Nur eine Delle oder schon der Abschwung?

Flaute Für eine Fortsetzung der Konjunktur in der Bundesrepublik spricht derzeit nicht viel

Dass der Aufschwung stockt, ist eine Tatsache. Ob es sich dabei lediglich um eine Wachstumsdelle handelt, wie die Bundesregierung behauptet, um eine konjunkturelle Pause von ein paar Monaten oder schon um den Abschwung, den Beginn einer Rezession, ist eine noch offene Frage.

Genau wird man dies erst am Jahresende wissen, wenn die Wirtschaftsdaten für 2008 und zuverlässige Vorhersagen für 2009 vorliegen. Aber schon jetzt lassen sich anhand bestimmter Indikatoren Tendenzen ausmachen, die eher auf einen Abschwung als auf eine bloße Wachstumspause hindeuten. Konjunkturpessimisten wie Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in der Hans-Böckler-Stiftung verweisen hierauf. Es gibt auch die gegenteilige Sicht, was für Konjunkturoptimisten Anlass ist, auf eine Fortsetzung des Aufschwungs zu hoffen. So zeigt der Ifo-Geschäftsklimaindex für die gewerbliche Wirtschaft bislang noch ein ungetrübtes Bild der Stimmung in Deutschland. Auch ist der befürchtete Kreditengpass infolge der Finanzkrise im Euro-Raum bisher ausgeblieben. Eine Entwarnung hat es bisher aber auch nicht gegeben. Vielleicht erleben wir eine verzögerte Reaktion und das "dicke Ende" kommt noch.

Schaut man sich die aktuellen Konjunkturdaten an, so spricht vieles für einen baldigen Abschwung in der Welt, in den USA und auch in Deutschland. Die Tatsache, dass der Konjunkturmotor in der deutschen Wirtschaft erst 2004, also mit erheblicher zeitlicher Verzögerung, angesprungen ist, berechtigt nicht zu der Annahme, dass er hier länger laufen wird als anderswo. Kommt es in den USA zu einer Rezession und in Asien und Europa zu einer Abkühlung, so ist auch in der Bundesrepublik mit einem mehr oder weniger abrupten Ende der Konjunktur zu rechnen.

Dies erklärt sich besonders aus den Faktoren, die den Aufschwung hier zu Lande bewirkt haben und ihn bis heute tragen. Diese sind erstens der Export, zweitens die Investitionen der Unternehmen und drittens die Reformpolitik der Regierung. Dagegen haben die stabilitätsorientierte Geldpolitik der Europäischen Zentralbank und die auf Konsolidierung bedachte Finanzpolitik des Staates bisher eher wenig zur Belebung der wirtschaftlichen Lage beigetragen. Und die zurückhaltende Lohnentwicklung und der private Konsum waren in ihrer Wirkung sogar ausgesprochen kontraproduktiv. Ob sich dies künftig ändert, hängt von den tariflichen und einkommenspolitischen Entscheidungen des Jahres 2008 ab.

Bis 2004 gingen von der binnenwirtschaftlichen Marktkonstellation und der Wirtschaftspolitik in Deutschland keine Impulse für einen Aufschwung aus. Die Bundesrepublik war in einer selbstverschuldeten Stagnationsfalle gefangen. Erst der Anstieg der Exportnachfrage - also ein Impuls von außen - brachte eine durchgreifende Verbesserung. Die Reformpolitik der Agenda 2010 trug zum Aufschwung bei, indem sie eine Erhöhung des Arbeitsangebotes bewirkt hat. Da sich jedoch gleichzeitig die Sozialausgaben des Staates und damit die Transfereinkommen der Nichtbeschäftigten sowie vieler Beschäftigter im Niedriglohnsektor verringerten, ist die Wirkung der Maßnahmen insgesamt widersprüchlich.

Der Höhepunkt der Konjunktur dürfte im vierten Quartal 2006 und im ersten Quartal 2007 gelegen haben. Danach ging es moderat weiter - bis im verregneten Sommer 2007 der Abschwung eingeläutet wurde. Wo? Auf dem Weltmarkt, dessen Wachstum allmählich nachlässt, was Deutschlands Exportwirtschaft tangiert. Ferner in den USA, wo von einer drohenden Rezession die Rede ist, der sich, wenn sie denn eintritt, kaum eine Volkswirtschaft wird entziehen können. Von Bedeutung ist auch die Entwicklung auf den Finanzmärkten, wo nicht nur die US-Hypotheken- und Immobilienmarktkrise ihre fatalen Kreise zieht, sondern inzwischen auch eine invers genannte Zinsstruktur für Beunruhigung sorgt, die durch höhere Zinsen auf den Geldmärkten gegenüber den Kapitalmärkten charakterisiert ist. Dies gilt auch als Frühindikator für eine Rezession: Liquidität wird teurer und die Zinsen für langfristige Kredite und Geldanlagen fallen. Die Investitionen der Unternehmen reagieren hierauf und gehen zurück. Ebenso der Export, da eine nachlassende Investitionstätigkeit weltweit die Auslandsnachfrage nach deutschen Produkten dämpft.

Damit fallen die beiden Hauptimpulsgeber für den Aufschwung künftig aus. Retten ließe sich die Situation durch eine verstärkte Ausgabentätigkeit des Staates und eine großzügigere Lohnpolitik. Dies würde binnenwirtschaftlichen Impulsen eine größere Rolle verschaffen und helfen, die Konsumschwäche Deutschlands zu überwinden. Dafür müsste sich der Bund aber von seinem Ziel, in den nächsten Jahren ein Haushaltsdefizit von Null zu erreichen, verabschieden. Und die Unternehmen müssten begreifen, dass Löhne nicht nur Kosten darstellen, sondern auch nachfragewirksame Einkommen, deren Anstieg eine Umsatzsteigerung bedeutet.

Alles in allem ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Aufschwung zu Ende geht und von einem wirtschaftlichen Abschwung abgelöst wird, derzeit größer als die Chance, dass es sich bei der gegenwärtigen Flaute nur um eine vorübergehende Wachstumsdelle handelt. Dafür spricht auch die Entwicklung an den Börsen. Die Aktienkurse sind ein zuverlässiger Indikator für den Konjunkturverlauf. In ihnen spiegelt sich, zeitlich vorweggenommen um sechs bis zwölf Monate, die Entwicklung der realen Wirtschaft wider. Der letzte Aufwärtstrend beim DAX setzte im Frühjahr 2003 ein, ein Jahr bevor der Aufschwung begann. Das Maximum von 8.131 Punkten wurde am 20. Juni 2007 erreicht. Seit Jahresanfang 2008 fällt der DAX - bis Ende Februar um mehr als 15 Prozent. Das ist eine klare Botschaft: Der Abschwung hat begonnen.

Ulrich Busch ist Wirtschaftswissenschaftler am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin.

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