Nur Tiger überleben

Kreuzzug Die Scientology-Sekte ist nicht nur in Westeuropa auf dem Vormarsch. Anmerkungen zu dem Opium der Eliten

Scientology sei eine Psycho-Ideologie, die auf "die völlige Unterdrückung des Einzelnen" ziele. Starke Worte. Zu hören waren sie im vergangenen Jahr von einer Sprecherin der Hamburger Innenbehörde, auf deren Initiative die Innenminister der Länder nun ein Verbot der Organisation prüfen lassen. Was schwierig sein dürfte. Denn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat im April 2007 Scientology ausdrücklich als religiöse Gemeinschaft anerkannt. Die Organisation versuche "geistliche, humanistische oder ähnliche Werte" zu verbreiten, stellten die Richter fest. Worauf am 24. September der Nationale Gerichtshof Spaniens den Scientologen das Recht zusprach, sich in das Register der offiziell anerkannten religiösen Gemeinschaften einzutragen.

Am 5. November 2007 erkannte Portugal Scientology offiziell als religiöse Organisation an und am 3. Dezember stellte die südafrikanische Steuerbehörde fest, Scientology sei eine Wohltätigkeitsorganisation. "In einem solchen Klima einen solchen Antrag zu stellen, ist mehr als unverständlich", stellte die Vorstandssprecherin von Scientology Deutschland, Sabine Weber, selbstsicher fest. Der "Kreuzzug Europa" zeigt Früchte. Scientology ist auf dem Vormarsch. 2007 entstanden weltweit mehr als 1.500 Zentren, Missionen und Scientology-Kirchen. In diesem Jahr wurden neue Gruppen in Afghanistan, Nigeria und Bahrain gegründet, so dass Scientology in 163 Nationen mit insgesamt mehr als zehn Millionen Mitgliedern vertreten ist. Dabei sind die "Abspaltungen" von ehemaligen Scientology-Gurus noch nicht mitgerechnet, die ihrem geistigen Vater Hubbard treu ergeben sind.

Portugal breitete die Arme für die Hubbard-Manager besonders weit auf. Hier werden nicht nur wie in allen Ländern, in denen Scientology als Kirche anerkannt ist, die hohen Einnahmen aus Zeitungen, Verlagen und Kursen, nicht versteuert. Portugal erkennt sogar deren "Geistliche" an und stellt deren Eheschließungen mit der Zivilehe gleich. Diese "Geistlichen" bekommen auch das Recht zur Krankenhausseelsorge, und deren Vorschläge für Scientology-Feiertage finden staatlicherseits Beachtung.

Man stelle sich vor, alle Portugiesen würden am 13. März Ron Hubbards Geburtstag als staatlichen Feiertag begehen, um sich kollektiv an den "Hubbard-Elektrometer", einem "religiösen Hilfsmittel, das während der kirchlichen Beichte benutzt wird" (Hubbard), anzuschließen, um, wie Hubbard schreibt, "Entheta in Theta umzuwandeln. Mit anderen Worten, die Aufspeicherungen von Enturbulierung aus dem Leben einer Person entfernen oder dafür sorgen, dass sie nicht mehr restimuliert sind. Ein Auditor versucht nicht, irgendetwas zu heilen. Er hebt einfach die Tonstufe an." Mit anderen Worten, ganz im Scientology-Slang, ausgedrückt: Die Festplatte des "Beichtenden" muss gelöscht und neu programmiert werden. Das wäre ein Feiertag des Irrationalismus!

Die Vernunft und der Verstand des Menschen sollen zerstört werden. Dies entspricht dem Niveau der heutigen kapitalistischen Gesellschaften. Das lässt sich nicht verbieten. Scientology, so würde Erich Fromm sagen, passt in die Welt des "Marketing-Charakters" und der "unproduktiven Ich-Orientierung". Scientology ist die Glorifizierung eines amerikanisierten Egotrips: Das Leben ist ein "Spiel"! Jeder spielt für sich! Jeder kann Sieger werden! Keiner muss sterben! Jeder kann ewig leben! Kriege sind nur Teile dieses Spiels! Natürlich muss Hubbards "religiöse Philosophie", wie er seine Lehre nennt, durch Kurse im Hirn des "Clears" implantiert werden, um Krieg und Tod siegreich zu überleben.

Mit "positiver Religion" (Hegel) hat diese sich selbst "moderner Buddhismus" nennende Scharlatanerie nichts gemeinsam, was der Name bereits zum Ausdruck bringt. Er setzt sich aus Scientia, lateinisch Wissenschaft, und Logos, griechisch Vernunft, zusammen. Scientology ist weder wissenschaftlich noch von Vernunft geprägt. Der Name Scientology erhebt keinen kirchlichen Anspruch. Ob Muslim, Christ oder Jude - für alle existiert ein Gott, an den geglaubt und dessen Offenbarung gelebt wird. Bei Scientology gibt es keinen Gott, vor dem alle Menschen gleich sind. Hubbards "Tonskala" ist nicht, wie die "Zehn Gebote", eine göttliche Offenbarung. Sie teilt in wertes und unwertes Leben ein. Eine Frau, die es wagt, ihr Kind abzutreiben, rutscht auf dieser Skala auf die Stufe 1.1. Der stramme Scientologe steht auf 4.4. "Leichte Geburten können nur bei Frauen erwartet werden, die relativ hoch auf der Tonskala sind", schreibt Hubbard.

Wie die Praxis dieser Ideologie aussieht, soll ein Beispiel zeigen. Der Bürgermeister der Stadt Perm am westlichen Ural, Wladimir Fil, stellte Scientology im März ein mehrstöckiges Gebäude für die Einrichtung eines Hubbard-Colleges of Administration zur Verfügung. Dort werden Direktoren und Manager von 28 staatlichen oder halbstaatlichen Firmen mit Zehntausenden von Mitarbeitern auf die Scientology-Ideologie eingeschworen. Der Staatsbetrieb "Perm-Motoren", 3.000 Mitarbeiter, steht unter der Führung von Scientologen, die regelmäßig mit der Zentrale in Los Angeles in Verbindung treten müssen. Hier wie in der "Perm-Maschinenfabrik" wurden Hubbard-Colleges eröffnet, in denen die Mitarbeiter geschult werden, um im kapitalistischen Konkurrenzkampf siegen zu können. "Nur die Tiger überleben", sagt Scientology und verlangt unter anderem für Schulungen der Mitarbeiter eine Art Steuer, die deren Wirtschaftszweig World Institute of Scientology Enterprises (WISE) in Los Angeles einstreicht.

Alexander Guriev, der Chef der Permer Provinzverwaltung, ist scientologisch geschult. Ebenso der Verwaltungsdirektor des größten städtischen Industriegebietes sowie der Chef des örtlichen Fernsehsenders T-7 Grigorij Volchek. Perm könnte bald die erste Millionenstadt sein, die scientologisch gemanagt und manipuliert wird. Scientology durchtränkt Russland mit einer Ideologie, die zur Freude amerikanischen Kapitals gedeiht und die die russische Bevölkerung in einzelne "Spieler" zerlegt, die keine gemeinsame Vorstellung mehr von Staat, Nation, Klasse und Gesellschaft entwickeln sollen. Übrigens in Moskau wurde Ron Hubbard nicht nur zum Ehrendoktor gekürt, ein Krankenhaus mit 400 Betten will nach seiner "Narconon-Methode" reichen, alkoholkranken Russen "Entheta" mit mehrstündigen Saunagängen, überdosierten Vitaminzugaben und viel "Hubbard-Messungen" austreiben. Gott kommt hier nicht vor. Aber Geld. Viel Geld.

Zur Erfüllung dieses Zwecks orientieren sich immer mehr deutsche Personalberatungsfirmen an den Prinzipien des Dr. Steven Reiss, der den Scientology-Neopositivismus mit der Aktiengesellschaft EAMS (European Academy for Motivation System), Sitz in der Schweiz, von Ohio nach Europa tragen will. "Macht (Einfluss, Leistung, Führung, Kontrolle)" lautet das erste von 16 "Reiss-Lebensmotiven", die Menschen genauso in ein Raster schieben, wie dies in "Hubbards Tabelle der Einstufung des Menschen" geschieht.

Der Professor aus Ohio hat lediglich Ron Hubbard für Europa geglättet und von viel amerikanischem Kitsch befreit. Der Zweck dieser Philosophie, ob da nun Reiss oder Hubbard die Verpackung ziert, ist der gleiche. Sie soll Geld durch Manipulation "einspielen". Nur ein "hoher Grad an Selbsterkennung bezüglich berufsrelevanter und persönlicher Werte, Ziele und Motive" könne das "eigene Führungsverhalten optimieren". "Wie treffe ich richtige Personalentscheidungen unter Beachtung der Motivation?" "Wie setze ich Teams optimal zusammen?" fragt die Berliner Personalberatung Mannroth, die ihre täglichen Manipulationsaktivitäten auf Dr. Reiss stützt und genau das umsetzt, was auch Hubbards Ziel war. Skrupellose Manager sollen ihren "Job" als "Spiel" begreifen, bei dem jene über die Klinge springen, die keinerlei "Macht"-Motiv in sich verspüren, sondern die sogar noch froh sind, wenn sie mit einem "Ein-Euro-Job" ihr klägliches Leben aufbessern dürfen, ganz zu schweigen von jenen Menschen, die aus Not die Flucht von Afrika über das Mittelmeer auf sich nehmen, um überleben zu können.

Ob Reiss oder Hubbard, jeder aktualisiert den Neopositivismus auf seine Weise und will den Blick auf die Totalität des Lebens verhindern. Eine an sich seiende Wirklichkeit gibt es hier nicht. Der Mensch wird weder als Gattungswesen noch als Individuum verstanden. Alles wird durch den "Thetan" beherrscht. Die Natur als vom Menschen unabhängige Seinskategorie, mit der der Mensch arbeitend in Beziehung tritt, wird negiert; denn alles Denken und Tun ist auf Manipulation anderer und des eigenen Selbst abgestellt. Wie wird mein Staat, mein Betrieb, mein Produkt, mein "Team", wie werde ich im "Spiel" der Konkurrenz zum Sieger? Das ist die Zentralfrage des Scientology-Positivismus. Deshalb gewinnt er in allen kapitalistischen Ländern an Einfluss. Die Wissenschaft soll dem Zweck der universellen Manipulation dienen. Sie soll nicht dazu beitragen, dass sich die Erkenntnis über die Wirklichkeit tatsächlich vertieft. So beginnt jedes Scientology-Seminar damit, die Wirklichkeit als objektive Kategorie zu negieren; denn, so lernen alle Neopositivisten, also nicht nur die Scientologen: Die Wirklichkeit ist immer subjektiv. Daher kommt es nur auf die eigene Sichtweise an, nicht auf die Prozesse von Dingen und Beziehungen von Menschen, die sich hinter den Erscheinungen des eigenen Sichtvermögens verbergen.

Durch bombastisch klingende Termini will Scientology allerdings Wissenschaftlichkeit vermitteln. "Wie es aber eine leere Breite gibt, so auch eine leere Tiefe", würde Hegel vermutlich diese Geistesblasen kommentieren, dessen dialektische Methode die Neopositivisten gar nicht mögen. Ausbeutung, Unterdrückung, Krieg sind nur "Spiele" für den Scientologen, also nichts, was zur gesellschaftlichen Totalität gehört. Spiele sind aber bekanntlich immer Begegnungen von einzelnen Menschen, nicht von Völkern oder Klassen. Im echten Spiel ist die gesellschaftliche Wirklichkeit der Menschen ausgeklammert. Im Spiel kommen nur Spaß und Freude auf, wenn der Ehrgeiz die Spieler dazu treibt, die eigene Technik und Methode zu verbessern, um Sieger zu werden. Was im Spiel Spaß bringen kann, ist im Leben allerdings oft unmenschlich und tödlich. Die Wirklichkeit ist nämlich kein Spiel. Sie ist eine Totalität von Totalitäten natürlicher und menschlich-gesellschaftlicher Prozesse. Hier geht es um Leben und Tod, um Klima, um Hunger, Angst, Furcht, Lust, Liebe und Vernunft. Um in dieser Totalität menschlich denken und handeln zu können, braucht es keinen Neopositivismus, gleichgültig in welchem Gewand er daher kommt, sondern einen wissenschaftlich ungetrübten Blick auf diese Gegebenheiten. Dialektisches Denken ist gefragt und ein Blick, der begreift, dass wir in dieser Totalität des gesellschaftlichen Seins intensiv von den ökonomischen Kategorien geprägt werden und nicht von einem "Thetan" oder einer "Energie" oder von sonstigen Weltgeistern oder Außerirdischen.

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