Nur mal mitgehen

Politik und Theater III Michael Thalheimers "Emilia Galotti" und Christoph Schlingensiefs "Rosebud" - der eine lässt alles weg, wo der andere alles hineinnimmt

Wie ist es nun mit diesem Rot/Rot, das wegen enormer Polarisation der Besitzverhältnisse in Berlin gewählt wurde? Die, die weiter links und manche, die weiter unten stehen, hoffen auf ein Morgenrot, die anderen erwarten, dass Rot/Rot zu einem Todesurteil für Rot in Deutschland überhaupt wird und Ruhe endlich sei vor denen. Aber auch im Januar 2002 legten Gysi und Tausende Rote wieder ihre Blumen auf Rosas Grab. Und Edmund Stoiber kommt herauf mit der Kompetenz, wie man mit Rüstung ein Volk fleißig und glücklich macht. Es polarisiert sich. Es geht hart auf hart. Wenn die Aktien fallen, greifen die ungeduldig gewordenen Herren zu gröberen Mitteln. Nun ist aber genug, jetzt aber Ruhe und nicht mehr gemuckst und gemurxt! Grenzenlose Befriedung. Heimlich halten wir das auch noch für ein Naturgesetz.

Das Theater polarisiert sich auch. Emilia Galotti in der Inszenierung von Michael Thalheimer am Deutschen Theater - ausverkauft - und Christoph Schlingensiefs Rosebud an der Volksbühne - ausverkauft. Größere Gegensätze junger Theatermacher lassen sich nicht denken. Frau Vollmer hat noch bei jener Anhörung vor wenigen Wochen gesagt, sie gehe jetzt öfter ins Theater, in der Hoffnung dort Antworten zu finden. Beide Inszenierungen fällen aber eher Todesurteile für Hoffnungen.

Thalheimer nimmt aus der Emilia alles raus, was Gesellschaftsaktualität herbeizerren könnte. Er lässt den Maler weg, die wechselseitigen Erpressungen der gemieteten Mörder, den Camillo Rota, er lässt die Zeit Lessings weg. Auch unsere Zeit lässt er weg. Alles lässt diese Inszenierung weg außer einem Grundproblem der Bürgerkinder von heute: Bin ich schnell genug, intelligent und schön genug, bin ich den Zufällen des Augenblicks und den Konstellationen des Momentes gewachsen? Kann ich mir Gefühle leisten, darf ich es genießen, etwas zu fühlen, lieben und hassen?

Der Regisseur schleift einen Edelstein aus diesen Fragen, mit denen seine Helden auftreten und abgehen. Es gibt kein Oben und Unten, Emilia und Claudia und Prinz und Odoardo und Appiani, Marinelli und Orsina, sie stehen alle auf einer Ebene, alle sind sie in diesen Nöten. Der berühmte Satz: "Ein Todesurteil wäre zu unterschreiben ..." wird nicht ausgesprochen, einem Todesurteil gleicht die ganze schöne Inszenierung.

Gespannt beobachtet der Zuschauer die unnachgiebige Schnelligkeit, mit der die Texte, die Handlungen einander folgen. Gedehnt sind die Momente der wortlosen Pantomime, einsame, kostbar gehütete Gefühlsäußerungen. Sie sich leisten zu können oder sie niederringen zu müssen, das ist stets die Frage. Text wird nur dann langsam gesprochen und mehrmals wiederholt, wenn er die Lust am Fühlen zeigt. Appiani nach dem Hassausbruch gegen Marinelli: "Tut das gut, tut das gut!" Odoardo: "Ich kenne meine Tochter, ich kenne meine Tochter."

Am Schluss wird der Widerstand gegenüber der Unerfüllbarkeit und Unhaltbarkeit von Gefühlen gelöscht und konsequent wird auch die Idee vom Selbstmord als Protest aufgegeben. Emilia verschwindet in der Masse des Gesellschaftstanzes. Ein wenig erinnert das an den Tanz am Schluss von Schleefs Verratenem Volk, aber dort sind es barfüßige Darsteller, die sich triumphierend ausdrücken. In Thalheimers Emilia sind es eher tote Presseball-Puppen. Traurige Selbstaufgabe. Todesurteil für die noch hoffenden, sich noch anstrengenden, sauberen, gut gekleideten, nachwachsenden Bürgerkinder im Parkett.

Rosebud, das ist Schlingensiefs Todesurteil über seine eigenen Bürgerkindhoffnungen. Kein Kristall der Verzweiflung, kühl und klar, sondern ein Klumpen, qualmend und glühend, so unrein wie nur möglich. Vielleicht, weil er doch hofft, es explodiere sich noch etwas da heraus?

Alle Spieler in dieser Wilson-Parodie stellen gehorchende Gesellschaftsmechanik dar. Schlingensief selber aber schreit ganz lebendig dazwischen: "Mama, Mama!" Er fällt aus der Rolle. Das Stück Rosmersholm von Ibsen wird nicht nur à la Zadek nachgeäfft, sondern es dient als Vorlage für Textteile und Konstellationen. Rebeccas und Rosmers Träume vom Wettbewerb der Edlen und ihr gemeinsamer Selbstmord am Schluss werden als traurige Farce zitiert.

