Nur vier Jahre Zeit

Schwarzafrika Pascoal Mocumbi, Regierungschef der Republik Mosambik, über ein nationales Entwicklungsmuster in wenig aussichtsreicher Situation

FREITAG: Ihre Regierung hat sich für ein ehrgeiziges Projekt zur Armutsbekämpfung bis 2004 entschieden. Worauf zielt es?

PASCOAL MOCUMBI: Die Mehrheit unserer Bevölkerung - 11 Millionen von insgesamt 15,7 Millionen Menschen - lebt unter der absoluten Armutsgrenze, und dies, obwohl die meisten sehr hart arbeiten. Die Regierung kann dagegen nicht soviel tun, wie sie gern wollte. Aber sie kann wenigstens für bessere Rahmenbedingungen sorgen, durch den Ausbau des Straßennetzes etwa, um Agrarzonen mit den Märkten zu verbinden. Wir bieten außerdem Programme an, damit die Landbevölkerung die Grenzen der Naturalwirtschaft durchbricht und auch für den Markt produziert. Diese Programme gelten dem Umgang mit einfachen Technologien, mit Pestiziden oder der richtigen Getreidelagerung. Wir fördern Kleinbauernkooperativen und helfen ihnen, sich über Marktpreise zu informieren. 80 Prozent unserer Bevölkerung leben immerhin von der Landwirtschaft. Daneben setzt der Vierjahresplan auch auf den Zugang der Kinder zu Bildung, auf verbesserte Gesundheitsfürsorge, auf Aidsbekämpfung, auf Arbeitsplätze.

Sie wollen auch bei modernen Kommunikationstechnologien Anschluss halten. Ist denn das für ein Land mit einer derart hohen Analphabetenrate überhaupt denkbar?

Sie übersehen, dass seit der Unabhängigkeit von 1975 diese Rate deutlich zurückging. Leider liegt sie in der Altersgruppe der 40- bis 60-jährigen immer noch bei etwa 50 Prozent. Priorität hat die Elementarbildung. Wir haben mit dem Umstand zu kämpfen, dass Kinder weiterhin aus der Schule genommen werden, wenn sie ins heiratsfähige Alter kommen, also bei uns mit 13 oder 14. Dann werden sie in der Familie zum Geldverdienen gebraucht.

Was tun Sie dagegen?

Die Regierung stellt jetzt Geld zur Verfügung, damit die Kinder in der Schule bleiben können. Wir tun das besonders für junge Mädchen, um dadurch die Rolle der Frauen gezielt zu stärken.

Der Zugang zu modernen Kommunikationstechnologie hängt auch von der entsprechenden Infrastruktur ab ...

Eben, deshalb drängen wir ja jetzt mit der Infrastruktur von Telekom ICT auch in ländliche Regionen. Armut, das betone ich ausdrücklich, heißt für Mosambik nicht nur Mangel an Lebensmitteln, es heißt eben auch: Mangel an Informationen. Nur wer dazu Zugang hat, kann sich eine eigene Meinung bilden, gezielt mit seinem Produkt auf einen Markt gehen und ist weniger empfänglich für Manipulationen.

Sie haben nach dem Friedensabkommen von mit der Guerilla der RENAMO (*) im Jahr 1992 die sozialistische Option aufgegeben - wie definieren Sie den seither vollzogenen Wandel?

Als sehr reformbewusst.

Mit welcher Konsequenz?

Unsere Wirtschaft entwickelt sich von einer zentralistischen hin zu einer dynamischen Marktwirtschaft. Wir haben seit 1994 mehr als 1.000 Gesellschaften und Firmen landesweit privatisiert und den Einfluss des Staates gezielt reduziert. Uns fehlt leider qualifiziertes Personal für das Management. Nur in Maputo gibt es einen Lehrstuhl für Betriebswirtschaft.

Haben Sie Vorbilder für Ihr Programm?

