Nur kein Aufstand

Kunduz Wer einige Zeit mit den deutschen Soldaten in Kunduz lebt, merkt: Der afghanische Alltag passt nicht zu den Strategien der Politik

Tagsüber ist auf das Handynetz Verlass. Bis zu seiner Abschaltung um 18 Uhr können sich die Soldaten darauf konzentrieren, die Bauern auf den Feldern rings um den Außenposten zu beobachten. Brechen die ihre Arbeit ab und verschwinden in den Häusern, ist es Zeit Alarm zu schlagen. Die Dorfbewohner werden bei Angriffen frühzeitig per Telefon informiert. Dann suchen sie Schutz, oder sie greifen selbst zur Waffe. Die Bundeswehr kämpft in Nord-Afghanistan längst nicht nur gegen militante Islamisten, die Loyalitäten in der Bevölkerung wechseln fast täglich. Von Taliban spricht deshalb keiner der Soldaten. Sie nennen ihre Gegner lieber „Insurgenten“, Militärdeutsch für „Aufständische“.

Der Außenposten der Deutschen heißt im NATO-Jargon PHQ, weil gleich neben dem umfunktionierten Rohbau die „Police Headquarters“ der afghanischen Polizei stehen. Im Innenhof des PHQ verbrennen die Soldaten alte Kartonverpackungen in einer mit Steinen begrenzten Feuerstelle – bei sengender Sonne und über 40 Grad. Unter den Wachtürmen im Schatten eines unverputzten Säulengangs, sitzen der Chef der Kompanie, sein Vize und weitere Soldaten auf weißen Plastikstühlen. T-Shirt, Badelatschen, bei manchem fehlt das Rangabzeichen. Bei Laune hält man sich mit Zigaretten und Instant-Cappuccino-Pulver, das die Soldaten in Halbliter-Flaschen mit kaltem Trinkwasser schütten. Ein Diesel-Generator knattert eintönig vor sich hin.

„Wir müssen sehr viel präsenter in einem begrenzten Raum sein“, fordert Wehrminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Nicht mehr in den Lagern bleiben, raus in die Dörfer. Dem Gegner sollen die Rückzugsräume genommen werden. Zugleich sollen Angehörige der afghanischen Polizei und Armee ausgebildet werden, damit die Afghanen von 2014 an „selbst für ihre Sicherheit sorgen“. So verlangte es Außenminister Guido Westerwelle am Dienstag auf der Internationalen Afghanistankonferenz in Kabul.

Für die deutschen Soldaten lautet der Auftrag daher: „Raumüberwachung“. Im Bereich des Bundeswehr-Lagers Kunduz ist ihr Aktionsgebiet überschaubar. Auf einer Landkarte bildet der überwachte Raum ein Viereck mit etwa sechs Kilometer langen Seitenkanten. Unten rechts auf der Landkarte liegt das Lager, das immer noch den Namen „Provincial Reconstruction Team“ trägt – auch wenn die Bundeswehr derzeit kaum an so etwas wie Wiederaufbau denkt. Rechts oben wird das Gebiet durch den Übergang über den Kunduz-Fluss begrenzt – für deutsche Soldaten ist diese Brücke der Meldepunkt „Rhein“. Links oben markiert das PHQ das gedachte Viereck – eine mit Sandsäcken befestigte Baustelle, für jeweils eine Woche bewohnt von gut 40 Soldaten.

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Dort sitzen in einem zum Innenhof offenen Raum ein weiteres Grüppchen von Männern, es sind von der Nachtpatrouille müde Soldaten, vor einem Flachbildschirm. Es läuft RTL 2, „Schnäppchen Häuser“ – Doku-Soaps helfen beim Abschalten. Die Wände des Flachbaus rund um den Hof sind unverputzt, Fenster fehlen. In einer Ecke stapeln sich die Kisten mit Wasserflaschen bis auf Schulterhöhe. Daneben liegt eine Anti-Panzerrakete. Am Ende des Ganges dann ein Raum, in dem ein Soldat ein Gebilde aus leeren Getränkekisten, Sandsäcken und einem Besenstiel stemmt – Sport im improvisierten Kraftraum.

Auf der anderen Seite des Innenhofs sind ein paar Fensterdurchbrüche mit blickdichter Folie abgeklebt: die Kommandozentrale der Kompanie. Von außen hört man Funksprüche. Im Inneren sind auf einer Landkarte die deutschen Stellungen verzeichnet. Daneben eine Liste der „Truppen mit Feindberührung“ der vergangenen zwei Monate. Im Mai und Juni gab es kaum eine Woche, in der keine Zwischenfälle zu vermelden waren, kaum eine Woche, in der nicht ein Fahrzeug der Bundeswehr durch Sprengsätze beschädigt wurde.

Es gibt etwa 4.500 deutsche Soldaten in Afghanistan, doch weit mehr als die Hälfte verlässt die Lager Masar-i-Sharif, Kunduz, Feizabad und Taloqan nicht. In Kunduz sind es immerhin drei Kompanien mit je 120 Soldaten, die im Wechsel auch längere Touren außerhalb des Lagers machen. Hier, im Landkreis Char Darrah, fährt die Bundeswehr nicht nur Patrouille, nicht nur gelegentliche Einsätze, hier hat sie sich seit Ende letzten Jahres dauerhaft festgesetzt.

„Raumüberwachung“, das ist der Blick der Wachen vom Dach des PHQ, das sind 500 Meter weiter postierte Beobachter in gepanzerten Fahrzeugen, das sind Scharfschützen, die sich drei Tage lang möglichst bewegungslos in eine Böschung legen, das sind auch Kontrollgänge in der Nacht. Zu Fuß, ohne die lärmenden Fahrzeuge, in Schusswesten, mit Nachtsichtgeräten am Helm gehen dann etwa 20 Soldaten auf Nachtpatrouille entlang der Zufahrtstraße, die auf den Karten der NATO „LOC Kamins“ heißt. LOC steht für „Line of Communication“, doch wenige Kilometer von hier, nicht weit hinter den Beobachtern in den gepanzerten Fahrzeugen, hört das Aktionsgebiet der Bundeswehr faktisch auf.

Eine verbotene Front

Dahinter und auch nördlich der Polizeistation, so sagen die Soldaten, liege das „Special Forces Territory“. Dort agieren die auch im Norden Afghanistans jetzt deutlich verstärkten US-Truppen. Was genau die Spezialkräfte jenseits der Bundeswehr-Stellungen tun, möchte zumindest die politische Führung in Berlin gar nicht so genau wissen – auch wenn dies alles im Verantwortungsbereich des von der Bundeswehr geführten Regionalkommandos liegt.

Entlang des zugänglichen Straßenabschnitts suchen die Soldaten nach Anzeichen für selbstgebaute Sprengsätze, die für die meisten Toten und Verletzten unter den inzwischen 119.000 ISAF-Soldaten verantwortlich sind. Das Warten auf einen unsichtbaren Gegner hat die Soldaten zermürbt. „Seit wir auch beschossen werden, ist es für uns in gewisser Weise leichter geworden“, sagt ein Offizier im PHQ. Jetzt sei man endlich als Infanterist gefordert. Was im politischen Berlin als Eskalation gefürchtet ist, gilt hier manchen als Ausbruch aus der passiven Rolle. Bei Gefechten kann man zurückschießen. Man fühlt sich wie ein Soldat, der handelt anstatt abzuwarten. Schüsse lenken von der Ohnmacht ab.

Die Nachtpatrouille sucht nach Spuren, nach Zündkabeln, nach Personen, die einen Sprengsatz vergraben. Die Bauern arbeiten hier auch nachts auf den Feldern, um der brütenden Hitze zu entgehen. Wenn keine Fußpatrouille unterwegs ist, erschüttert in unregelmäßigen Abständen der Abschuss großer Leuchtraketen die Umgebung. Sie sollen die LOC Kamins erleuchten und es der Kompanie erleichtern, nachts Bewegungen aus der Ferne zu erkennen.

Keine zwei Kilometer südlich vom Posten PHQ liegt die „Höhe 431“, ein Lehmhügel, kaum 50 Meter breit, 20 Meter hoch, benannt nach der Erhebung in Metern über Normal Null. Schon die Sowjets haben hier gewacht. Von hier aus ist ein großes Stück der LOC Kamins einsehbar. Die Höhe 431 ist ein System von hüfthohen Gängen, mit Schlafräumen in Erdhöhlen und Schießständen unter Holzverschlägen. Auch hier gilt der Blick der etwa 15 für eine Woche auf der Höhe stationierten Soldaten Bauern, die von den Felder verschwinden, den Gräben, in denen Waffen versteckt werden – und auch der Straße „Little Pluto“ die von hier weiter Richtung Süden führt. Wer Little Pluto einen Kilometer folgt, stößt auf einen weiteren Lehmhügel. Wieder Schützengräben, Holzverschläge, ein Dixi-Klo, ein Generator, Sandsäcke, Gaskocher, Granatwerfer, Scharfschützengewehre, Feldbetten. Der vermeintlich so moderne Krieg des 21. Jahrhunderts sieht hier sehr altmodisch aus. „Höhe 432“ ist so etwas wie die Front der Bundeswehr im Raum Kunduz. Dabei dürfte es in diesem Krieg, der nach dem Willen der Bundesregierung keiner sein soll, gar keine Front geben. Schließlich sollen Soldaten nach Aufständischen und Zivilisten unterscheiden – die einen bekämpfen, die anderen schützen.

Abzug sieht anders aus

Und dann sollen sie noch die afghanische Armee ausbilden. Tatsächlich wollte die Bundeswehr auf der Höhe 432 nur ein paar Wochen ausharren, als sie diesen Posten im Dezember 2009 bezog. Schon im Januar, so der Plan, sollte die afghanische Nationalarmee nachrücken. Doch von Afghanen ist nichts zu sehen. Hier glaubt kaum jemand, dass sich das ändert, wenn die auf den Höhen 431 und 432 eingesetzten Kompanien künftig Teil eines „Ausbildungs- und Schutzbatallions“ sein werden. „Die Übergabe in Verantwortung“, die Formel an die sich die Wehrpolitiker jetzt klammern, hier sollte sie demonstriert werden.

Afghanen sind zwar manchmal auf dem Lehmhügel präsent, aber es sind Hilfsarbeiter, die die deutschen Stellungen auf Höhe 432 weiter ausbauen. Im Moment wird der Untergrund in den Gräben und Unterständen mit grobem Kies befestigt. Im nächsten Winter sollen die Soldaten hier nicht wieder knöcheltief im Schlamm stecken. Nach baldigem Abzug sieht das nicht aus.

Solange sie hier sind, würden die Soldaten lieber vorrücken. Das wäre kein Problem, sagen sie. Nur gebe es keine Truppen, um die neu eingenommenen Stellungen zu halten. „Es scheitert am hold“, sagt der junge Oberleutnant, der seit zwei Monaten auf dem Außenposten Dienst tut.

Wen töten? Wen schützen?

„Shape, clear, hold and build“ – das war General Stanley McChrystals Formel für die vermeintlich so neue Strategie in Afghanistan, die auch unter seinem Nachfolger David Petraeus gelten soll: Gegnerische Stellungen sollen nicht mehr nur angegriffen und die Aufständischen vertrieben werden. Die eroberten Gebiete sollen auch dauerhaft gehalten und dort eine staatliche Infrastruktur aufgebaut werden. Statt Bombardements aus der Luft solle es mehr Soldaten in den Dörfern geben. Diese Strategie bedeutet mehr Verletzte und Tote in den eigenen Reihen – und ist schon deshalb unter Soldaten naturgemäß unbeliebt.

Wäre das „hold“ hier erledigt, so sagt es ein Soldat, dann wäre das nächste Ziel klar. Dort unten, wenige hundert Meter von Höhe 432 entfernt, würde man hin. Gerne auch mit etwas schwereren Waffen – „shape and clear“ halt. Wer den politisch befohlenen Stillstand, das perspektivlose Beobachten des Gegners, das ewige Warten eine Weile beobachtet, den kann nicht wundern, dass einige Soldaten hier über einen schnellen Angriff fantasieren.

Dort unten, das ist Isa Kehl, ein Dorf, dessen Name am Karfreitag diesen Jahres den Weg in deutsche Nachrichten fand. Dort unten starben am 2. April drei deutsche Soldaten, als ein Bundeswehr-Konvoi zunächst beschossen wurde und dann ein Fahrzeug auf eine Sprengfalle fuhr. Das ausgebrannte Wrack des gepanzerten Personentransporters steht immer noch dort. Um ihn nicht in die Hände der Aufständischen fallen zu lassen, mussten die Deutschen ihn selbst sprengen. Isa Kehl bildet die untere rechte Ecke des von der Bundeswehr überwachten Gebiets. Von hier aus sind es nicht einmal vier Kilometer Luftlinie bis zum Hauptlager Kunduz. Dazwischen fließt der Fluss. Ein wenig weiter südlich sollen darin noch die Reste der Tanklaster liegen, die in der Nacht zum 4. September auf deutsche Anforderung bombardiert wurden.

17 Messingplatten, 17 Mahnungen

Isa Kehl, so beobachtet man hier auf Höhe 432, sei immer mehr zu einer Festung ausgebaut worden, mit geschützten Schießständen und schweren Waffen. Folgte man der offiziellen Strategie, dann müsste man die Bevölkerung von Isa Kehl vom militärischen Gegnern trennen. Wo aber ist hier die Zivilbevölkerung, wo sind hier die Aufständischen? Wen gilt es hier zu vertreiben oder zu töten, wen gilt es zu schützen? Auch die neue Nato-Strategie für Afghanistan hat darauf keine Antwort. Es geht um Räume, um deren Einnahme, um deren Überwachung. Es geht um eine geographisch sortierte Welt. Das reale Durcheinander passt da nicht ins Bild.

Die Überwachung eines kleinen Stücks des realen Afghanistans, die vom Minister geforderte Präsenz in der Fläche, sie dauert für die in den Außenposten eingesetzten Soldaten in der Regel sieben Tage und Nächte. Dann geht es zurück in das relativ ruhige Lager Kunduz. Eine andere Kompanie übernimmt. Die Soldaten haben ihre Zeit vor allem damit verbracht, die Straße, auf der sie zurückfahren, möglichst von Sprengfallen freizuhalten.

Und doch bleibt die Rückfahrt in das Hauptlager der gefährlichste Teil des Einsatzes. Nach einer halben Stunde signalisieren ein paar heftige Schläge auch den Soldaten ohne Blick ins Freie, dass der Konvoi die Bodenschwellen an der Einfahrt zum Camp passiert hat. Es ist ein Stück künstliches Deutschland im Norden Afghanistans, geschützt durch ein zweieinhalb Kilometer langes System aus Mauern, Gräben und elektronischen Überwachungsanlagen, angewachsen zu einer Kleinstadt mit mehr als tausend Einwohnern. Der erste Halt des Konvois ist ein staubiger Platz. Am Rand steht eine im Halbkreis gebaute Mauer mit 17 Namensplaketten aus Messing. Es sind die Namen der bei Kunduz getöteten deutschen Soldaten.

Eric Chauvistré, geboren 1965, ist der Autor des Buchs Wir Gutkrieger. Warum die Bundeswehr im Ausland scheitern wird (Campus 2009) und war gerade zehn Tage mit der Bundeswehr in der Provinz Kunduz unterwegs.

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09:00 22.07.2010

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