Nur kein Rausch

Komprimierte Einsamkeit Von der Schweiz aus - ein kleines Lob der deutschen Sprache

Betrete ich Deutschland, befällt mich Euphorie. Steige ich in Basel am Badischen Bahnhof in den Zug ein, ist es, als geriete ich in meinen eigenen Text. Es gibt sie also, diese Sprache, in der ich schreibe! Sie lebt, ich habe sie mir nicht ausgedacht, bin nicht alleine mit ihr! Das Inkognitodasein inmitten der Schweizer Dialekte zerspringt sogleich wie die Mauern einer Strafzelle. Mein illegales, verrücktes Tun ist in Deutschland gar erwünscht, es ist die Norm. Welche Ungeheuerlichkeit - wie wenn ein anstrengendes, gefährliches Dissidententum nicht mehr verpönt ist, sondern zur Bürgerpflicht gehört.

In Deutschland werde ich gesprächig, stelle in Freudentaumel geraten und zur Probe beliebigen Passanten Orientierungsfragen, und sie sprudeln tatsächlich darauf los. Ich beobachte mit steigender Begeisterung, dass sie sich gar nicht anstrengen müssen, um mir den Weg zum Hotel zu erklären. Sie haben in dieser Sprache eine Leichtigkeit und Natürlichkeit, die sie ganz selbstverständlich auch von mir erwarten. Ich bringe sie mit meinem Hochdeutsch gar nicht in Bedrängnis, wie ich es in dem Land, wo ich seit 35 Jahren lebe, den Einheimischen täglich antue. Es gibt zwar Länder, wo man sich gerade durch Schlagfertigkeit und Sprachfarbe die Gunst des Gastlandes sichert, in der Deutschschweiz jedoch ist das Sprachmimikry der Fremden farblos und gebrochen.

Hier klingt mein Hochdeutsch invalid, ich verstümmele es freiwillig, um meine Gesprächspartner mit einer wohl gestalteten Sprache nicht zu verärgern, nicht zu überfordern. Der Überlebenstrieb rät mir, mit ihnen gemeinsam über die Schriftsprache einher zu stolpern. Ich breche die Sätze in der Mitte ab, begehe Grammatikfehler, wähle einfache Worte, ahme im Akzent die hiesige Schwere nach. Ich tue es intuitiv, es ist mir zur Wesensart geworden. Es ist meine Liebeserklärung an die Eidgenossenschaft. Nur nicht eloquent werden, nur keinen Rausch! Je hässlicher, je hilfloser ich spreche, umso beschützter bin ich und verbrauche so weniger Kraft. Bleibe ich auf diese Art hörbar unvollkommen, werde ich keine Konkurrenz und man lässt mich in Ruhe. Ich eile dann zum Computer und tobe mich im Text aus, veranstalte Sprachorgien, beweise mir, dass ich auf Deutsch ganz sein kann. Würde ich mit demselben Entdeckertrieb, mit derselben Sehnsucht nach Geschmeidigkeit arbeiten, wenn ich in Deutschland leben würde und meinen Hunger auf der Straße stillen könnte?

In der Deutschschweiz lebe ich wahrlich bedroht und muss auf der Hut sein. Wage ich, ein allzu glattes Hochdeutsch auf die Einheimischen niederprasseln zu lassen, wird dies als Überlegenheitsgebärde im eigenen Revier dechiffriert und mit Feindseligkeit geahndet. Mehr noch, jeglicher Kontakt wird verunmöglicht und ich werde ausgestoßen. Meine Freude an der Sprache gilt als Anmaßung. Die Zensur des Durchschnittsmenschen ist unbarmherzig. Wiederholt sich hier meine Prägung aus der Diktatur, in der verbotene Worte Fledermäusen gleich im Dunkeln entlang der kommunistischen Mauern flogen? Brauche ich gar diese quälenden Bedingungen, um überhaupt schreiben zu können? Als heimatliche Ecke und als Kommunikationsmittel bleibt mir nur das Schreiben. Es ist diese komprimierte Einsamkeit, aus der alle meine Texte kommen - geographisch zwar direkt an der deutschen Grenze, doch von einer fernen Insel.

