Nur ein Schatten

Mauer der Entfremdung Jhumpa Lahiris Ost-West Geschichten »Melancholie der Ankunft« pendeln zwischen den USA und Indien

Ich stellte mir vor, wie Mr. Pirzadas Töchter morgens aufstanden, sich Schleifen ins Haar banden, ans Frühstück dachten, sich für die Schule fertig machten. Unsere eigenen Mahlzeiten, unsere eigenen Tätigkeiten waren nur der Widerschein dessen, was in Dhaka bereits geschehen war, ein hinterherhinkender Schatten von Mr. Pirzadas eigentlicher Welt.«

Was die eigentliche Welt ist, und was deren Widerschein: Diese Frage ist auf die eine oder andere Art Thema sämtlicher Geschichten in Jhumpa Lahiris mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Band Melancholie der Ankunft. Sechs der neun Geschichten spielen in den USA, drei in Indien. Fast alle Figuren haben indische Vorfahren. Wo die eine Welt nicht ist, scheint sie herein und überstrahlt nicht selten die andere. Mr. Pirzada aus Dhaka, zu einem Studienaufenthalt in den USA, verfolgt nur über den Fernseher der befreundeten indischstämmigen Familie die blutigen Geschehnisse, die in seiner Heimat während des ostpakistanischen Kampfes um die Unabhängigkeit stattfinden. Die kleine Tochter der Gastfamilie macht an Mr. Pirzada, dem regelmäßigen Besuch, vielleicht zum ersten Mal die Erfahrung, wie mächtig eine abwesende Wirklichkeit sein kann. Auch in der Geschichte Bei Mrs. Sen sind es die verwunderten Augen eines Kindes, durch die man die Heldin und ihre Wohnung kennen lernt: eine kleine Insel Indien im fremden Meer Amerika. Auf der Suche nach einer neuen Kinderfrau war Eliots alleinerziehende Mutter auf die Anzeige der Professorenfrau Mrs. Sen gestoßen, und als Eliot mit seiner Mutter Mrs. Sen in ihrem Sari und mit dem Hennastrich auf dem Kopf aufsucht, in dieser Wohnung voller fremdartiger Gegenstände und Gebräuche, erlebt auch er plötzlich eine Verschiebung der Perspektive, die den Horizont der kindlichen Anhänglichkeit ans Vertraute sprengt. »(...) wer komisch aussah, fand Eliot, war seine Mutter in ihren beigen Shorts mit Aufschlag und ihren Espadrilles. Ihr kurz geschnittenes Haar, im Farbton ähnlich wie die Shorts, wirkte zu strähnig und zu nüchtern und ihre rasierten Knie und Schenkel zu nackt in diesem Raum, in dem alles so sorgsam bedeckt war.« Das Fremde, mit einer Inbrunst gepflegt, die verrät: Dies ist die »eigentliche Welt«, kann plötzlich auch einem anderen vertrauter sein als alles Bekannte.

Diese Erfahrung wird - so darf man vermuten - der 33jährigen bengalenstämmigen, in London und Rhode Island aufgewachsenen Autorin selbst so nahe sein, dass sie in ihren Texten immer wieder nach verschiedenen Perspektiven sucht, um sie zu fassen. Neben den erstaunten Kindern sind es in anderen Geschichten junge Männer, häufiger noch junge Frauen, mit deren Augen wir schauen: Ihre Erfahrung der Entfremdung spielt am Schauplatz Partnerschaft, aber hat immer von Ferne etwas mit der Herkunft von »ganz weit her« zu tun. Sanjeev, mit 33 aufstrebender Manager mit Führungschancen, ist in der Liebe unerfahren wie ein Kind. In einem Überschwang der Ereignisse hat er nach kurzem Kennen die selbstbewusste, temperamentvolle Twinkle geheiratet, um jetzt ratlos und verärgert zu erleben, wie sie die festen Ordnungen seines Lebens in weit größerem Maß sprengt, als er sich das gewünscht hat. Twinkle ist begeistert über allerhand christliche Fetische, die sie im frisch gekauften gemeinsamen Haus entdeckt. Und an der Frage, ob sie an einen Ehrenplatz oder auf den Müllhaufen gehören, entbrennt ein Konflikt nicht nur der unterschiedlichen kulturellen Herkunft, sondern vor allem der persönlichen Geschichte und Lebenshaltungen.

Entfremdung ist, was Shoba und Shukumar erleben, seit ihre junge zärtliche Liebe den Schock der Totgeburt des ersten Babys erlitt: Schmerz und Sprachlosigkeit frieren fest zu einer Mauer zwischen beiden. Was dann plötzlich doch wie ein Tauwetter, wie die Geschichte des Zueinanderfindens aussieht, entpuppt sich - genauso plötzlich - als äußerst bewegend erzählter Abschied.

Lahiris Figuren haben die Weite der zwischen zwei Welten Lebenden in sich; eine Weite, die zugleich Verlorenheit ist, in der die privat-persönlichen Entfremdungen etwas wie einen größeren Resonanzboden, einen tieferen Nachhall haben. Das kleine Mädchen in Amerika hatte durch Mr. Pirzada ein Stück Welt begriffen: Das Ineinanderverschlungensein der Weltverhältnisse hat sich ihr als Ineinanderverschlungensein menschlicher Geschicke vermittelt. Nichts davon lernt sie im eigenen Schulunterricht, wo unbeeindruckt vom Rest der Welt US-amerikanische Selbstherrlichkeit sich feiert.

Jhumpa Lahiri aber geht es vor allem darum, zu verstehen, was Fremdheit ist, nicht darum, eine Kultur gegen die andere auszuspielen. Fremdheit ist ein Loch im Menschen, und durch bestimmte Umstände kann es tiefer ausgegraben, ausgehöhlt und dann zum Abgrund werden. Die mit Leichtigkeit und erzählerischem Können geschriebenen Geschichten schweben auf merkwürdige Art zwischen (nicht fortgeführten) Romananfängen und (abrupt beendeten) Short Stories. Die Textschlüsse sind das einzige Moment, an dem man der Autorin Stilunsicherheit vorwerfen könnte: Sie nimmt Anlauf zu größeren Strecken, als sie im Verlauf durchhält und versucht dann, mit merkwürdiger Melancholie einen Text zu runden, bevor aber seine Motive ausgeschöpft, die angelegten Beziehungsgeschichten fertig erzählt sind.

Jhumpa Lahiri schreibt, so hört man, inzwischen an ihrem ersten Roman: Die Exposition, die Figuren, werden ihr Problem nicht sein. Auch ihr Thema hat sie noch lange nicht erschöpft; gespannt sein darf man also allemal, gespannt ob einer reizvollen und vielversprechenden Unsicherheit. Ob diese freilich jetzt schon mit dem Pulitzer-Preis hätte belohnt werden müssen, ist eine andere Frage.

Jhumpa Lahiri: Melancholie der Ankunft. Aus dem Amerikanischen von Barbara Heller. Karl Blessing Verlag, München 2000, 256 S., 36,- DM

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00:00 03.08.2001

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