Rudolf Walther
07.02.2011 | 14:00 35

Nun empören sich die Ökonomen!

Kommentar Schluss mit den neoliberalen Glaubenssätzen. Ein neues Manifest aus Frankreich räumt mit falschen Gemeinplätzen über die Finanzmärkte auf

In Frankreich wird nicht nur über den Aufruf Empört Euch! von Stéphane Hessel debattiert, sondern auch über das Manifest bestürzter Ökonomen. Von den vier Autoren arbeiten Philippe Askenazy, André Orléan und Henri Sterdyniak in staatlichen Forschungsinstituten, Thomas Coutrot ist wissenschaftlicher Berater bei Attac-France. Sie wenden sich vehement dagegen, dass über die Krise und deren Ursachen in fast allen Medien geredet wird, als handele es sich um unbezweifelbare Tatbestände wie das Wetter. In der Wirtschaftspresse wie in den Talkshows lesen und hören sie nur die Litaneien „der neoliberalen Orthodoxie“. Bestürzt sind die Autoren, weil diese Denkschablonen unter der Flagge der Wissenschaft auftreten.

Das Manifeste d’économistes atterrés, wie es im Original heißt, wurde bisher von 700 an Universitäten tätigen Ökonomen und von über 100.000 Angehörigen anderer Berufsgruppen unterzeichnet. Die Autoren verstehen ihren Aufruf auch als eine Hommage an den eingreifenden Intellektuellen Pierre Bourdieu. Sie halten die Krise nicht für eine gewöhnliche Wirtschaftskrise, sondern für eine soziale Krise mit „ökologischen und globalen politischen Dimensionen“ und sehen darin Symptome eines historischen Bruchs. Das Manifest kritisiert ökonomisch falsche Gemeinplätze und skizziert konkrete Alternativen zu den neoliberalen Glaubenssätzen. Der erste falsche Gemeinplatz lautet: „Die Finanzmärkte sind effizient.“


Damit wird jedoch nur von der Schnelligkeit der wirtschaftlichen Datenübermittlung auf die Effizienz der Finanzmärkte bei der Mobilisierung von Kapital kurzgeschlossen, wofür belastbare Belege fehlen. Finanzmärkte erzeugen keine realistischen Preise. Die Konkurrenz zwingt hier nicht zur Anpassung der Preise. Wenn die Preise für Wertpapiere oder Derivate steigen, sinken Nachfrage und Preise danach nicht, sondern die Preisspirale dreht sich schneller und fördert die Bildung von Blasen, bis diese platzen. Als Gegenmaßnahmen empfehlen die Ökonomen unter anderem ein Spekulationsverbot auf eigene Rechnung für Banken, die Verringerung der Spekulation durch Kontrolle und Besteuerung der Finanztransaktionen sowie die Begrenzung von bestimmten Transaktionen mit Derivaten und Kreditausfallversicherungen. Über diese Maßnahmen wird zwar auch in Frankreich seit zwei Jahren viel, aber ergebnislos geredet.

Populär ist die Annahme, wonach die steigende Staatsverschuldung von den Sozialsystemen verursacht werde. Die Fakten: Bis 2007 betrug das Defizit der Staatshaushalte im EU-Durchschnitt 0,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). 2010 wuchs das Defizit auf durchschnittlich 7 Prozent und die Staatsverschuldung stieg von durchschnittlich 66 auf 84 Prozent des BIP. Die Schuld daran trägt nicht nur die Krise, sondern das, was das Manifest „die steuerliche Konterrevolution“ nennt.

In Frankreich wurden zwischen 2000 und 2010 Steuergeschenke im Gesamtbetrag von 100 Milliarden Euro verteilt. Fraglich ist, ob Steuerentlastungen automatisch mehr wirtschaftliches Wachstum bewirken. Dass sie soziale Ungleichheiten verschärfen, ist unbestreitbar. Das Manifest will keine nationalstaatlichen Allein­gänge, sondern eine koordinierte europäische Wirtschafts-, Finanz- und Steuer­politik, um das Wohlfahrtsgefälle innerhalb der EU zu beseitigen. Das ist eine kluge, wenn auch nicht ganz neue Konsequenz aus der Krise.