Komme ich nach Deutschland, kehre ich aus der sprachlichen Verbannung ins Mutterland zurück, weile im Zustand der Urwonne. Dabei ist das Deutsche gar nicht meine Muttersprache, sondern eine erst mit 30 Jahren gewählte Schreibsprache. Hänge ich deshalb so sehr an ihr, weil sie mir nicht geschenkt worden ist, sondern ich sie mir selbst erarbeiten musste? War diese Sprache nicht meine Auferstehung? Bin ich nicht dank ihr ein Mensch mit einer eigenen Stimme geworden, hat sich nicht mein Menschsein als Erschafferin darin erfüllt? An den Lesungen in der Schweiz werde ich regelmäßig mit der persönliche Beleidigung des Publikums konfrontiert: "Aber Sie schreiben doch besser Deutsch als unsereiner! Wie kann das sein?" Ich antworte darauf geduldig, dass ich seit über zwei Jahrzehnten an dieser Sprache schleife wie ein Tischler an seinen Tischverzierungen, dass das Schreiben ein Handwerk sei und nicht aus der Muttermilch komme, auch wenn es fließen mag.

Während der Lesungen stottere ich nicht, egal ob solch eine Slawin beim Publikum erwünscht ist. Das ist der soziale Ort meiner Freiheit, der Ort der geschliffenen Ästhetik meiner deutschen Schreibsprache. Eher Goldschmiedin bin ich als Tischlerin. Ich strahle, wenn meine geschriebenen Worte wie Diamantendiademe und Perlenketten leuchten, mögen es auch Worte über die Tragödien der Unterdrückten sein, die ich aneinander reihe. Aber all die Mühe würde nicht ausreichen, wenn nicht eine besondere Art von Gnade auf mich niederginge. Jeder Text ist ein Wunder, der mir geschieht, er fügt sich von selbst zu einem Ganzen zusammen, offenbart mir Stilmittel, Gedanken und Bilder, die ich nicht kenne, die ich erst im Schreibprozess kennen lerne. Schreibe ich, finde ich mich auf dieser Welt zurecht, eben so - indem ich sie mitgestalte.

Komme ich zu den Germanen, bringe ich Holz in den Wald, bringe mein Deutsch nach Deutschland, biete es an. In diesem Dickicht gibt es Holzabnehmer. Auf einer Lesung in Osnabrück in diesem Herbst sagte mir eine Frau im Publikum: "Sie schenken uns unsere eigene Sprache zurück. Wir wussten nicht, dass sie so schön sein kann." In Osnabrück wurde ich im schönsten Haus der Stadt untergebracht - die Fassade beschriftet mit goldenen Lettern, die Zimmerdecke abgestützt mit dunklen Holzbalken - im alten Hotel Walhalla, im altgermanischen Himmel, wohin die heiligen Krieger nach ihrem Märtyrertod hinkommen. Erich Maria Remarque verkehrte hier, bevor er wegen seiner Antikriegsbücher das Nazi-Deutschland verlassen musste. Er hatte geschworen, er würde nie mehr den deutschen Boden betreten. Er hielt sein Wort und starb 1970 im Schweizer Exil. Ich hatte als Jugendliche seinen Roman Im Westen nichts Neues in slowakischer Übersetzung gelesen und den Autor verehrt. Ich kehrte nach Walhalla auch für Erich Maria Remarque zurück. Für zwei Tage. Das Schweizer Exil und Walhalla bedingen sich gegenseitig wie Gezeiten.

Irena Brezná, geboren 1950 in Bratislava. 1968 Emigration in die Schweiz. Seit 1980 arbeitet sie als freie Schriftstellerin und Publizistin in Basel. 2002 erhielt sie den "Theodor-Wolff-Preis". 2003 erschien ihr Band: Die Sammlerin der Seelen.

00:00 09.01.2004

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