Hauptidee der Inszenierung aber ist das Abbrennen aller erreichbaren Bilder und Formen der kulturellen und gesellschaftlichen Missbildungen der bundesdeutschen Gegenwart. Mit kurzen bunten Knallern oder mit bedeutungsschwangeren Schwelbränden füllt und leert sich die Szene. Abgefackelt werden die Politik, die Medien, die ehemals Linken, die Lehren von Adorno und Heisenberg, Vorbilder von Theater und Film, auch der eigene Ehrgeiz und das eigene Fleisch. Und er meine es ernster als je, so sagt man. Abgefackelt werden: Die manipulierte Herstellung der Nachricht, das Revoluzzertum als Grundlage einer Karriere, die kollateralen Morde, die Privatisierung des Öffentlichen, die auf Erfolg getrimmten Kinder und ihre Anfälligkeit für radikale Lösungen. Ist das alles? Sicher nicht.

Und das kommt mit seinen eigenen Namen und Symbolen daher. Das Authentische wird besser zur Metapher als jede andere Maske. Rolli Koberg heißt der Journalist, Gerhard Schröder heißt der Kanzler, eine Frau Schröder-Köpf lächelt identisch, die FAZ heißt ZAS, es gibt ein Palästinensertuch für den liberalen Verleger, Sado-Maso Geschirr aus Seilen von Soldatenhaar und viele sinnlose Kopulationen. Der Konzern könnte vielleicht noch einmal auf wundersame Weise funktionieren, wenn ein Rolli Koberg die Nachrichten inszeniert, um den Pulitzerpreis zu bekommen, damit er endlich wieder schlafen kann, weil Mama und Papa dann mit ihm zufrieden sind. Das ist das Trauma von Schlingensief und all der Intellektuellen, die trotz ihrer Erkenntnis, dass sie "die Kohle nicht so einfach einstecken dürften" sich weiter anstrengen. Der Kanzler ist zu allem bereit, die Kanzlergattin ebenfalls, "mal etwas zusammen zu machen". Ein "Terrorist" lässt sich leicht einkleiden und anleiten. "Kanzlergattin entführt" - der Aufmacher! Und alle spielen mit. Wenn es nicht herauskäme, dass da etwas nicht stimmt, wenn es nicht zu den kollateralen Schäden käme. Die Journalistin, weil endlich in echt mal was passieren muss, wird erschossen, geköpft und zerrupft.

Der Verleger selber, der Herr und Vater aber hat Probleme mit seiner versagenden und sich umpolenden Sexualität. Er fällt aus, er wählt die Geschlechtsumwandlung. Seine Frau heizt die Männer an, je nachdem mit nymphomanischen Aggressionen oder mit der demonstrativen Aufstellung von Topfpflanzen. Sie gibt schließlich den Schießbefehl, selig in die Dramatik ihrer RAF-Jugend zurückfallend. Der Liberale Guido Kroll will es immer noch richten, und Rolli hält die Kamera drauf bis zuletzt. Der Kanzler, den Bernhard Schütz wunderbar spielt, steht am Ende in verrutschten Hemdsärmeln da, predigend, dass es ein Ende habe und haben müsse, dass er das Projekt nicht mehr will, zu viele Opfer. Er wird so helle und so willenlos, dass ihn die ehemalige RAF-Dame abführen kann: "Komm, Gerhard, komm."

Einige Szenen sollen oder können ans Herz greifen, wenn der Zuschauer sich greifen lässt. Sophie Rois flüstert dem Abgeordneten Guido Kroll ins Ohr, was das Theater noch kann und darf und die Wirklichkeit schon lange nicht mehr könne und dürfe. Bei der Beseitigung der Leichenteile von Frau Köpf wird anmutig eine Strophe Nationalhymne gesungen: "Von der Maas bis an die Memel", es schaudert uns leis.

Die beiden Hauptdarsteller, Volker Spengler und Martin Wuttke, zeigen sich vor dem Vorhang ihre Schwänze, herausgezogen aus der Wäsche, warm und weich. Vetraulich unterhalten sie sich darüber, was da normal und was da schlimm sei. Was ist noch wichtig, wenn es mit den echten Sorgen von Schaupieler-Freunden zusammenfällt? Schlingensief schreit es als Rolli Koberg von der Bühne, so etwa: "Ich habe an sie geglaubt, und sie sorgen sich nur um ihre Penisse!"

Er improvisiert: Kommende Wahlen, die besondere Rolle der FAZ bei der Systemsteuerung, der 11. September. Selber ist er meist gut zu verstehen. Aber es gehen auch Texte unter in der lauten Musik, im dazwischen drohenden Bombardierungskrach, in verfremdeter Artikulation - so wie sie in der Wirklichkeit auch unter gehen. Deutlicher wieder Wuttke alias Kroll: "Ich bin nur mal mitgegangen, weil mir die Gewalt im Moment sicherer erschien als der Rechtsstaat." Das Todesurteil für unsere Hoffnungen.

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00:00 08.02.2002

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