildung wie Mathematik und Chemie, betont Beate Küpper vom IKG, sondern Demokratiebildung, eine Bildung also, in der die Vielfältigkeit einer Gesellschaft und die politische Teilhabe aller schätzen gelernt wird.

17:00 14.11.2009
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