Nur das Meer bleibt sich gleich

Türkei In Antalya ist Kleinasien mit seiner langen und reichen Geschichte abgelagert - nebeneinander und übereinander, gebrochen, überbaut, überwuchert und verschwunden

Die früheren Namen werden vergessen. Namen, die Menschen ablegten, als sie ihre Länder verließen und herkamen, und Namen, die der Stadt beim Wechsel der Herrschaft gegeben wurden. Dass Antalya über Jahrhunderte Adalia hieß, bis ins Jahr 1923, war selbst dem Architekten Nejat Üregen nicht ganz geläufig. Ihm fiel aber der noch frühere Name Attaleia ein, der vom Gründer der Stadt stammte, dem griechischen König Attalos von Pergamon. Attalos ließ - noch vor unserer Zeitrechnung - über dem natürlichen Hafen am Felsenufer der weiten Bucht die Stadt anlegen, von Mauern umgeben, die bis heute stehen. Ein begnadeter Ort. Bald übernahm Rom die Macht an der ganzen Küste und verband seine Zivilisation mit der griechischen Kultur. Der Hafen wurde zu einem der wichtigsten in Kleinasien. Davon ist in Antalya noch vieles zu sehen, erst recht von der langen byzantinischen Phase und dem ab 1453 folgenden Osmanischen Reich, als Griechen, Türken und Juden weiterhin gemeinsam diese Hafenstadt bewohnten.

Nejat Üregen geht durch die Straßen. Er hat hier mehrere Dutzend alte Häuser rekonstruiert, viele weitere vermessen und Gutachten für den Stadtrat erstellt. Bei jedem Bau stoßen die Arbeiter unter den heutigen Fundamenten auf Reste antiker Kultur. Bis zu acht Meter tief unter den Straßen der Altstadt liegen die römischen und griechischen Straßen. Die Altstadt heißt Kaleici, darunter ist die Welt Kleinasiens mit ihrer langen und reichen Geschichte abgelagert. Alles ist da, nebeneinander und übereinander, vermoost, gebrochen, überbaut, überwuchert und benutzt.

Suad aus Jugoslawien: Müde davon, ein Fremder zu sein

Am äußersten Rand des Felsplateaus, auf dem die Stadt lagert, ziehen sich Teegärten hin. Tische unter Bambusdächern, Platanen, Orangenbäumen. Unter ihnen das Meer. Flüsternde türkische Paare vor den Teegläschen, der bescheidenen Bestellung an nie ermattende Kellner. Überall sitzen im Sommer die Liebespaare, in Parks, auf Bänken, auf den Felsbrocken im Schutz der Kaimauer, aneinander gelehnt oder zueinander gebeugt führen sie ihre endlosen Gespräche. Die Sonnenbahn glitzert auf dem Wasser, ein Kutter fährt über die Fläche, als schwebe er. Im Hafen sind die Fischer- und Ausflugsboote heftig rot beflaggt, mit Halbmond und Stern.

Auf dem Rückweg begrüßen uns freudig Bekannte - die feine, großäugige Sibel, die gut Deutsch spricht und ihr radebrechender, witziger Kollege Suad. Ein Tee noch bei ihnen im schicken Laden, in dessen Fenstern Puppen in Ledermänteln stehen. Aus dem oberen Stockwerk kommt eine elegante Kollegin mit spitzen Schuhen hinzu, die ihre Locken über das Gesicht fallen lässt, das von Akne und Puder wie maskiert ist. Sie kommt aus Aserbaidschan, spricht auch Russisch. Russen sind die besten Kunden im Laden. So sitzen wir bei den Teegläschen und schauen uns neugierig an. Wann fällt im Gewirr der Gespräche das Wort Jugoslawien? Sibel aufgeregt: Suad ist doch aus Jugoslawien. Wir beide wechseln ins Serbokroatische, ein Abtasten: Woher? Seit wann nicht mehr dort? Warum?

Suad ist 1990 aus dem Sandz?ak nach Antalya gekommen, aus dem moslemischen Gebiet im Süden Serbiens. Einen guten Freund hätten wir, erwähne ich, der auch aus dem Sandz?ak sei, den Dichter Sinan Gudz?evic´. Da kommt ein Aufschrei von Suad: ihre Mütter waren einst Nachbarinnen in dem Bergdorf Weiße Wasser, und das bedeute fast Verwandtschaft. Er kennt das wechselhafte Dichtergeschick Gudz?evic´s genau, hat ihn nie aus dem Auge verloren. Stichworte und Erklärungen fliegen in Deutsch, Türkisch, Serbokroatisch über den Glastisch, die Welt ist klein, so klein, bestätigen sich alle. Für Momente hat uns das Wunder der Begegnung erhellt.

