Nur im äußersten Notfall

Dokumentation Meldungen des sowjetischen Oberkommandos in der DDR an die UdSSR-Regierung zwischen dem 17. und 30. Juni 1953

Die russische Militärrundschau Nesawisimoe Woennoe Obosrenie dokumentiert in ihrer Ausgabe vom 6. Juni 2003 mit einer Abhandlung des Militärhistorikers, Oberst Michail G. Leschin, wichtige Lagemeldungen, die von der Gruppe der Sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland (GSOWG) im Juni 1953 nach Moskau übermittelt wurden. Die im folgenden veröffentlichten Auszüge beginnen mit der ersten Nachricht, die am Morgen des 17. Juni 1953 aus Berlin an Wjatscheslaw Molotow und Nikolai Bulganin, den Außen- beziehungsweise Verteidigungsminister der UdSSR, gesendet wurde.

Auf Bitten der DDR-Regierung stellte die GSOWG 450 motorisierte Militärangehörige zum Schutz wichtiger staatlicher Objekte ab. Vorher ist mit der deutschen Seite vereinbart worden, dass sowjetische Truppen nur im äußersten Notfall zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung eingesetzt werden dürfen." Die Führung der sowjetischen Truppen in Berlin übernahm der Oberkommandierende der GSOWG, Generaloberst Andrei Gretschko.

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Nach Analyse der entstandenen Lage entscheidet die sowjetische Führung am späten Vormittag des 17. Juni 1953, Teile der GSOWG aktiver als bisher zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung heranzuziehen. Ab 13.00 Uhr wird über den sowjetischen Sektor Berlins der Ausnahmezustand verhängt. "Unsere Truppen" - heißt es in der entsprechenden Meldung - "übernehmen den Schutz aller wichtigen Regierungsgebäude. Über Magdeburg, Leipzig, Dresden, Halle, Görlitz, Brandenburg ist ebenfalls der Ausnahmezustand verhängt."

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Gegen Abend trifft der Chef des Generalstabs und Erste stellvertretende Verteidigungsminister der UdSSR, Marschall Wassili Sokolowski (von 1946 bis 1949 GSOWG-Oberkommandierender) in Berlin ein. 19.30 Uhr ergeht an die sowjetischen Truppen in der DDR ein vom Oberkommandierenden der GSOWG sowie vom Chef des Stabes, Generaloberst Tarasow, gezeichneter Befehl zur Auslösung von Gefechtsalarm sowie der Verlegung von Truppen aus Feldlagern in Gebiete der DDR, in denen es zu Unruhen gekommen ist.

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Laut Abschlussbericht General Gretschkos an den Verteidigungsminister ist bis 23.00 Uhr im sowjetischen Sektor Berlins die öffentliche Ordnung wieder hergestellt. Darüber hinaus wird mitgeteilt, dass im englischen Sektor von Berlin ebenfalls der Ausnahmezustand verhängt wurde.

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Noch am 17. Juni erreicht den Verteidigungsminister der UdSSR die Meldung der Marschälle Sokolowski und Goworow, wonach die Ereignisse in der DDR von langer Hand geplant seien. "Die Unruhen begannen praktisch gleichzeitig in vielen großen Städten Ostdeutschlands; die Demonstranten gingen überall mit der gleichen Taktik vor (Arbeitsniederlegungen, versuchte Besetzung bestimmter Gebäude: Kreisleitungen der SED, Einrichtungen der Staatssicherheit, Gefängnisse), Benutzung einheitlicher Losungen ..."

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Ende Juni 1953 meldet das GSOWG-Oberkommando, während der Ereignisse seien 8.029 Personen verhaftet worden. "Auf Seiten der an den Unruhen Beteiligten gab es 33 Tote und 132 Verletzte. Sechs aktive Provokateure wurden standgerichtlich zum Tode durch Erschießen verurteilt. Unter den Anhängern der SED gab es 17 Tote und 166 Verletzte." Weiter heißt es: "Zwischen dem 19. und 29. Juni kehrten aus den Westsektoren 22.758 DDR-Bürger zurück, die sich nach dem 17. Juni dorthin begeben hatten. Zwischen dem 17. und 29. Juni wurden 9.530 Personen festgenommen, von denen 5.280 nach kurzer Zeit wieder frei kamen. Gegen 2.445 Personen wurde Haftbefehl erlassen; gegen 1.213 davon Anklage erhoben. Deutsche Gerichte verurteilten 279 Personen und sprachen 40 frei.

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Bereits am 25. Juni kabelt Marschall Sokolowski an Bulganin: "Wie eine Reihe von Fakten belegen, ist die feindliche Agentur von offenen Auftritten zu Untergrundaktionen übergegangen, die darauf abzielen, die politische und wirtschaftliche Führung der DDR zu zersetzen und zu provozieren ..."

Übersetzung aus dem Russischen: Katharina Stephan

00:00 13.06.2003

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