Nur jetzt nicht wackeln!

AUGUREN-RAT VOR DER TARIFRUNDE Wenn die Konjunktur schwächelt, die Lohnpolitik "verstetigen"

Die Arbeitsgemeinschaft der sechs wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute (*) hatte bei ihrem jüngst kolportierten Frühjahrsgutachten nicht nur eine Konjunkturdelle zu vermelden, indem sie den mittelfristigen Wachstumstrend der deutschen Wirtschaft zurückstufte. Es gab auch jede Menge Verhaltensempfehlungen, besonders an die Adresse der Gewerkschaften und des Staates gerichtet. Wo die Konjunktur dümpelt, kann die Lohnpolitik nicht klotzen wollen, ließe sich eines dieser Gebote vergröbern. Die Auguren aus München, Berlin, Kiel, Halle, Hamburg und Essen rieten zu einer möglichst "mehrjährigen Verstetigung der Lohnpolitik". Die Tarifparteien sollten sich bei den anstehenden Lohnrunden weniger vom Fall in konjunkturelle Wellentäler beeindrucken lassen - einzig und allein die Höhe der Arbeitslosigkeit und die Produktivitätsentwicklung sollten maßgebend sein, vor allem die Zurückhaltung der Vorjahre. Vor einem möglicherweise turbulenten Tarifgeschehen eine ziemlich unverhohlene Aufforderung zum Maßhalten in der Lohnpolitik. Allerdings vermochten die Ratgeber nicht zu erklären, weshalb bei soviel Augenmaß während der Tarifabschlüsse seit Mitte der neunziger Jahre keine relevanten Beschäftigungseffekte eingetreten sind und sich nach ihren eigenen Prognosen auch für 2001 oder 2002 (s. Übersicht) nur marginal abzeichnen.

Schließlich sollte auch der Staat seine öffentliche Ausgabenpolitik weniger an kurzfristigen, sondern mehr an "längerfristig wachstumsfördernden Investitionen (Infrastruktur, Bildung usw.)" ausrichten, hieß es. Ohnehin dürften sich die öffentlichen Kassen nur dann auf zusätzliche Ausgaben festlegen lassen, wenn damit Einsparungen an anderer Stelle einhergingen. Eine eindeutige Absage an mehr öffentliche Investitionen, aber auch an eine von den privaten Einkommen ausgehende Binnenmarktentwicklung - stattdessen eher Stagnation bei der Einkommensentwicklung auf Arbeitnehmerseite (s. Übersicht).

(*) DIW Berlin, Hamburgisches Weltwirtschafts-Archiv (HWWA), Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, Institut für Wirtschaftsforschung Halle, Ifo Institut für Wirtschaftsforschung München, Institut für Wirtschaftsforschung Essen.

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00:00 11.05.2001
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Ausgabe 43/2021

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