Rudolf Walther beobachtet unser Nachbarland für den Freitag seit vielen Jahren

Kommentare (35)

mh 07.02.2011 | 15:31

ich empöre mich, weil ich nach lesen des textes kaum eine ahnung habe was da drinnen steht und die englische version nicht verlinkt wird.

www.assoeconomiepolitique.org/spip.php?article205;=fr

PSEUDO “OBVIOUS FACT” # 1 : FINANCIAL MARKETS ARE EFFICIENT

PSEUDO “OBVIOUS FACT” # 2 : FINANCIAL MARKETS CONTRIBUTE TO ECONOMIC GROWTH

PSEUDO “OBVIOUS FACT” # 3 : MARKETS ASSESS CORRECTLY THE SOLVENCY OF STATES

PSEUDO “OBVIOUS FACT” # 4 : THE SOAR IN PUBLIC DEBTS RESULTS FROM EXCESSIVE SPENDING

PSEUDO “OBVIOUS FACT” # 5 : PUBLIC SPENDING MUST BE CUT IN ORDER TO REDUCE THE PUBLIC DEBT

PSEUDO “OBVIOUS FACT” # 6 : PUBLIC DEBT SHIFTS THE BURDEN OF OUR EXCESSES ON OUR GRANDCHILDREN

PSEUDO “OBVIOUS FACT” # 7 : WE MUST REASSURE FINANCIAL MARKETS IN ORDER TO FUND THE PUBLIC DEBT

PSEUDO “OBVIOUS FACT” # 8 : THE EUROPEAN UNION PROTECTS THE EUROPEAN SOCIAL MODEL

PSEUDO “OBVIOUS FACT” # 9 : THE EURO IS A SHIELD AGAINST THE CRISIS

PSEUDO “OBVIOUS FACT” # 10 : THE GREEK CRISIS WAS A SPRINGBOARD TOWARDS AN ECONOMIC GOVERNMENT OF EUROPE AND EFFECTIVE EUROPEAN SOLIDARITY

mfg
mh

konyhakert 07.02.2011 | 23:02

@ mh

ich stimme ihnen ausnahmsweise zu, weil sie in diesem falle einfach recht haben.

dies ist ein guter artikel, jedenfalls der anfang davon. er fängt gut an, macht neugierig und ... leider hört er dann unvermittelt irgendwie auf, ohne weiter zu informieren. man bleibt dann irgendwie ratlos zurück, mit dem impuls doch mal nachzugoogeln, denn ein link zum text des manifestes ist auch nicht dabei.

ebertus 08.02.2011 | 10:05

"Die Autoren verstehen ihren Aufruf auch als eine Hommage an den eingreifenden Intellektuellen Pierre Bourdieu."

Bourdieu zu lesen ist immer ein Gewinn, seine Analyse des neoliberalen Rollback, des Kahlschlages jeglicher kollektiven Solidarität war bereits zur Jahrtausendwende unter dem Eindruck der sozialistischen, der sozialdemokratischen Ägide in Frankreich und England absolut zutreffend. Vereinigungsbedingt verzögert wird diese Restauration einer neue Feudalgesellschaft seit Ende 1998 - und "wieder" unter sozialdemokratischer Führung - auch hierzulande (gnadenlos) exekutiert.

Ein bescheidener Hinweis daher auf Bourdieus "Gegenfeuer":

www.freitag.de/community/blogs/ebertus/neoliberalismus-eine-utopie-grenzenloser-ausbeutung-wird-realitaet

Btw. "Der kommende Aufstand" als Manifest und partiell ebenfalls in der Tradition von Bourdieu sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden. Die sieben Kreise der Hölle sind die wohl zutreffendste Beschreibung des postmodernen gesellschaftlichen Seins. Über die Konklusionen mag man sich dann in geteilter Meinung ergehen.

chrislow 08.02.2011 | 17:00

Ich hatte vor drei Jahren eine teile These aufgestellt....

Und zwar diese, dass der Kapitalismus und also die freie Marktwirtschaft mit der jederman-konkurenz.... nur dann Sinnvoll sei, wenn es gilt, einen Missstand schnell zu beseitigen.

Etwa nach verhehrenden Kriegen und daraufhin zerstörter Infrastruktur. Das Ziel wäre dann der Wiederaufbau.

...

Dieser ist aber nun schon seit ein paar Jahren abgehakt.

Tiefendenker 09.02.2011 | 12:51

"Guter Artikel"? Ich denke eher nicht...denn er bleibt wie sämtliche Kommentare (bisher) gedanklich auf der Ebene der Oberflächenbewegung des Geldes stehen.

Wenn lauter Ökonomen nichts weiter einfällt, als ein "Manifest gegen die orthodoxe Markt des Neoliberalismus" zu verfassen, was auch sofort von 100.000enden bereitwillig unterzeichnet wird, dann hinkt das nicht nur der Entwicklung zäh wie alter Kaugummi hinterher, sondern argumentiert im alt bekannten Muster des "strukturellen Antisemitismus". Nachtigall, ich hör dir trapsen... es ist doch ganz offensichtlich, dass das kapitalistische Gesamtsystem nicht mal ansatzweise in Frage gestellt, sondern verteidigt wird, denn System selbst kann natürlich nicht versagen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ideologische Schutzbehauptungen eben.

Die Ursachen der Krise werden konsequent ausgeblendet, und statt dessen das Phänomen der Geldexpansion auf den Finanzmärkten umgedeutet zur Krisenursache...eine typische Art der bürgerlich-ideologischen Krisenverarbeitung. Es sind die "bösen, zu gierigen" Bankmanager, die mal wieder herhalten müssen, weil die "Gleichgewichte" nicht gewährt wurden usw. usw. ...bla bla bla...immer die gleichen, halbgaren Erklärungsmuster. Das gute, "schaffende" Kapital gegen das "böse, raffende" Kapital. Und an den Kommentaren sieht man ja auch, dass das scheinbar immer noch bestens funktioniert.

Ich würde diesen Artikel ganz anders charakterisieren - als plumpe Manipulation der Gedanken der Leser. Siehe beste Beispiele von

@Exilant, dem nichts anderes einfällt, als die Schlussfolgerung, dass deutsche Ökonomen doch dem französischen Beispiel per Manifest folgen sollten und das Hoffen auf Änderungen beim DIW verlagert wird (also genau denen, die bislang den Kapitalismus stets ideologisch unterfüttert hatten) oder

@chrislow mit seine These, "...dass der Kapitalismus und also die freie Marktwirtschaft mit der jederman-konkurenz.... nur dann Sinnvoll sei, wenn es gilt, einen Missstand schnell zu beseitigen. Etwa nach verhehrenden Kriegen und daraufhin zerstörter Infrastruktur. Das Ziel wäre dann der Wiederaufbau." - also komplett ignorierend, dass der Kapitalismus aus seiner inneren Expansionslogik des Kapitals (ideologisch umgemünzt in die Märchen vom "Volk ohne Raum", "die Juden sind schuld an der Armut der Arbeiter und am Bolschewismus" usw.) diese Kriege und Zerstörung überhaupt erst bewirkt hatte. Historiker haben ausgerechnet, das der deutsche Kapitalismus soviel Geld allein in den II.Weltkrieg investiert hatte, dass die deutsche Bevölkerung hätte davon 200 Jahre leben können..nur mal einen einzigen Fakt zu benennen.

Davon abgesehen @Klaus Rohde gilt das "Theorem des komparativen Vorteils" nicht nur geschichtlich und empirisch längst als widerlegt, sondern auch theoretisch (vgl. "Das Weltkapital" von Robert Kurz; moderne Wertetheorie, www.exit-online.org). Die Diskussion im Artikel "Freie Marktwirtschaft und Ökologie" passiert auf eine Art und Weise und mit einem Hintergrund, der längst passe ist... Sie können sich gerne selbst davon überzeugen.

Es gab hier beim Freitag schon ganz andere Artikel, die sich intellektuell besser mit der Materie auseinandergesetzt haben. In Kommentaren hatte ich auch auf die geschichtliche Entwicklungsreihenfolge verwiesen und die Zusammenhänge transparent gemacht. Diese Entwicklungsreihenfolge blendet dieser Artikel hier leider komplett aus. E ist ein trauriger Beleg für die Ignoranz, die uns scheinbar überall umgibt.

James Cook 09.02.2011 | 14:18

Der Neoliberalismus führt uns wieder zum Ur-Kapitalismus, der wiederum die schwärzeste Stunde der Arbeitnehmerschaft in der Neuzeit darstellt. In fast jeder Familie stellen die Sozialabgaben den größten Haushaltsposten dar, dass ist auch völlig in Ordnung so. Viel problematischer wäre es, wenn man wie die USA die meisten Ausgaben in das Militär investiert. Länder wie England und die USA haben bereits heute einen uferlosen Neoliberalismus. Trotzdem dort kaum Geld für Sozialleistungen ausgegeben wird, sind beide Länder wesentlich stärker verschuldet als Deutschland mit der ehemals Sozialen Marktwirtschaft. Man muss keine Eins in Mathe gehabt haben um zu verstehen, dass nicht der Sozialstaat das Problem ist.

