Nur ein kleiner Nosejob

Das ideale Gesicht Der Kulturhistoriker Sander Gilman über ästhetische Chirurgie und Rassismus

Der Kultur- und Literaturhistoriker Sander L. Gilman, Autor von mehr als 50 Büchern, ist Professor für "Liberal Arts in Human Biology" an der Universität von Illinois in Chicago und Direktor eines Jewish Studies Programms. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Untersuchung kultureller Stereotype. Zuletzt ist in Deutschland seine Biographie über Jurek Becker erschienen. In den USA hat er gerade Schriften von Henryk M. Broder herausgebracht.

FREITAG: Sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen, ist das eine wirklich freie Entscheidung?
SANDER GILMAN: Eine Grundvoraussetzung für die ästhetische Chirurgie ist, dass der Mensch sich als autonom versteht. Das Bewusstsein, dass man nicht von Gott, der Kirche oder einer Nation bestimmt oder bereits definiert ist, kommt zuerst in der Renaissance auf. In der Aufklärung setzt sich diese Idee, dass man über sich selbst bestimmen kann, endgültig durch. Ich muss nicht mehr leiden, nur weil Gott mich so geschaffen hat, ist der Gedanke, der hinter ihr steht. Das Bewusstsein der Autonomie ist die Voraussetzung, die die Etablierung der ästhetischen Chirurgie ermöglicht. Diese Autonomie ist natürlich abhängig vom Entwicklungsstand der Medizin und Wirtschaft. Wir sind immer gleichzeitig abhängig und autonom. Auf das Gefühl, dass man sich ändern kann, folgt das Gefühl, dass man die Lage, in der man seinen Körper versteht, die soziale Lage ändern kann. Und dazu muss man nicht die Gesellschaft verändern, sondern nur seinen eigenen Körper.

Wann beginnt die moderne ästhetische Chirurgie?
Die Menschen haben ihren Körper immer künstlich verändert. Es gibt keine Gesellschaft, zu keiner Zeit, die das nicht tat. Hauptsächlich aber aus religiösen und gesellschaftlichen Gründen. Beispiele dafür sind die Praktiken der Tätowierung oder der Beschneidung. Die ästhetische Chirurgie beginnt im 16. Jahrhundert. Ein wichtiger Grund ist die Ausbreitung der Syphilis. Dem Kranken steht die Syphilis anhand seiner "syphilitischen" eingefallenen Nase buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Man kann plötzlich am Körper nicht nur die Krankheit ablesen, sondern, und das ist bedeutsam, gleichsam die Unmoral des Patienten, da die Syphilis als Strafe für eine unmoralische Haltung verstanden wurde. Das Moment der Sichtbarkeit war entscheidend. Sobald man die Möglichkeit hatte, die Nase zu operieren, tat man es. Auch wenn die Ergebnisse, gelinde gesagt, nicht sehr überzeugend aussahen. Sie sahen nicht wie Nasen aus. Trotzdem war das besser, als keine Nase zu haben. Autonomie bedeutete in diesem Fall, dass man gegen den Willen Gottes, der einen mit Krankheit bestrafte, aufbegehrte und das Stigma selbstständig auslöschte.

Zwei weitere Entwicklungen der Medizin wurden bedeutsam: Erstens die Entdeckung, dass Krankheiten über Schmutz in den Wunden übertragen werden, was zur Minderung der Operationsrisiken beitrug. Und zweitens die Einführung der Anästhesie, die die Schmerzen des Eingriffs ertragbar machte. Mitte des 18. Jahrhunderts waren diese drei Voraussetzungen vorhanden: Autonomie, Reinheit und Anästhesie. Im 19. Jahrhundert beginnt die moderne Epoche der ästhetischen Chirurgie.

Das 19. Jahrhundert ist auch die Epoche des modernen Rassismus und Antisemitismus. Sie zeigen, dass die ästhetische Chirurgie eine Reaktion auf die stereotypen Körperfantasien des Rassismus ist ...
Das funktioniert genauso wie bei der Syphilis. Die äußeren Merkmale widerspiegeln die Seele. Im 18. und 19. Jahrhundert existiert die Vorstellung, dass die Rasse am Körper ablesbar ist. Der Rassismus nutzt die kleinen Unterschiede der Physiognomie als Beweise für eine bestimmte "Rassenzugehörigkeit", und, das ist interessanter, er behauptet, dass eine pathologische "Rassen-Seele" am Körper ablesbar ist. Zu Objekten der rassischen Physiognomie wurden nicht nur die Juden, sondern auch die so genannten "Hottentotten". In Amerika waren es die Neueinwanderer aus Irland, deren "zu kleine" Nasen als Zeichen ihrer Minderwertigkeit galten. Die ästhetische Chirurgie bot den Objekten des Rassismus die Möglichkeit, ihre signifikanten Körperteile wie Nase oder Ohren zu ändern und "unsichtbar" zu werden.

