Nur einen Moment

Im Kino »After Life« von Hirokazu Kore-Eda aus Japan stellt das eigene Leben auf den Prüfstand

So sieht das Fegefeuer also aus: Draußen fallen die Blätter von den herbstlichen Bäumen und in dem großen Gebäude blättert der Putz von den Wänden, breiten sich Wasserflecken aus und brennen leicht mal die Sicherungen durch, wenn zu viele Gäste gleichzeitig das Kabel ihres Föns in die alte Steckdose schieben. Wir haben Montag, und 22 neue Fälle sind gerade aus dem hellen Todes-Licht in das Areal getreten, von denen sich einige zu einer harten Nuss für die Berater der ansässigen Firma entwickeln werden.

»Sie sind verstorben«, lautet die Standard-Begrüßung im Zwischenreich, wenn die Neuzugänge die kleinen Büros betreten, »mein Beileid«. »Ebenfalls«, gibt eine ältere Frau zurück, freundlich-distanziert lächelnd. Wie allen Anderen eröffnet ein Angestellter nun auch ihr, dass vor dem Eintritt ins Jenseits noch eine wichtige Aufgabe auf sie wartet. Bis Mittwoch muss sie mit Unterstützung eines Beraters die ihr liebste Erinnerung aus ihrem Leben auswählen und möglichst genau beschreiben. Der Rest der Woche ist für deren Verfilmung vorgesehen. Am Ende des Aufenthalts werden alle Gäste in den hauseigenen Vorführraum gebeten, wo die so entstandenen Kurzfilme einer nach dem anderen vorgeführt werden. Kann die nachgestellte Szene die Erinnerung stark genug wecken und auffrischen, ist der Betreffende ins Jenseits verschwunden, sobald das Licht im Kino wieder angeht. Allerdings kann er dorthin nichts anderes mitnehmen als dieses eine Ereignis, in dem er nun ewig leben wird.

Doch was, wenn dieses Ereignis in Wahrheit gar nicht so stattgefunden hat, wie man es erinnert? Eine Schauspielerin, die auch in Bezug auf ihr wirkliches Alter ihren Betreuer beschummelt, ändert das zentrale Erlebnis ihres Lebens aus Selbstschutzgründen ab. Die Crew des Zwischenreichs soll das leidenschaftliche Zusammensein mit ihrem Geliebten in einem Hotelzimmer aufnehmen, während sie »eigentlich« doch vergeblich auf ihn gewartet hat. Ein vergleichsweise leicht zu lösendes Beraterproblem stellt die übereilte Auswahl eines anderen Mädchens dar. Schon nach wenigen Gesprächsminuten hat sie sich für eine Achterbahnfahrt in Disneyland entschieden, doch dem Berater gelingt es, der Pubertierenden klar zu machen, dass sie sich für ihre noch auf die Eltern fixierten Gefühle bloß schämt. Sie wechselt noch rechtzeitig vor Drehbeginn zum ewigen Gedenken an den Geruch der Mutter, als ihr Kopf auf deren Schoß lag. Als ähnlich gelagert erweist sich der Fall eines gealterten Möchtegern-Playboys, der seinen Helfer ohne Unterlass mit Erzählungen über Prostituierte nervt. Er entscheidet sich schließlich abrupt für den Hochzeitstag seiner Tochter.

Für die Bediensteten der kleinen Firma gibt es diese Woche aber auch richtige Problemfälle. Einer muss sich erst mühsam darauf einstellen, dass die senile, ihm gegenüber sitzende Greisin in der Welt eines neunjährigen Mädchens lebt und lieber auf dem Gesprächstisch im Garten gesammelte Eicheln ausbreitet, als auf seine Fragen zu antworten. Und als immer schwieriger statt einfacher entpuppt es sich, den trotzigen Starrsinn eines 22-jährigen Arbeitslosen zu brechen, der einfach nichts auswählen will. »Die Vergangenheit ist doch tot«, sagt er und fordert eine Episode aus der Zukunft. Doch dies zu erfüllen verbieten die Gesetze des Himmels. Was macht man als Berater aber gar, wenn ein Klient die Wahl verweigert, weil sein Leben so durchschnittlich war, dass nichts daraus positiv hervorleuchtet? Spätestens bei dieser Szene legt auch der routinierteste Kinobesucher seine Distanz ab und sieht sich selbst für einen bangen Moment an trauriger Mittelmaß-Stelle. Und stellt sich Fragen.

Wie viele Erinnerungen haben wir eigentlich, mit denen wir gerne in die Ewigkeit eingehen würden? Als der ratlose Mann vor den 71 Videokassetten sitzt, die für 71 Jahre seines Lebens stehen, und eine nach der anderen in den Geräteschlitz steckt, um etwas Besonderes aus seinem Leben zu finden, dreht Regisseur Hirokazu Kore-Eda die Daumenschraube sogar noch ein Stück enger: Wäre es vielleicht nötig, dem eigenen Leben vor dem Tod noch eine radikale Wendung zu verleihen, um nicht so zu enden wie dieser arme Mann?

After Life ist fest im Boden seines Entstehungslandes verankert. Höfliches Verbeugen, Zurückhaltung im Gespräch und Teetrinken bleiben auch nach dem Leben in Japan noch äußerst wichtig. Doch kann die staubige Zwischenreichs-Firma der Erinnerungsverfilmer das »alte Europa« genauso betroffen machen. Die Angst vor der vergeudeten Existenz ist schließlich universell. Fünf Jahre hat es trotzdem gebraucht, bis dieser schlichte wie brillante Film von den Festivals, wo er wieder und wieder ausgezeichnet wurde, in unsere Kinos kam. Aber gut Ding braucht manchmal eben Weile. Auch für die Auswahl der finalen Erinnerung lässt man sich ja lieber zu viel Zeit als zu wenig. Oder?

00:00 25.04.2003

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