Emma in Uniform 09.02.2011 | 15:52

@tiefdenker

Mal abgesehen von dem zusammengestoppelten, naja wohl eher als Abriss zu den Entwickelungen gedachte Beitrag von Walther:
Der von Ihnen verlinkte Artikel ist gut, stützt aber mitnichten Ihre Aussage dort oben, die Nachtigall des strukturellen Antisemitismus trapsen hören zu können;
warum?
Weil der, zugegeben unglückliche Ausdruck"orthodox"
dranklebt? Wie kommen Sie in dem Zusammenhang den überhaupt auf strukturellen Antisemitismus?

Avatar
Ehemaliger Nutzer 09.02.2011 | 17:25

Der böse Wille einzelner Spekulanten anstatt der ganz normalen Zwecke, Notwendigkeiten und Folgen weltweiter kapitalistischer Markttotalität (und seiner „Krisenerscheinungen“), als Grund für das alljährlich zunehmende millionenfache Massensterben – dass wird ja von den national-ideologischen PR-Profis adäquater moralischer Weltbilder mittlerweile nun auch noch durch das immer schlimmere WETTER, WETTER, WETTER aufs innovativste ergänzt - zusammen mit dem anderen schicksalshaften Dauerbrenner „Überbevölkerung“.
Kann man auf den Seiten dieses fundamentalistischen Erweckungskanals nachlesen:

www.n-tv.de/wirtschaft/Nahrungspreise-werden-zum-Sprengsatz-article2559561.html

PS
überall und immer Antisemitismus wittern, wo der herrschende Gärtner, Teile seiner Böcke ausschließt (vorläufig nur moralisch und „verbal“), ist Unfug.

Tiefendenker 10.02.2011 | 12:56

@Emma in Uniform

ich kann gern versuchen das kurz zu umreißen. Im Ausgangsartikel heißt es beispielsweise:

"Der erste falsche Gemeinplatz lautet: „Die Finanzmärkte sind effizient.“"

Und was machen die franz. Ökonomen als Reaktion darauf? Dort heißt es:

"Als Gegenmaßnahmen empfehlen die Ökonomen unter anderem ein Spekulationsverbot auf eigene Rechnung für Banken, die Verringerung der Spekulation durch Kontrolle und Besteuerung der Finanztransaktionen sowie die Begrenzung von bestimmten Transaktionen mit Derivaten und Kreditausfallversicherungen."

Sie verstehen Kapital also nicht etwa als ein gesamtgesellschaftliches Verhältnis, welches Ausdruck der kapitalistischen Produktion von "Wert" und "Mehrwert" ist, - also das, was Kapitalismus im Kern ja eigentlich ausmacht und wovon sich die Krisenursachen ableiten lassen, - sondern die Herren Ökonomen unterteilen Kapital in gutes ("schaffendes" der "Realökonomie") und "schlechtes ("raffendes in der "Finanzwirtschaft"). Letztere müsse durch eine restriktive Regulation begrenzt werden, ersteres sei hingegen gewünscht.

Woher kennen wir dieses Muster???

Antwort: aus den 1920er und 1930er Jahren.

Dieses Erklärungsmuster des "schaffenden, deutschen Industriekapitals" einerseits und des "raffgierigen, jüdischen Weltkapitals" andererseits diente zur ideologischen Rechtfertigung der Ausdehnung des Machtbereiches gegen andere Länder sowie zur Rechtfertig, die vermeintlichen Verursacher, erkannt in "den Juden schlechthin".

Daraus würde ich logisch ableiten wollen, dass die französischen Ökonomen bis heute nichts begriffen haben. Sie ignorieren selbst die elementarsten Erkenntnisse aus der Geschichte und fallen bewusstseinsmäßig auf den Stand vor 90 Jahren zurück.

Unter fortschrittlichen Gedanken verstehe ich was anderes.

Die Dynamik von Inflation und Deflation im Artikel, auf den ich oben verwiesen hatte, ist genauso Ausdruck der inneren, krisenhaften Entwicklung der Mehrtwertproduktion, wie die hoffnungslose Geldexpansion Ausdruck der Entsubstanzialisierung des Kapitals an sich ist. Beides hat also etwas miteinander zu tun. (Das erschließt allerdings vielleicht erst so richtig, wenn man die "moderne Wertetheorie" kennt. da hab ich möglicherweise zu viel vorausgesetzt...)

@Phineas Freek
Es geht hier also nicht um Antisemitismus im engeren Sinne, also Rassismsus, sondern um die damit verbundene ökonomische Denkform, welche diesen Rassismus einst ideologisch zu untermauern versuchte. Verständlicher geworden?