Was heißt Vorbilder? Das Wichtigste ist, dass wir etwas für die makroökonomische Stabilität Mosambiks tun. Das heißt, sinkende Inflations- und hohe Wachstumsraten. Nur dann kommen Investoren. Außerdem wollen wir sicherstellen, dass es sowohl große Investitionsprojekte als auch mittlere und kleine gibt. Drittens müssen wir unser gesamtes Finanzsystem reformieren, besonders Banken müssen davon überzeugt werden, auch kleinen Unternehmen Kredit zu gewähren.

Warum haben Sie dass nicht längst eingeleitet, wenn es doch seit 1992/93 eine veränderte Orientierung gibt?

Weil der politische Wandel im Vordergrund stand. Wir haben das Einparteien-System durch eine pluralistische Demokratie mit freien Wahlen abgelöst. Es herrscht absolute Pressefreiheit. Bis 1995 gab es nur einen öffentlichen Radiosender, heute existieren diverse kommerzielle Kanäle. Wir suchen und fördern den permanenten Dialog zwischen Regierung und Gesellschaft, über die Medien, auch über die NGO, die wir stärken.

Was nutzt Ihnen die Kooperation mit der Weltbank und IWF?

Sie ist vor allem für die Entschuldungspolitik unverzichtbar.

In welche Branchen bieten Sie geneigten privaten Investoren die besten Konditionen?

In der Fischverarbeitung, im Bergbau, aber natürlich auch in der Landwirtschaft. Nicht zu vergessen: der Hafenausbau, die Infrastruktur überhaupt. Dazu gibt es ein Potenzial in der Tourismus-Branche, besonders beim Ökotourismus. Das ist bisher weder erkannt, noch entwickelt. Aber es wird kommen! Sehen Sie sich allein unsere traumhaft schöne 2.700 Kilometer lange Küstenlinie an.

Wie viel der Hilfe, die Sie benötigen, kommt bislang von externen Investoren?

Etwa 60 Prozent des Geldes, das wir benötigen, sind nach wie vor internationale Hilfe. Wir werden noch etliche Jahre mit einem stabilen Wachstum brauchen, um unabhängiger zu werden.

Welche Rolle spielt der Schuldenerlass für Ihr Land?

Lange Zeit haben uns die hohen Schulden massiv behindert. Sie fraßen unsere gesamten Exporteinnahmen auf, wenn der Schuldendienst zu leisten war. Das heißt, Ende der neunziger Jahre haben wir 120 Millionen Dollar verdient und genauso viel pro Jahr zurückgezahlt. Augenblicklich - mit der ersten Phase des Schuldenerlasses - sind nur noch 50 Millionen Dollar pro Jahr erforderlich.

Wofür verwenden Sie verbleibende Exporteinnahmen?

Für Bildung und Wasserversorgung.

Mosambik hatte zwei schreckliche Flutkatastrophen zu überstehen, eine im Vorjahr - die letzte vor zwei Monaten.

Ja, mit gravierenden Folgen. 2000 hatten wir ein Wachstum von sechs bis sieben Prozent erwartet, es waren dann aber nur 3,8. Für dieses Jahr kalkulierten wir ursprünglich mit acht Prozent. Wie schwerwiegend die Einschnitte diesmal sein werden, ist noch nicht abzusehen. Zum Glück gab es in diesem Jahr nicht so viele Opfer zu beklagen. Die Mosambikaner sind ungemein optimistisch und tatkräftig.

Das Gespräch führte Barbara-Maria Vahl.

(*) teilweise von Südafrika gestützte bewaffnete Widerstandsformation gegen die regierende FRELIMO-Partei.

Pascoal Mocumbi ist seit 1994 Premierminister der Republik Mosambik. Der 60jährige, der in der Schweiz und in Frankreich Medizin studierte und seit 30 Jahren aktiv die Politik seines Landes mitbestimmt, repräsentiert eines der zehn ärmsten Länder der Erde: Mit einem der niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen (100 Dollar/ Jahr - Deutschland 25.600 Dollar/Jahr) und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 46 Jahren. Seit seiner Amtsübernahme favorisiert Mocumbi einen strikt marktwirtschaftlichen Kurs und fördert die Regionalintegration der Southern African Development Community (SADC).

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 01.06.2001

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare