Nur kein Mitleid

Volksbühne Nicht in die Traurigkeitsfalle: Die Syrer Mohammad al-Attar und Omar Abusaada eröffnen mit ihrer „Iphigenie“ Chris Dercons Theaterprogramm
Nur kein Mitleid
Erarbeiten die Klassiker mit ihren Darstellern neu: Mohammad al-Attar (unten) und Omar Abusaada

Foto: Goran Basic/NZZ

Sie ist ein Kriegsopfer. Agamemnon, der Herrscher von Mykene, will seine Tochter Iphigenie für guten Fahrtwind in den Trojanischen Krieg opfern. Euripides untersucht diesen unglaublichen Vorgang in seiner Tragödie Iphigenie in Aulis bis hin zur Rettung der Bedrohten durch die Göttin Diana. Iphigenie wird als Flüchtling nach Tauris versetzt, auf die Halbinsel Krim.

Was Johann Wolfgang von Goethe später aus der Fortsetzung auf Tauris gemacht hat, interessiert den Dramatiker Mohammad al-Attar nicht. Er weiß, dass viele deutsche Oberschüler dieses Stück der außerordentlichen Humanität im Gymnasium lesen, aber für ihn hätte ein solches Andocken mit seinem Verständnis als Autor wenig zu tun. Zusammen mit dem gleichfalls aus Syrien stammenden Regisseur Omar Abusaada hat er in Berlin ein eigenes Verfahren weiterentwickelt, um die Erlebnisse syrischer Flüchtlinge mit der Grundsituation eines antiken Dramas in Beziehung zu setzen und so einem Theater der Augenzeugen Geltung zu verschaffen. Al-Attar schreibt die klassischen Stücke für seine Protagonistinnen nicht um, sondern mit ihnen neu. Abusaada und er haben dies erstmals vor einigen Jahren mit Euripides’ Troerinnen in Jordanien ausprobiert, danach haben sie es in Beirut mit dem Modell der Antigone ausreifen lassen. In der Antigone von Shatila – das einst für Palästinenser errichtete und heute überwiegend von aus Syrien Geflohenen bewohnte Riesenlager – traten Frauen verschiedenen Alters mit ihren eigenen Geschichten auf, die zuvor ein Theater nicht einmal von außen kannten. Es war das Ergebnis einfühlsamster Probenarbeit des Regisseurs und des Autors als Zuhörer, inspiriert von den Schriften der brasilianischen Theaterlegende Augusto Boal zu dessen Theater der Unterdrückten.

Das antike Modell darunter zu erkennen, ist in der Arbeit mit den zum Teil drastischen Berichten der aufregende Mehrwert für die Beteiligten wie für das Publikum. Auch wenn wichtige Figuren dann oft gar nicht mehr vorkommen, etwa der Herrscher Kreon in der Antigone. Der wirke als Prinzip, sagt al-Attar dazu, und das sei in der Situation dieser Frauen viel wirkungsvoller, als ihn auftreten zu lassen. Zudem hätten diese Frauen ja auch die getöteten Männer, Väter, Brüder und Söhne zu beklagen und in ihrem Alltag diesen Verlust zu verkraften. So wird das Antigone-Stück für ein heutiges Verständnis geöffnet.

Schwankende Startbahn

Al-Attar, dessen Name „Parfümmacher“ bedeutet, wurde 1980 in Damaskus geboren. Er studierte dort englische Literatur, später Theaterwissenschaften mit einer Fortsetzung in London. Die Ausbildung in Syrien war gut und bis zu den Exzessen des Regimes voll auf der Höhe der Zeit mit den Tendenzen im internationalen Theater. Heute, sagt er, müsse man natürlich auch sehen, wer da wo mit wem mitgemacht habe. Aber darum kann es nicht allein gehen bei einem erst noch zu organisierenden Theater der über viele Länder verteilten syrischen Diaspora. Die Theatermacher müssen sich für ihre Arbeit zusammentun, was genauso kompliziert ist, wie als Einzelgänger weitermachen zu wollen.

Vergangenes Wochenende kam im Berliner Haus der Kulturen der Welt eine kleinere Arbeit von al-Attar zur Aufführung, Aleppo. A Portrait of Absence. Er formulierte dazu einen Kommentar, der sich wohl insgesamt auf die Situation syrischer Theatermacher im Ausland beziehen lässt: Wir dürfen nicht in die Falle gehen, Syrien allein mit der Sprache von Verzweiflung, Traurigkeit und Nostalgie zu schildern. Bei allen Schwierigkeiten ist es notwendig, dass Syrer ihre Geschichten aus ihrer Perspektive erzählen, und zwar nicht nur untereinander, sondern direkt zu anderen.

Als Autor, der vor allem mit erst entstehenden Theaterprojekten seine eigentliche Arbeit findet, sieht Mohammad al-Attar die deutsche Szene mit einiger Vorsicht. Vielleicht gab es zu schnell zu viele gut gemeinte Sachen zur Flüchtlingsthematik in den Theatern, die dann nach ihren eigentlichen professionellen Partnern gar nicht mehr gesucht haben. Inzwischen gibt es eine Forderung an die Bundesregierung, unter anderem unterzeichnet vom Schaubühnen-Leiter Thomas Ostermeier und der Gorki-Chefin Shermin Langhoff, verfolgten Künstlern mit einem Unterstützungsprogramm in den hiesigen Kulturbetrieb zu helfen. Das betrifft nicht nur die finanzielle Seite. Die andere, nicht auf gleicher Höhe der Professionalität beachtet zu werden, sieht al-Attar als psychologisch viel gefährlicher: nur noch ein Fall von Kollegen-Charity mit Flüchtlingsbonus zu sein. Dass Abusaada und al-Attar mit der Eröffnungsinszenierung am neuen Spielort der immer noch heftig umstrittenen Volksbühne beauftragt wurden, hat in diesem Kontext gleich eine andere Dimension.

Der Hangar 5 in dem durch die Zeiten immer wieder anders gigantisch wirkenden Flughafenbau in Tempelhof sieht wie eine ausgeräumte Fabrikhalle aus. An einer Kachelwand erkennt man noch den Namen PAN AMERICAN, eine Fluggesellschaft, die einst das Privileg hatte, Westberlin in der westlichen Welt zu halten, und lange schon im Wandel der Welt verloren ging. Eine Art Laufstegpodest nimmt nicht einmal ein Drittel der 4.000 Quadratmeter großen Halle ein. Auf ihm bewerben sich, so die szenische Anlage des Autors, neun junge Frauen aus Syrien für die Rolle der Iphigenie. Sie tragen Kopftuch und Sneakers; der Autor weist darauf hin, dass die alltägliche Probenkleidung wahrscheinlich auch der Endstand ist. Ein Casting von Leben und Geschichte, abgehört werden Texte über den – wie schon bei Antigones Kreon – imaginären Agamemnon. Diese zu Monologen zusammengestellten Texte handeln vor allem von den komplizierten Beziehungen zum Vater. Eine Casting-Leiterin nimmt sie entgegen, für den Zweck einer noch kennenzulernenden Iphigenie aus Syrien in Berlin. Als Einzige im Team wird die Casting-Leiterin von einer professionellen Schauspielerin verkörpert.

Der Grundeinfall ist sofort einleuchtend. Wie sie diese Casting-Schauspielerinnen gefunden haben, fragt man sich. Mit einem Casting, sagt al-Attar verschmitzt. Was es dann insgesamt wird, kann erst mit den Videofilmen über dem Laufsteg beurteilt werden, wenn alles zusammenkommt vor dem Halbrund des in die Halle gesetzten Amphitheaters.

Dieses Ding, das praktisch die älteste bauliche Form des europäischen Theaters in der neuen Volksbühne an ihrem an sich transitorischen Ort verankern soll, war zuletzt ein weiterer Anstoß der Diskussionen um Chris Dercons Konzept. Der Architekt Francis Kéré, der unter anderem auch Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso baut, hatte ein aus dem Hangar herausfahrbares Amphitheater entworfen – das theatrale Gegenstück zu allen Kriegslisten, angefangen bei Troja. Daraus wurde nun, mit sehr viel nachgeschossenem Extrageld, über dessen Verwendung bei der neuen Volksbühne unbedingt nachgefragt werden muss, eine recht einfache Zuschauertribüne. Handelsüblich zu bestellen, hier aber mit blauen Sitzkissen. Am Samstag werden die ersten Zuschauer dieser Iphigenien des Laufstegs sie einweihen – auf schwankender Startbahn.

Info

Iphigenie Mohammad al-Attar, Omar Abusaada Volksbühne Berlin, Tempelhof, Hangar 5. Premiere ist am 30. September

06:00 30.09.2017

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