Ausführlicher behandelt wird das Thema in der Fachliteratur der "modernen Wertetheorie". Ausdrücklich empfehlen kann ich:

"Schwarzbuch Kapitalismus" von Robert Kurz (da täuscht der Titel vielleicht im Vergleich zu anderen Büchern mit ähnlichem Titel...dies hier ist eine tief gehende Analyse der Grundlagen und Geschichte der Marktwirtschaft ganz allgemein - das fördert ne Menge zu Tage, was ein ganz anderes, kritisches Grundverständnis ermöglicht)
"Das Weltkapital" von Robert Kurz (da nimmt der Autor den "strukturellen Antisemitismus" als auch andere Varianten der bürgerlich-ideologischen Krisenverarbeitung systematisch auseinander)

ebertus 10.02.2011 | 15:22

@Tiefendenker schrieb am 10.02.2011 um 11:56

Und da ich selbst nicht so schnell, so tief denken kann, hier mal "kurz" ein Fragment aus dem kleinen Büchlein von Michael Heinrich, welches aktuell zu meiner bevorzugten Lektüre zählt.

-----
"Daher ist es nicht verwunderlich, dass in den letzten Jahren auch wieder theoretische Großentwürfe
Konjunktur hatten, wie zuletzt "Empire" von Antonio Negri und Michael Hardt, "Das
Informationszeitalter" von Manuel Castells oder speziell in Deutschland, Robert Kurz "Schwarzbuch
Kapitalismus". In allen drei, inhaltlich und politisch ganz unterschiedlich ausgerichteten Büchern wird
mehr oder weniger stark auf Marxsche Kategorien zurückgegriffen: teils werden sie zur Analyse der
gegenwärtigen Entwicklung benutzt, teils werden sie als überholt kritisiert. Offensichtlich kommt man
auch heute nicht um das Marxsche "Kapital" herum, will man sich grundsätzlich mit dem Kapitalismus
auseinandersetzen. Allerdings ist den drei genannten Büchern, wenn auch in unterschiedlicher Weise, ein
recht oberflächlicher Umgang mit den Marxschen Kategorien gemeinsam, häufig tauchen sie nur als
Floskeln auf. Eine Auseinandersetzung mit dem Original ist angebracht, nicht nur um solche
Oberflächlichkeiten zu kritisieren, sondern auch weil das vor über 100 Jahren geschriebene "Kapital" in
vieler Hinsicht aktueller ist, als manch großspurig aufgemachtes Werk, das in der Gegenwart verfasst
wurde."
-----

Es wird darauf zurück zu kommen sein, jenseits der sog. traditionellen Perspektive...

Exilant 10.02.2011 | 20:41

Also, "Tiefendenker", so tief haben Sie anscheinend nicht gedacht, wenn Sie mir unterstellen, was ich als Schlussfolgerung zog.
Ich verglich lediglich die ersten beiden Saetze des Blogs, also "Empoert Euch" und das Manifest mit den Zustaenden in Deutschland. Mehr nicht.
Aber wenn Sie behaupten, dass das DIW den Kapitalismus stets unterfuettert hat....
Das DIW war mal, geleitet von den Professoren Krupp und Flassbeck, eine nachfrageorientiertes Institut, dessen wissenschaftlicher Ruf unter Zimmermann sehr stark gelitten hat.

Tiefendenker 11.02.2011 | 01:45

@ebertus

Michael Heinrich ist insgesamt gesehen sicherlich ein ernst zu nehmender Autor, keine Frage. Über seine Thesen und Ansätze kann man diskutieren, weil sie weniger polemisch, sondern inhaltlich ausgerichtet sind.

Die in diesem gewählten Zitat gemachten Vorwürfe des "oberflächlicher Umgang mit den Marxschen Kategorien" trifft meines Wissens für "Empire" von Antonio Negri und Michael Hardt zu. Die verwenden eigene, allerdings nicht so richtig wirksame Kategorien von der Aussagekraft her. Manuel Castell kenn ich leider nicht. Auf das "Schwarzbuch...", welches in einer Reihe mit zahlreichen anderen Artikeln, allen voran "Die Krise des Tauschwertes" zu sehen ist, trifft dieser Vorwurf allerdings nicht zu. Ganz im Gegenteil. Gerade Heinrich wehrt sich quasi gegen jegliche ernsthafte wertkritische Ansätze und kommt im direkten Vergleich mit Kurz in wichtigen Punkten eher schlecht weg. Es lassen sich zahlreiche Vorträge im "Audioarchiv kritischer Theori Praxis" finden, wo sich jeder selbst von den jeweiligen Argumenten beider Autoren ein Bild machen kann.

@Phineas Freek

Dieser "Gegenstandpunkt" ist bestens bekannt. Er klingt eher nach einem persönlichen Spannungsverhältnis und Mißgunst seitens des Verfassers (keine Ahnung ob man sich untereinander kennt...?) als nach ernsthaften Gegenargumenten. Mir ist unklar, was der Autor damit eigentlich sagen will, außer seinen eigenen Unwillen auszudrücken und damit ziemlich arrogant zu protzen, eh alles besser zu wissen. Wäre dem so, hätte er für eine Kritik eine andere Form und Sprache gewählt. Wenn jemand einer Theorie keinen gedanklichen Spielraum einräumen will, dann hilft auch keine Argumentation mehr.

Wenn ich genug Zeit hätte und es Sinn machen würde, würde ich das gerne mal durchgehen und auf den Gehalt der darin gemachten Vorwürfe abklopfen. Die Sinnhaftigkeit wäre jedoch nur gegeben, wenn die "Gegenargumente" sich in den letzten 10 Jahren mehr bewahrheitet hätten, als die von Kurz. Das ist meinem jetzigen Beobachtungsstand nach nicht der Fall. Gerade Kurz hat sich Gegensatz zu anderen nicht blamiert.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 11.02.2011 | 02:50

Aua.
Es wäre dem Verständnis einer Sache vorteilhaft, sich "genug Zeit" zu nehmen, um "den Gehalt" dieser Sache nachzuvollziehen.
Dann wäre einem diese Sache auch nicht unklar und man wüßte was der betreffende Autor sagen wollte - dieser "gedankliche Spielraum" wäre die grundlegende Voraussetzung für die anschließende eigene Kritik, wenn man denn eine hätte.

Der selbstgewählten "Sinnhaftigkeit" durch inhaltliche Nichtbefassung einer Kritik das Lebenslicht zu erhalten, dürfen dann auch Vorwürfe in Richtung unlauterer und persönlicher Motive des Autors (oder Autoren) nicht fehlen:
Missgunst, Unwillen, Arroganz, Protzerei...

Kindergarten.

Giuseppe Navetta 12.02.2011 | 19:13

@ebertus

"Bourdieu zu lesen ist immer ein Gewinn, seine Analyse des neoliberalen Rollback, des Kahlschlages jeglicher kollektiven Solidarität war bereits zur Jahrtausendwende unter dem Eindruck der sozialistischen, der sozialdemokratischen Ägide in Frankreich und England absolut zutreffend. Vereinigungsbedingt verzögert wird diese Restauration einer neue Feudalgesellschaft seit Ende 1998 - und "wieder" unter sozialdemokratischer Führung - auch hierzulande (gnadenlos) exekutiert."

Stimme Ihnen uneingeschränkt zu! Die Warnungen Bourdieus gehen bis Anfang/Mitte der Neunziger zurück - man denke nur an seine Auseinandersetzung mit dem ehenmaligen Bundesbank-Präsidenten Hans Tietmeyer 1996 in der Zeit:

www.zeit.de/1996/45/Warnung_vor_dem_Modell_Tietmeyer

In einem Spiegel-Interview mit Pierre Bourdieu in den Neunzigern meint man vernehmen zu können, wie die fragenden Journalisten seine Einschätzungen wohl eher für zu übertrieben hielten - leider traf er völlig ins Schwarze, wie man so schön sagt...

www.spiegel.de/spiegel/print/d-9133291.html

Giuseppe Navetta 12.02.2011 | 19:56

@ebertus
Bourdieus Kritik galt insgesamt der neoliberalen Hegemonie und das schließt an das Finanzkapital und den dazugehörigen Institutionen gerichtete Kritik mit ein. Michael Heinrichs Hinweis auf die Aktualität der marxschen Analyse kann ich nur teilen. Zahlreiche Thesen im Werk von Marx und Engels sind heute aktueller als zum Zeitpunkt ihrer Entstehung.
Schade an den Diskussionen hier in den Kommentaren ist, dass Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen beispielsweise keynesianische, post-keynesianische oder auch andere heterodoxe Ansätze sozusagen aufgrund von Systemkonformität zur Seite geschoben werden werden...ich halte das nicht für sonderlich produktiv oder gar sinnvoll, zumal Marx, so sehr ich seine Analyse schätze und in den meisten Fällen teile, keinerlei staatstheoretische Überlegungen oder Ansätze bietet...