In der Nacht sehen wir im erleuchteten Lederladen Suad mit einigen Kollegen sitzen, ein Warten auf späte Kunden, die nicht kommen. Sie lesen, rauchen reglos oder spielen Karten. Es wirkt sehr still um sie. Suad hat Heimweh, fährt oft nach Hause. Er scheint anders als viele, die ihn hier umgeben: ironischer, gebrochener, vielleicht wird er zurückkehren. "Ich bin müde davon, ein Fremder zu sein."

Einmal, so erzählt er uns, spielte er eine Kassette des bosnischen Filmkomponisten Bregovic´ laut ab, die Musik tönte bis auf die Straße. Zwei Paare kamen in den Laden, taten so, als ob sie sich für die Ledermäntel interessierten, aber er sah ihnen an: sie hörten auf die Musik. Dann sprachen sie leise serbokroatisch, Suad antwortete. Die jugoslawischen Besucher lebten in Norwegen. Ihre restlichen Antalya-Tage verbrachten sie mit Suad, in der Passion des Heimwehs und des Erkennens vertrauter Zeichen.

Leyla aus Rumänien: Leiser Gang auf weichen Sohlen

Die Sonne scheint gleißend. Sie macht fast blind. Ein Wind aus den Bergen aber zerrt an Palmblättern und Jacken. Mit dem einzigen Begriff "plaj" aus unserem Wörterbuch - "Strand" (es ist das französische "plage"!), finden wir den richtigen Minibus und am Ende die Station draußen am Meer. Doch zuerst geht die Fahrt lange Zeit an lockeren Hochhausreihen vorbei. Die Bauten sind neu, weiß, hellgelb, graublau, an allen Seiten Balkone. Dahinter blitzt das Meer. Antalya boomt. In zehn Jahren wuchs die Stadt von 300.000 auf über eine Million Einwohner. Die Tourismus-Industrie lockt Leute aus der ganzen Türkei, auch aus dem Balkan und den früheren südlichen Sowjetrepubliken. Die ausladenden Gebäude sind zu großen Teilen noch unbewohnt. Welch aberwitzige Investition. Vielleicht ist es ein Fehler, sagt ein Mann zu uns. Ausländer würden hier Ferienwohnungen kaufen, heißt es. Oder man hofft, dass sie kommen.

Nur das Meer bleibt sich gleich, der vertraute Geruch, das ab und anschwellende Rauschen, die Wellen berennen den hellbraunen Strand und fließen zurück, der Kies kollert leise mit.

Granatapfel und Orange, roter Saft. Wiederkommen wird als Zeichen der Freundschaft gewertet. Die Hand ist hingestreckt zur Begrüßung, der Platz wird zugewiesen, als wäre er freigehalten worden. Die hellhaarige milde Frau rückt einen Stuhl heran, denn beim zweiten Besuch gehören wir dazu. Ihre beiden kleinen blonden Töchter trauen sich näher. Die Frau spricht langsam ein klares Englisch. "Die Strände kenne ich gar nicht. Im Sommer arbeite ich hier von sieben Uhr morgens bis in die Nacht. Ich bin aus Rumänien. Seit 14 Jahren hier. Mein Name ist Leyla." Wir stellen uns ebenfalls vor. Da kommt es: "In Rumänien hieß ich auch Marina." Ihr Blick ist lang. Ein Bedauern? Der Postbote legt ihr einen Brief hin. Sie untersucht eine Quittung, reißt den Umschlag auf, zehn Euro liegen zwischen einer englisch beschriebenen Seite, sie streicht mit dem Schein über ihr Gesicht, lacht und zeigt ihn herum. Das sei von ihrer Freundin Sonja, einer Touristin aus Belgien, die jedes Jahr komme und eigentlich aus Bulgarien stamme.

