NZZ expandiert mit Deutschland-Abo

Medien Die alte Tante will ihren deutschen Lesern erklären, wie Merkel tickt. Ob das Konzept des "anderen Blicks" aufgeht?

Der Newsletter hat als mediale Form eine erstaunliche Karriere hingelegt. Lange Zeit eine Art Teletext im digitalen Zeitalter, ist er etwa beim Berliner Tagesspiegel zum heimlichen Kernprodukt gewachsen. Von der Schweizer NZZ gibt es nun eine wöchentliche Premium-Mail des Chefredakteurs Eric Gujer. Sie heißt Der andere Blick. Er ist wesentlicher Teil eines Angebots für Leser in Deutschland. Nun ist der „andere Blick“ erst einmal eine wohlklingende Behauptung. Aber Gujer kann auch konkret werden. So verlinkt sein Newsletter auf einen Artikel, der sagt, was die deutsche Polizei von den Kollegen der Schweiz lernen könnte (Gummischrot einsetzen). Die bittere Wahrheit ist, dass Ratschläge von Schweizern in Deutschland auch dann für putzig gehalten werden, wenn die mal so richtig durchgeben wollen, wo Barthel den Most holt. Oder gerade dann.

Bleibt der Humor. Der Newsletter endet mit einem „Gipfeli der Woche“. Man kann sich nicht vorstellen, dass das irgendjemanden anspricht, außer ein paar sentimentalen Auslandsschweizern, die an den Humor des Nebelspalter denken. Aber vielleicht ist diese Zielgruppe unterschätzt. In der digitalen Welt sucht der Leser auch nach Heimat. Dazu gehört nicht zuletzt die Alte Tante selbst. Geliebt für ihre Auslandskorrespondenten, belächelt für ihre Steifheit, geschätzt für ihren nüchternen Ton, ist die NZZ ein zum Bleisatz geronnenes Klischee: völlig unsexy, dafür total seriös. Die NZZ würde nie Skandale machen, aber sie würde über einen Skandal auch nicht hysterisch werden.

Aus Mix soll Marke werden

Dafür schätzt man sie weltweit. Hier in der Redaktion liegt die Internationale Ausgabe der gedruckten NZZ oft im Zimmer des Auslandsredakteurs, wenn man sie sucht. Aber diese Internationale Ausgabe verschwindet nun so langsam in einem Medienmix aus E-Paper, Newslettern und Linksammlungen. Und die NZZ wird sich etwas untreu und fängt nun an, selber häufiger „Skandal!“ zu schreien. Denn aus diesem Mix soll ja noch eine Marke werden, mit einem Claim: Das digitale Deutschland-Abo mit Chef-Newsletter heißt NZZ Perspektive.

Fast gleichzeitig startete ein auf deutsche Nutzer zugeschnittenes Angebot aus Österreich. derStandard.de wirbt online ebenfalls mit dem „unabhängigen Blick“, und zwar ebenfalls von „außen“. Was soll das? In der Ethnologie um 1900 mag das zu genauen Beschreibungen von fremdartigen Stämmen gedient haben. Warum sollte es aber einen Mehrwert haben, wenn jemand in Wien oder Zürich am Rechner sitzt und eine Meinung zu Frau Merkel in die Tasten haut?

Nicht Deutschland wird durch die NZZ irgendwie verschweizert. Die NZZ wird vielmehr immer deutscher. Dazu passt diese Personalie: Marc Felix Serrao schrieb für die Süddeutsche und die FAS, bevor er bei der NZZ in Berlin anheuerte, als einer von drei Redakteuren für die Deutschlandexpansion des Zürcher Weltblatts. Vermutlich wird Herrn Serrao zum Beispiel Herr Schüüch aus dem Nebelspalter kein Begriff sein. Aber das ist egal. Sein Chef schließlich war viele Jahre Korrespondent in Berlin, Gujer kennt den deutschen Politikbetrieb in- und auswendig. Wenn schon, hat er einen Blick von „innen“. Die Alte Tante hat eben nicht einen „anderen Blick“, sondern primär immer noch sich selbst. Und das findet schon ein Publikum. Es zeigt sich an der gutbesuchten Reihe NZZ Podium hier in Berlin. Wenn es die NZZ schafft, diesen Spin in ein publizistisches Angebot zu übersetzen, dürfte das (deutsche) Interesse messbar sein.

06:00 27.09.2017

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