ebertus 12.02.2011 | 20:29

@Giuseppe Navetta

Sehr richtig, das Fehlen "staatstheoretischer Überlegungen oder Ansätze" bei Marx wird auch von Michael Heinrich konstatiert. Bin aus Zeitmangel einfach noch nicht soweit vorgedrungen, aber im Kapitel 11 dieses Textes - habe mir das Original für 10 Euro gegönnt - versucht der Autor dies mit Inhalten zu versehen.

www.beniflip.de/Michael%20Heinrich%20-%20Kritik%20der%20politischen%20%D6konomie.pdf

Wollte dieses kleine Büchlein in meiner Schreibe und unter meinem Verständnis "irgendwann" hier mal als Blog einstellen.

chrislow 12.02.2011 | 20:43

Tiefendenker schrieb am 09.02.2011 um 11:51

"... also komplett ignorierend, dass der Kapitalismus aus seiner inneren Expansionslogik des Kapitals ... diese Kriege und Zerstörung überhaupt erst bewirkt hatte."

-> Ey, ... ich muß heute leben ... in einer Zeit (aufgewachsen), in der man noch immer dabei war (und wohl noch ist) die durch den Krieg verursachten Probleme zu lösen.
Es gibt keine Lösung, in der alle Geschichte enthalten ist. Es ist immer ein Problembezogener Kompromis...

Und auch mit Einbeziehung aller geschichtlicher Erfahrung bleibt die Möglichkeit, dass es ist, wie ich aufgestellt habe ... nämlich, den "kapitalismus in seinem Lauf, hält werde Ochs noch Esel .... ", weshalb ich die Sinnfrage stelle, wenn sich Grundlegende Bedingungen verändern. Darunter fällt auch die Globalisierungstendenz.... in allen Bereichen...nicht nur in Wirtschaft.

...

Und sowieso... seit froh, dass ich nicht bestimme, wie die Welt zu funktionieren hat... was also bedeutet, dass mit meiner Aussage nicht irgend ein darin enthaltener Anspruch zu befürchten sei...ich warf das nur ins Wortgefecht.

j-ap 12.02.2011 | 21:05

Ja eben, ebertus! Das Fehlen von »Staatstheorie« bei Marx habt ihr gerade eben als eklatanten Mangel geltend gemacht — ja ist das denn die Möglichkeit?

Michael Heinrich ist einer der beschlageneren Marx-Auguren, das ist völlig richtig. Aber erwartet ihr allen Ernstes von einem deutschen Staatsbeamten des höheren akademischen Dienstes (!) etwas anderes als salbadernde Sinngebungsprosa zu Staatszwecken erwartet, die, wenn sie nun einmal leider beim alten Karl nie und nimmer ausgemacht werden kann, eben mit meisterlichem Trauerflor befehlsmäßig selbst zusammengeschustert wird?

Allein die Tatsache, daß eine so lupenrein bürgerliche Reichtumswissenschaft wie der Keynesianismus noch immer und ganz ungebrochen als irgendwie »linke« Antwort aufs Manchesterkapital figurieren kann erweist doch wohl, auf welchen reformistischen Hund man gekommen ist, wer so daherredet.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 13.02.2011 | 22:36

Welche Ökonomen empören sich?
Es sind Ökonomen, die von Lobbyisten bezahlt oder von denen abhängig sind.
Jeder Mensch, der Ökonomie studiert erfährt schon im ersten Semester, dass man nicht so verfahren darf, wie es Merkel mit ihren Helfershelfern mit der BRD macht. Dieser Staat wird diesbezüglich an die Wand gefahren.
Ich kann nur jeden Wissbegierigen empfehlen, es verlangt allerdings ein wenig Gehirntraining, sich das Buch von Herrn Dr. Flassbeck "Die Martwirtschaft des 21.Jahrhunderts" zu kaufen und zu studieren. Ich habe es schon zweimal gelesen und jetzt verstanden. Der Traum, eine globalisierte Wirtschaft mit den globalen Regeln zu versorgen, die sie dringend braucht, ist dann ausgeträumt, wenn zu viele enstirnige nationale Interessen vorliegen. Das ist der Weg von Merkel und der führt uns in den Abgrund

Giuseppe Navetta 15.02.2011 | 20:59

@j-ap

Eine Replik dieser Art habe ich von Ihnen erwartet und wie ich schon an anderer Stelle bemerkte, verstehe ich Ihren Überdruß auf gewisse Weise und halte ihn auf der anderen Seite aber auch für kontraproduktiv...