Leyla erinnert an eine Chinesin, obwohl sie so hell ist. Mit ihrem leisen Gang auf weichen Sohlen, den gleichmäßigen Bewegungen, auch mit dem plötzlichen Verharren, ohne einen Windhauch zu erzeugen, der eng zugeknöpften Jacke, ihrem Lächeln, das immer gleich scheint und doch so zugewandt ist, wirkt sie wie eine zerbrechliche Frauenfigur in einem Film aus China. "Ich bin allein. Mein Mann ist tot. Autounfall, vor einem Jahr." Wie mag sie ihn kennen gelernt haben? Sie war 19, als sie kam, jetzt ist sie 33. Leyla hat das Talent, Fragen oder auch Sätze nicht zu verstehen, die ihr nicht behagen. Sie reagiert dann nicht, ihr Blick bleibt ruhig, aber leert sich. So schaut sie jetzt. Hast du ihn hier getroffen? Oder noch in Rumänien? frage ich trotzdem weiter. In Rumänien. Und dann plötzlich: "Aber mein Mann war kein Türke." Das ist in Antalya kein überraschender Satz mehr für uns. "Er war ein Araber von der syrischen Grenze", sagt sie. "Seine Familie lebt hier. Er hat sieben Brüder. Sieben!" Helfen sie dir? frage ich. Wieder versteht sie die Frage nicht.

Nejat aus Antalya: Überall öffnen sich Türen

Er hat das Gleichmaß aller Bewegungen wie viele in Antalya, auch ein Lächeln, für das er kaum sein Gesicht verziehen muss. Nejat Üregen, der Architekt, wird oft begrüßt. Eine leere, zugewucherte kleine orthodoxe Kirche soll er in ein Café umbauen. Das Genehmigungsverfahren läuft noch. Das Gemäuer eines griechischen Ladens von 1913 wiederum könnte das künftige Büro von Nejat werden. Der Raum hat perfekte, einfache Maße, einen rechteckigen Grundriss, von der Straße zwei Türen mit leichten Bögen, die fast bis zur Decke reichen, zum Garten hin entsprechend zwei Fenster. Im Grunde der kleinen Kirche ähnlich.

Das prächtige Gebäude des Kulturamts, worin das Büro für "architektonisch geschützte Zonen" residiert, beherbergte einst Soldaten, nach dem Ersten Weltkrieg waren für einige Jahre auch Italiener darunter. Die ältere Vorgeschichte liegt im Dunkeln. Marmorstufen und alte Eingänge wurden freigelegt, Bodenmosaike aus schwarzen und weißen kleinen abgerundeten Meersteinen rekonstruiert, die Mauern vom Putz befreit. So zeigt uns Nejat die von ihm restaurierten Gebäude. Überall wird er begrüßt. Das glanzvolle Hotel Alp Pasa entstand aus drei alten türkischen Wohnhäusern, ihren Innenhöfen, Werkstätten, aus ihren Kellern, Ställen und Lagerräumen. Eine verschlossene Synagoge mit verziertem Eingang unter dem Davidstern liegt am Weg. Eine alte Koranschule neben dem ältesten Minarett der Stadt wurde von Nejat zum Basar umgebaut. Unter einem Hof entdeckte er ein Meerstein-Mosaik und ließ es nach der Restaurierung wieder zudecken, mit Nylon und einer Erdschicht, dem besten Konservator. Darauf wurde ein neues Mosaik gelegt. Das alte, viel feinere, soll ruhen, bis Methoden gefunden werden, es begehbar zu machen und dennoch zu bewahren. So lassen wir der Zukunft diese Chance, meint Nejat. "Er ist ein großer Idealist", sagt unsere Hotelmanagerin über ihn voller Respekt.

Im Park um die große Murat-Pascha-Moschee zwitschern und flattern Hunderte kleiner grauer Vögel. Der singende Ruf des Muezzin tönt, Männer strömen zusammen, die ältere Generation überwiegt, Begrüßungen, sie waschen sich an den Wasserhähnen in einer Mauer und am Brunnen. Ein Mann hängt seine Jacke an einen Haken, setzt sich, lässt das Wasser über die Hände laufen, jetzt über die Unterarme, nimmt beide Hände voll Wasser, wäscht das Gesicht, es trieft, dreimal tut er es, streicht sich über den Nacken, über die Haare. Jetzt zieht er die Schuhe aus, die Socken, wäscht die Füße, er zieht die Socken wieder über die nassen Füße, er steht auf. Schlurfend mit niedergetretenen Schuhen bewegt er sich zur Moschee. Manche haben sich Holzschuhe aus Regalen am Eingang geholt. Auf der ersten Stufe nehmen alle ihre Schuhe in die Hand. Es wird still.

Die einzige Frau weit und breit sitzt mit einem Kind im Arm auf einem Mauervorsprung. Sie ist jung, trägt einen langen Rock, vielleicht eine Zigeunerin, sie starrt vor sich hin. Als die ersten Männer die Moschee wieder verlassen, steht sie auf, das Kind erwacht und weint, sie stellt sich in den Eingang und hält die Hand hin. Niemand gibt etwas.

00:00 01.08.2003

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