Eine bedeutende Figur in der Geschichte der ästhetischen Chirurgie ist der Berliner Arzt Jacques Joseph. Was ist der Grund für Ihr besonderes Interesse an seinem Leben und Werk?
Jacques Joseph war der wichtigste ästhetische Chirurg des frühen 20. Jahrhunderts. Er hat nicht nur eine ganze Generation von Schönheitschirurgen ausgebildet, sondern eine Reihe von innovativen Operationsmethoden entwickelt. Zum Beispiel: die Nasenverkleinerung und die Brustverkleinerung.

Jacques Joseph war kein Akademiker, er war zwar akademisch tätig, wurde aber aus seiner Stellung entlassen, weil er eine Ohrenoperation durchgeführt hatte, die als überflüssig kritisiert wurde, weil die Ohren des Patienten normal funktionierten. Jacques Joseph hatte abstehende Ohren angelegt.

Sein berühmtester Fall ist aber die Geschichte eines jungen jüdischen Mannes, der Jacques Joseph 1894 aufsuchte, um seine "jüdische" Nase verkleinern zu lassen. Der Patient war Mitte 20 und klagte über seine markante Nase, die sein gesamtes Leben beinträchtigen würde. Er ging nicht mehr aus dem Haus, war beruflich nicht erfolgreich und hatte unglückliche Beziehungen zu Frauen. Seiner Meinung lag das an der Form seiner Nase. Jacques Joseph entwickelte daraufhin eine unwahrscheinlich innovative Operationsmethode, indem er die Nase von innen operierte und verkleinerte, so dass keine Narben zurückblieben, was für den Patienten sehr wichtig ist. Denn eine Narbe verstärkt seine "Sichtbarkeit". Diese Operation gilt als die erste moderne Nasenoperation und ist auch eine der ersten modernen ästhetischen Operationen überhaupt.

Der "Nosejob" wurde unter Juden sehr populär. Unterzogen sich die deutschen Juden der Operation, um dem wirkungsmächtigen Stereotyp der großen "Judennase" zu entkommen, welches die Bilderwelt des späten 19. Jahrhunderts beherrscht?
Jacques Joseph war Jude und ein Großteil seiner Patienten war jüdisch. Die Vorstellung, dass man deutsch aussehen müsse, um endgültig akzeptiert zu werden, existierte. Interessant ist aber, dass das Modell des Idealgesichts nicht "deutsch", sondern "griechisch" war. Es stammte aus der klassischen griechischen Skulptur: Um ein Deutscher zu werden, musste man die Nase eines Griechen tragen, war die zeitgenössische Vorstellung.

Die Vorstellung eines "Neuen Menschen" und damit auch eines neuen Körpers war in dieser Zeit sehr populär. Wie sah der ideale Körper des frühen 20. Jahrhunderts aus?
Das nationale Ideal ist im späten 19. Jahrhundert sehr eng an die Vorstellung eines neuen nationalen Körpers gekoppelt. Das hatten alle politischen Bewegungen gemeinsam: Angefangen hat es in der Politik mit der deutschen Turnbewegung, man findet es aber in allen revolutionären und reaktionären Bewegungen dieser Zeit. Bei den Zionisten, Kommunisten und Faschisten. Es gab in all diesen Bewegungen die Vorstellung eines idealen Körpers, der ganz eindeutig männlich konnotiert ist. Man hat es hauptsächlich mit dem Körper des Mannes zu tun.

Interessant ist Ihre Darstellung, dass ästhetische Chirurgie und Psychoanalyse im gleichen Zeitraum das Feld der Medizin betreten. Beide werden von der etablierten Medizin geächtet. Der ästhetische Chirurg ist der Gegenentwurf zum Psychoanalytiker.
Richtig, Psychoanalyse und moderne ästhetische Chirurgie sind im gleichen Zeitraum entstanden. Beide haben die Vorstellung, dass Inneres und Äußeres total voneinander abhängig sind. Während der Psychoanalytiker sagt, das Innere bestimmt das Äußere, indem er von physischen Symptomen auf psychische Ursachen schließt, argumentiert der ästhetische Chirurg genau umgekehrt und behauptet, das Äußere, zum Beispiel die Form der Nase, sei die Ursache der Unglücklichkeit des Menschen.

Die Konversion der Juden zum christlichen Glauben, die unternommen wurde, um der Stigmatisierung zu entkommen, bot keine letztgültige Sicherheit vor Verfolgung. Dem Konvertiten wurde immer mit großem Misstrauen begegnet. Ist die Operation eine moderne Spielart der radikalen Assimilation?
Die Vorstellung, dass der Jude eine Schauspielernatur ist, der in alle Rollen schlüpft ist alt. In der literarischen Fantasie des 19. Jahrhunderts existierte durchaus die Vorstellung, dass man einen nicht-jüdischen Körper für den Juden schaffen könne. Teilweise funktionierte das über die Vorstellung der ästhetischen Chirurgie. Es gab aber auch die Idee, dass Juden so plastisch sind, dass sie sich selbst umformen können. Das war nur zum einen Teil eine antisemitische Vorstellung. Sie existierte auch unter Juden selber.

Wie konnte man "deutsch" werden?
Es existierte die Vorstellung, dass die kulturelle und soziale Assimilation nicht ausreicht, sondern in der Umformung des Körper ihre Verwirklichung erfährt. Der Ausschluss der Juden aus den Turnvereinen hieß nicht, dass die Juden nicht turnten. Sie gründeten ihre eigenen im Geist der Philosophie des Zionisten Max Nordaus. Die jüdische Gesellschaft funktionierte parallel zur deutschen. Zentral ist die Vorstellung des gesunden Körpers, der das Ticket zum vollwertigen Bürger ist.

Der Operierte blieb aber nur eine Kopie ...
Wenn ich mir das Recht nehme mich umzuformen, beispielsweise in einem neuen Land zu wohnen, einen neuen Beruf anzunehmen und meinen Körper zu verändern, tauchen Fragen auf: Bin ich dann authentisch, bin ich dann echt, oder bin ich dann nur eine Kopie? Das ist bis heute eine umstrittene Frage: Wenn eine Frau sich entscheidet, keine Falten zu haben, ist sie dann nur eine schlechte Kopie von einer patriarchalischen Vorstellung einer idealen Frau, oder hat sie sich einfach entschieden, anders auszusehen, als sie von Natur aussieht? Und ist das nicht ihr Recht? Diese Auseinandersetzung gibt es heute genauso wie zur Zeit des Jacques Joseph.

Sie zeigen, dass der ästhetische Chirurg oftmals als Bedrohung empfunden wurde: Er brachte die zementierten physiognomischen und rassischen "Wahrheiten" durcheinander.
Sie wurden immer als Bedrohung empfunden. Im dritten Reich ist die Situation sehr kompliziert. Hitler selbst hat die ästhetische Chirurgie und Kosmetik als etwas Weibliches empfunden. Schönheitsoperationen waren zugelassen.

Auch in den USA glaubten Juden ihre Assimilation über einen "Nosejob" vollenden zu können. Jugendlichen wurden Nasenoperationen zum 16. Geburtstag geschenkt ...
Bis in die siebziger Jahre kam es sehr häufig vor, dass vor allem Frauen - das hat sich verändert - eine Nasenoperation unternahmen, um nicht zu jüdisch auszusehen. Bei den Vietnamesen, die in den siebziger und achtziger Jahren eingewandert sind, gibt es eine umgekehrte Tendenz. Jetzt ist es eine Nasenvergrößerung, die gewünscht und vorgenommen wird.

Spielt sich die ästhetische Chirurgie auch heute noch entlang der Grenzen der "rassischen Stereotype" ab?
Heute kann man das nur noch bedingt behaupten. Es hat sich verändert. Ab Mitte der siebziger Jahre haben die Chirurgen ganz bewusst nicht mehr alle ethnischen Differenzen beseitigen wollen. Man beseitigt nur noch die ausgeprägtesten ethnischen Merkmale. Man wollte einen Juden oder Asiaten nicht mehr vollständig verändern, sondern sein Erscheinungsbild dem "Weißen" annähern. Das ist zum Beispiel auch in Asien der Fall: Wenn Vietnamesen die modische Lidoperation vornehmen, um westliche Augen zu bekommen, das heißt doppelte Augenlieder oder eine Nasenvergrößerung, sieht die Person am Ende immer noch asiatisch aus. Aber auf eine westliche Weise.

Kann man sagen, dass sich das westliche Schönheitsideal globalisiert hat?
Es hat sich einerseits sicher globalisiert, dabei aber verändert. Die Globalisierung hat die westliche Vorstellung ebenfalls beeinflusst. Das Schönheitsideal ging einmal um die Welt und kommt zurück. Heute ist das "Midpazific Face" ein Ideal. Es ist weder eindeutig amerikanisch noch asiatisch geprägt.

Hat sich ein ethnizistischer Look, wie zum Beispiel "Black is Beautiful", durchgesetzt?
Ja, das sieht man beispielsweise am Idol Barbara Streisand in den Siebzigern, die "typisch jüdische" Züge verkörperte, genauso wie heute chinesisch auszusehen als "beautiful" gilt. Das kann man im Fernsehen beobachten: Schwarze, asiatische Gesichter sind längst alltäglich. Übrigens auch in Deutschland, wo man auf MTV, Viva afrodeutsche Moderatoren sieht. Die Gesichter mischen sich. Das Idealgesicht ist heute multikulturell geformt. Aber man muss betonen, dass es immer noch westlich weiß orientiert ist.

Könnten Sie das am Beispiel Brasiliens erläutern, das die größte Schönheitsindustrie weltweit hat?
Hier ist vor allem interessant zu sehen, wie schnell sich die Körperbilder verändern. Als ich Ende der neunziger Jahre über die in Schönheitschirurgie Brasilien recherchierte, konnte man Argentinien und Brasilien sehr leicht vergleichen. In Argentinien, das sich als weißes Land versteht, aber genauso bunt gemischt ist wie alle anderen Länder Südamerikas, gab es deutlich mehr Brustvergrößerungen als Verkleinerungen. In Brasilien war die Entwicklung genau umgekehrt. Das liegt daran, dass in Brasilien der schwarze Bevölkerungsteil mit der Unterklasse gleichgesetzt wird. Zu große Brüste, das ist ein altes rassistisches Stereotyp, wurden als primitiv betrachtet, galten als Merkmal der schwarzen brasilianischen Unterschicht. Aus diesem Grund unternahmen hauptsächlich Frauen aus der weißen Mittelschicht diese Operationen. Aber in den vergangenen Jahren hat sich das signifikant verändert. Jetzt überwiegen auch in Brasilien die Brustvergrößerungen.

Wie kommt es, dass manche Länder sich als Zentren der Schönheitschirurgie etablieren?
In Ländern, in denen die Vorstellung vorherrscht, dass man seine eigene Zukunft/ Körper bestimmen muss, wächst die ästhetische Chirurgie. Beispielsweise boomt sie heute in der Volksrepublik China. Vor 20 Jahren war die ästhetische Chirurgie dort noch sehr marginalisiert. Jetzt ist sie an der Tagesordnung. Überall werden Augenlidoperationen vorgenommen. Brustvergrößerungen werden durchgeführt. Schönheitschirurgie ist in Mode, weil die Mittel- und Oberschicht das Gefühl hat, dass sie ihre eigene Zukunft planen und ihren Körper beherrschen kann.

Wie ist es in Deutschland? Dort herrscht bis heute noch eine sehr starke Vorstellung davon, wie ein "Ausländer" auszusehen hat ...
Es beginnt der Trend, dass sich türkische junge Frauen und Männer Nasenverkleinerungsoperationen unterziehen. Seltener aber als anderswo. Die Bundesrepublik war immer eine heimlich ästhetisch-chirurgische Gesellschaft. In Deutschland war die Schönheitsoperation immer eine Praxis der Oberklasse und bürgerlich geprägt. Das ändert sich jetzt. In England ist die Schönheitschirurgie dagegen ein Allerweltsphänomen. Inder, Schwarze und Weiße sind Teil einer Gesellschaft, die sich das Recht nimmt, ihren Körper zu verändern.

Ist Michael Jackson ein Beispiel für die Suchtgefahr der Schönheitschirurgie?
Michael Jackson ist kein klassischer Patient. Er zählt zu einer Gruppe von Patienten, die zwischen fünf und 15 Prozent ausmacht, und niemals zufrieden zu stellen ist.

Ist die "Glückseligkeit", die Patienten durch eine Operation zu erreichen versuchen, von langer Dauer? Ist es nicht illusorisch, Glück über Schönheit erkaufen zu wollen?
Ich antworte auf diese Frage regelmäßig: Eine OP kostet so viel wie ein Kleinwagen. Die Leute sind drei bis fünf Jahre mit ihrer Veränderung zufrieden. Nach drei oder fünf Jahren kaufen sich die meisten Leute ein neues Auto. Jedem sei es selbst überlassen, wie er seine Glückseligkeit erreichen will, ist meine Meinung.

Das Gespräch führte Steffen Stadthaus


00:00 23.04.2004

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