Reichtumswissenschaft? Makroökonomische Steuerung, die natürlich systemkonform argumentierend, was außer Frage steht, die Verteilungsgerechtigkeit innerhalb einer Konkurrenz- und Wettbewerbswitrtschaft als systemerhaltend ausmachen kann, wurde und wird an durchaus zahlreichen Stellen so manchmal härter bekämpft als sozialistische Romantik derjenigen Visionäre, die glauben, die marxsche Analyse durchdrungen zu haben und die Welt mit eschatologischen Phantasien beglücken zu müssen. John Maynard Keynes Antwort auf die großen Krisen des Kapitalismus war durchaus ein, wenn man es so benennen will, antisozialistisches Projekt und mit Verlaub, ich benötige in dieser Hinsicht Aufklärung, was aber auf der anderen Seite nicht heißt, dass sämtliche Erkenntnisse aus keynesianischer Sicht völlig nutzlos oder überflüssig seien.
Sie Subsummieren, so hat es für mich zumindest den Anschein, die Begriffe "staatstheoretisch" oder "Staatstheorie" fast schon reflexartig ideologisch - diese Begriffe, so wie ich sie verwendet habe, haben nichts mit dieser Ideologisierung oder Unterordnung gemein, noch oderschon gar nichts mit einer Vergötterung des bürgerlich kapitalistischen Staates - es existiert meines Wissens nach keine marxistische Staatstheorie (Poulantzas hat es versucht) und auch ordnungspolitische Grundsätze gibt es, man mag mich da eines Besseren belehren, nur fragmentarisch (Abba Lerner fällt mir da ein...)...
...und ja, ich gebe es zu, ich sympathisiere mit marktsozialistischen Ideen, schon allein aufgrund des oben genannten Mangels, der im übrigen nicht einfach so "dahergeredet" ist!

tanti saluti

Tiefendenker 16.02.2011 | 01:57

@chrislow

"Ey, ... ich muß heute leben ... in einer Zeit (aufgewachsen), in der man noch immer dabei war (und wohl noch ist) die durch den Krieg verursachten Probleme zu lösen."

Wer ist in dieser Aussage "man" ???

Natürlich gibt es viele positive Menschen, die bewusst versuchen Kriege auf unterschiedlichste Art zu verhindern. Beim Kapitalismus handelt sich aber nicht nur um einzelne Protagonisten, sondern um ein abstraktes System - um ein Formprinzip, welches es zu kritisieren gilt, weil ihm die Masse blind folgt und sich ihm tendenziell eher bedingungslos unterordnet. Nie hat ein Subjekt, ein einzelner Kriegstreiber allein einen Krieg angezettelt oder gar geführt. Kann er gar nicht. Es bedarf immer objektiver Umstände und eine ideologische Verarbeitung dieser Umstände, um einen Krieg finanzieren und politisch rechtfertigen zu können...ganz zu schweigen ihn zu führen und auf andere zu schießen.

Vergleichsbeispiel, um zu veranschaulichen, was ich meine: es gibt auch Aktivisten, die sich für Tiere einsetzen. Die kapitalistische Logik (betriebswirtschaftliche Gewinnermittlung) bewirkt aber massenhaft erst schlechte Tierhaltung usw., weil man kaufmännisch dafür mit einem Extraprofit belohnt wird. Das ist also keine Frage der Ethik und Moral, sondern der gesellschaftlichen Wertkonstitution. Wäre dem nicht so - d.h. gäbe es diese Profit-Logik nicht, liegt die Vermutung nahe, dass die Tierschutzaktivisten deutlich weniger zu tun hätten, oder? Die Indianer wären nie auf die Idee gekommen ihre kostbaren Büffel zu quälen und fast auszurotten. Die Weißen, kapitalistischen Siedler schon.

Mit Krieg erhofften sich das Kapital und seine Protagonisten stets Gewinne durch Ausbeutung fremder Ländereien und Ressourcen, Menschen, usw. Jeder der daran partizipieren wollte oder zumindest dumm genug war, das nicht zu durchschauen, jubelte und ließ sich für "Volk und Vaterland" ins Feld schicken.

Ist es heute tendenziell anders? Deutsche Manager schicken bereitwillig Indianer in Uranminen, damit in Deutschland "sauberer" Atomstrom produziert wird. Man exportiert stolz deutsche Chemie, um sie auf asiatischen Feldern zu verstreuen. Wir sind immer noch einer der größten Schusswaffenexporteure etc.

Wir führen immer noch eine Art Krieg, oder? Wenn man genau hinschaut, stellen sich die Sachen nicht so positiv dar, wie sie im bunten Glitzerlicht der Marktwirtschaft ideologisch aufgehübscht gerne erscheinen sollen...